Internet-Satire Ahmadinedschads Netz der falschen Freunde

Die Nutzer von MySpace und Facebook haben eine neue Form der Unterhaltung entwickelt: Social-Network-Satire. Da ist Irans Präsident mit Adolf Hitler befreundet, die Berliner Mauer steht noch - und Josef Stalin hat einen Schnurrbart-Fanclub.

Mahmud Ahmadinedschad hat 174 Freunde auf der US-Plattform Facebook. Wladimir Putin gehört nicht dazu, auch wenn man beim Staatsbesuch in Teheran gestern einen anderen Eindruck gewinnen konnte. Muammar al-Gaddafi dagegen hat nur 104 Freunde. Libyens starker Mann ist gegen Irans obersten Atomfan netzwerktechnisch betrachtet beinahe ein Mauerblümchen.

Ein schiefes Bild, das mit der Mauer. Die steht nämlich gar nicht Gaddafi nahe, sondern Ahmadinedschad. Die Berliner Mauer, um genau zu sein. "Berlin Wall" ist einer von "Mahmouds" 174 Kontakten, ebenso wie der chinesische Staatspräsident Hu Jintao, Simbabwes Diktator Robert Mugabe, Kim Jong Il - und Jar Jar Binks, der flatterorige Dauerquatscher aus "Episode 1", den echte "Star Wars"-Fans fast ebenso hassenswert finden wie die beiden Diktatoren. Außerdem: ein gewisser Sigismund Schlomo Freud - und ein Mann namens Ade Mahoney, der aussieht wie der Nikolaus.

Viele von Ahmadinedschads Netzwerk-Freunden sind bereits im Jenseits: Adolf Hitler etwa, Idi Amin und ein schwarzweiß fotografierter Pickelhaubenträger namens "Das Kaiser". Die drei sind übrigens auch Kumpels von Gaddafi - wen wundert's. Ein regelrechter Alleinherrscher-Freundeskreis ist da entstanden, der über die Grenzen des Todes hinausreicht.

Kollektive Humorpflege statt Selbstdarstellung

Nicht nur bei Facebook, auch bei MySpace und auf anderen Plattformen ähnlichen Typs ist das Spiel mit der Identität längst zum Mittel der Selbst-Unterhaltung geworden. Zuerst feilte man ein bisschen an der eigenen Darstellung - vorteilhafte Fotos, eine geschmackvoll klingende Auswahl von Lieblingsbands, interessante Hobbys… Inzwischen geht man einen Schritt weiter: Entstanden ist eine ganz neue Art von kollektiver Humorpflege, eine, die nur in Internet-Gemeinschaften funktioniert. Netzwerk-Satire eben. Der "social graph" der Communities, der Vermarktern im Augenblick Glückseligkeits-Schauer über den Rücken jagt, das Netzwerk an sich wird zum Nonsens-Werkzeug.

Weil es automatisch lustig ist, wenn zu den Kumpels des iranischen Präsidenten nicht nur ein bärtiger Saddam Hussein, sondern auch Garry Glitter und ein Mann im Ronald-McDonald-Kostüm gehören. Und weil man mit einem gefälschten Profil, in dem Hillary Clinton verkündete, sie werde George W. Bush "ins Exil im All schicken" im US-Vorwahlkampf für ein bisschen Wirbel sorgen konnte. Bei MySpace hat man, um nicht in Verruf zu geraten, eine Art Reservat für garantiert echte Politikerprofile eingerichtet.

Fließende Grenzen und ein echtes Präsidenten-Blog

Wie bei jeder Satire sind auch hier die Grenzen fließend: Einige der Facebook-Freunde des von irgendeinem Scherzbold hergestellten Profils von Mahmud Ahmadinedschad meinen es womöglich ernst und wollen mit ihrem Bekenntnis zum Holocaust-Leugner auch ein Bekenntnis gegen Israel oder für eine iranische Atombombe abgeben. Der Nahost-Konflikt wird auf Internet-Plattformen stets hitzig debattiert, auch auf englischsprachigen. Zudem hat der falsche Ahmadinedschad im Netz einen echten Widerpart: Der Präsident betreibt seit über einem Jahr ein eigenes Weblog, das zwar nur sehr unregelmäßig befüllt wird, aber todernst gemeint ist.

Der Ost-West-Konflikt dagegen hat nicht nur weltpolitisch ausgedient, er ist auch online inzwischen vor allem für Lacher gut. Bei Facebook gibt es zum Beispiel die "Josef Stalin Moustache Appreciation Society", die sich der Würdigung des berühmten Schnurrbartes verschrieben hat. Der Kalte Krieg hat sogar eine eigene Profilseite - mit über 600 Freunden. Wobei wiederum fraglich ist, ob all die adretten jungen Menschen, die auf der Freundesliste von "Cold War" stehen, sich tatsächlich das Wettrüsten zurückwünschen.

Bei Facebook kann der Nutzer entscheiden, wem er wieviel von sich preisgeben möchte - oft kann man sich die Profilseiten von Mitgliedern erst ansehen, wenn man ihnen auch freundschaftlich verbunden ist. Privatsphäre ist gut - aber leider schlecht für den Witz.

Zu gern hätte man gewusst, wie sich die Berliner Mauer selbst so darstellt. Ob Ahmadinedschad die "Wo ich schon überall war"-Anwendung in sein Profil integriert hat, oder ein virtuelles Aquarium, für das ihm Hitler ab und zu einen digitalen Fisch schenken könnte. Wer alles in sein Gästebuch geschrieben hat - das bei Facebook übrigens "The Wall" heißt. "Berliner Mauer, Mahmud Ahmadinedschad hat etwas auf deine Mauer geschrieben", könnte eine Netzwerk-interne Nachricht lauten. Oder: "Kalter Krieg, die Berliner Mauer hat dir eine Nachricht geschickt: Es ist aus."

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