Internet-Störche Blut, Schweiß und Tränen

Otto-Normalstorch hat's nicht leicht. Oft ist die Nahrung knapp, und dann muss man schon mal den Nachwuchs dezimieren. Weltweit verfolgen zehntausende Surfer das Schicksal der Internet-Störche aus Vetschau, von Naturschützern bis zu geschockten Grundschülern.


So friedlich geht es nicht immer zu: Gut möglich, das der Altvogel gerade sein Junges verdaut
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So friedlich geht es nicht immer zu: Gut möglich, das der Altvogel gerade sein Junges verdaut

Der Alt-Storch fackelt nicht lange: Er schnappt das vier Tage alte Küken mit dem Schnabel, schüttelt es hin und her und bricht ihm den Hals. Schließlich verschlingt der Adebar das hilflose Junge. Via Internet flimmern die Bilder am 27. Mai live vom Weißstorch-Zentrum im brandenburgischen Vetschau auf heimatliche Computer-Bildschirme. Der Naturschutzbund (Nabu) Deutschland informiert anhand der "Internet-Störche" über die Tiere und betreut eine wachsende, internationale Fan-Gemeinde.

"Ich bin sehr traurig, dass das allerliebste fünfte Küken Siegfried nicht mehr da ist", schreibt Antje Stammich nach dem Drama im Nest. "Könnt ihr nicht ein Netz unter das Nest spannen, um rausgeworfene Junge zu retten", fragt ein Surfer, nachdem ein zweites Junges starb, als es aus 12 Metern Höhe auf die Straße stürzte. "Die Nachricht vom Tod der beiden Küken hat bei meinen Schulkindern ungläubiges Entsetzen ausgelöst", teilt Lehrerin Gunhild Wandschneider mit. Sie nahm das Drama zum Anlass, um Viertklässlern die grausamen Abläufe der Natur zu erklären.

Siegfried starb nicht ohne Grund

Zuschauer bitten darum, die Störche zu füttern, damit sie nicht aus Futtermangel gezwungen sind, die Anzahl ihrer Jungen zu reduzieren. Doch der 58-jährige Projektleiter Winfried Böhmer vom Nabu-Regionalverband Calau bleibt hart: "Wir haben uns entschieden, nicht in die natürlichen Abläufe einzugreifen", sagt er. Hunderten Storchenpaare ergehe es ähnlich. "Wir müssen die Biotope naturgerechter gestalten", wird der ehrenamtliche Naturschützer nicht müde zu appellieren. Nur dann gelinge es einer Storchenfamilie dauerhaft, die täglich benötigten vier Kilogramm Futter - darunter Frösche, Eidechsen und Mäuse - heranzuschaffen.

1997 richtete der Nabu eine Videokamera für die Besucher des Storchenzentrums und zu wissenschaftlichen Zwecken ein. Seit 1998 verfolgen auch Internet-Surfer das Leben und Sterben der Tiere: Vom Storchen-Sex über die Eiablage, das Schlüpfen der Jungen, der Tötung der Schwächsten bis hin zu den ersten Flugversuchen der Halbstarken. Im vergangenen Mai verzeichnete die Web-Seite mit einer halben Million Zugriffen einen Besucherrekord. Seit Jahresbeginn wurde die Seite mehr als 870.000 Mal aufgerufen.

Absoluter Höhepunkt der Storchen-Fangemeinde ist das Schlüpfen des Nachwuchses. An den errechneten "Geburtstagen" übertreffen sich aufgeregte Beobachter gegenseitig mit der Nachricht, Küken entdeckt zu haben. Am 19. Mai kriecht das erste Jungen aus dem Ei und erhält den Namen der Entdeckerin - "Hanna". Das Ereignis wird von Kalifornien bis Kapstadt registriert. "Wunderschön. Ich bin ganz feierlich", schreibt Geralde Otto aus Südafrika.

Das Gästebuch verzeichnet mittlerweile 800 Einträge, sagt Böhmer. 4000 Menschen besuchten im vergangenen Jahr das Storchenzentrum in dem Ort mit 7700 Einwohnern. "Mit unserem Projekt wollen wir auch den Spreewald-Tourismus fördern", nennt Böhmer einen Nebeneffekt. Die Stars in Vetschau nehmen indes wenig Rücksicht auf ihre Fans: Im August treten die Störche ihre Reise in das 10.000 Kilometer entfernte Südafrika an - ohne Kamera.

Bettina Grachtrup, dpa



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