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11. März 2008, 16:57 Uhr

Internet-TV

Stage6 ist tot - die Klone kommen

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In den Foren der Web-Film-Fans herrscht Jammer und Zähneknirschen, seit das bahnbrechende Web-TV-Angebot Stage6 dicht gemacht wurde. Doch die Ära des gestreamten Web-TV hat gerade erst begonnen - und neue, legale Quellen wie Hulu könnten eine erstaunlich wichtige Rolle dabei spielen.

Drei Summen erklären die überraschende Schließung des Videoportals Stage6. 30 Millionen Dollar heißt die erste. Diesen Betrag verlangte die Universal Music Group 2006 von der Stage6-Betreiberfirma DivX - denn bei Stage6 waren unautorisiert Musikvideos des Unternehmens veröffentlicht worden. Nach einem kurzen Schlagabtausch schien eine Klage abgewendet - am 6. Februar dieses Jahres kam sie doch. Knapp zweieinhalb Wochen später war Stage6 verschwunden. Mit der Klage endete auch ein Feststellungsverfahren, das DivX angestrengt hatte - und das Stage6 vielleicht richterlich bescheinigt hätte, unter der sogenannten Safe-Harbor-Regelung zu operieren. Damit hätte DivX kommende Klagen durch Löschung von als illegal angemahnten Inhalten abwenden können.

Richtungweisende Web-Videoseite Stage6: Kommt da noch was?

Richtungweisende Web-Videoseite Stage6: Kommt da noch was?

Elf Millionen Dollar bot am 6. März Brad Greenspan, Mitbegründer von MySpace für Stage6 - in letzter Zeit beschäftigt er sich damit, bekannte Video-Webseiten mit Finanzsorgen aufzukaufen. Drei Millionen sollten bar fließen, der Rest sollte sich aus Sachleistungen zusammensetzen. Dazu zählte ein Vier-Millionen-Anteil an einem zu gründenden Video-Portal, in das angeblich auch die Greenspan-Firma LiveVideo sowie die kürzlich von ihm aufgekaufte Site Revver.com einfließen sollten.

Das Angebot konnte die Firmenleitung von DivX nicht locken - vielleicht, weil der Bar-Anteil noch nicht einmal die angehäuften Kosten gedeckt hätte. Denn allein im letzten Quartal soll DivX für den Betrieb von Stage6 rund vier Millionen Dollar zugeschossen haben. DivX begründete die Schließung folglich mit den laufenden Betriebskosten und dem Hinweis, für Stage6 keinen Käufer gefunden zu haben.

Dabei hatte DivX einmal eigene Pläne mit der Seite: Im Sommer 2007 ventilierte die Firma sehr selbstbewusst die Idee, Stage6 als eigenständiges Unternehmen ausgründen, um den Web-Videomarkt aufzurollen. DivX-Gründer Jordan Greenhall erklärte seinen Abschied aus der Geschäftsleitung und begann mit dem Aufbau des Firmen-Ablegers. Ursprünglich war Stage6 nur als Showcase für den DivX-Codec gedacht, der bis dahin vor allem in P2P-Kreisen populär war. Wohl auch wegen Stage6 hat sich der Codec inzwischen zu einem der am weitesten verbreiteten Komprimierungs-Codecs überhaupt gemausert - kaum noch ein DVD-Player, Mobilgerät oder Festplattenrekorder, der darauf verzichtet.

Aus der vermeintlich kostengünstigen Leistungsshow im Netz entwickelte sich eines der populärsten Video-Webangebote überhaupt. Greenhall witterte die Chance, den zunehmend lukrativen Werbemarkt angehen zu können. Denn dass sich mit Videos im Web Geld verdienen lässt, wenn man attraktive legale Inhalte zu bieten hat, ist eine ausgemachte Sache: Laut Disney-Chef Robert Iger machte sein Konzern allein online im vergangenen Jahr einen Umsatz von über einer Milliarde Dollar - das Gros davon durch Werbung, die im Umfeld kostenfrei veröffentlichter TV-Serien im Web geschaltet wurde.

Vielversprechende Aussichten? Die Firmenleitung von DivX schien das anders zu sehen: Bei der Vorstellung des Business-Plans im November 2007 ließ sie das Stage6-Konzept durchfallen, Greenhall verließ das Unternehmen im Protest. Für viele Blogger und Foren-Diskutanten ist die Sache in Rückschau damit klar: Das Sterben von Stage6 begann Ende letzten Jahres.

Mitte der Woche will die Geschäftsführung von DivX Stellung zu den offenen Fragen beziehen. War die Schließung von Stage6 eine Art Notbremse, um weitere Klagen zu vermeiden? Verpasste DivX schlicht die Chance, ein lukratives Video-Venture auf die Beine zu stellen, für das laut Techcrunch bereits 25 Millionen Dollar Anschubfinanzierung von Investoren bereitstanden? Oder kommt da einfach noch etwas?

Denn Stage6 hat fraglos einen Markt bereitet, der weiter gefüttert werden will. Das zeigt sich an den - eher rührenden - Online-Petitionen, die nach einer Fortführung des Angebots rufen. Ärgerlicher aus Sicht der Entertainment-Industrie und kaum wünschenswert aus Sicht von DivX dürfte aber sein, dass nun erste, durch und durch illegal operierende Stage6-Klone entstehen. Schon beginnen die ersten Video-Aggregatorenseiten damit, auf erst vergangene Woche entstandene Videoseiten zu verweisen, die ihre DivX-Daten nicht mehr bei Stage6 hinterlegen, sondern beispielsweise auf Servern in China und den Niederlanden. In gewohnt erstklassiger DivX-Qualität lassen sich nun wieder Top-Kino-Highlights wie "10.000 B.C." oder "Elisabeth" betrachten.

Erste illegale Stage6-Klone füllen die Lücke in der Web-TV-Landschaft - und die Industrie antwortet mit kostenlosen Inhalten

Der Markt ist da

Doch es gibt noch ein neues Phänomen auf den Aggregatorenseiten, das erklären könnte, warum dem DivX-Board Zweifel über die Chancen eines Web-Filmvertriebs gekommen sein könnten. Erstmals finden sich dort seit Dienstag massiv Links hin zu legalen Filmquellen: Hulu ist online.

Das in YouTube-Kreisen lange als "Clown Inc." verlachte Videoportal ist der erste Versuch der Entertainment-Industrie, selbst mit werbefinanzierten Web-Videos in den Markt einzugreifen. Fox, MGM, Sony and Universal machen mit und offerieren Top-TV-Serien und einzelne Filme.

Und anders als die Musikindustrie, die sich zur Zeit der ersten P2P-Börsen jahrelang streitend gegenseitig auf den Füßen stand, statt auf die Herausforderung zu antworten, scheinen die Film- und TV-Firmen die Sache gleich ernsthaft anzugehen: Überraschend liberal ist vor allem der Umgang mit der Video-Ware bei Hulu. Nicht genug, dass Hulu seine Inhalte an Partner ausliefert, es erlaubt auch, die Inhalte auf privaten Webseiten und auf den Profilseiten von Social Networks einzubinden - klar, die Werbung nimmt man ja mit.

Zumindest in den USA könnte das die Web-TV-Landschaft völlig auf den Kopf stellen. Bisher waren es gar nicht die so hoffnungsvoll gestarteten Videoseiten selbst, über die Film- und TV-Sucher ihre Inhalte fanden, sondern die Aggregatorenseiten, die die auf fremden Servern versteckten Raubkopien zugänglich machten. Auch der Erfolg, an dem Stage6 angeblich erstickte, kam so zustande: Über die Stage6-Seite fand man Kurzfilme und (fast immer legale) Musikvideos. Durch die Hintertüren von Aggregatoren wie Joox fand man auf den Stage6-Servern aktuelles Kino.

Abschied vom Graumarkt?

Jetzt deutet sich an, dass Angebote wie Hulu diesen Graumarkt zwischen den Videoseiten für sich instrumentalisieren könnten. Die Effekte könnten massiv sein: Ein Raubkopien-Parkplatz wie das weitgehend unbekannte Tudou aus China liefert täglich fünfmal mehr Video-Minuten aus als das in den Medien beachtete YouTube. Geschuldet ist das der Lauflänge der dort hinterlegten Filme: Netz-Nutzer suchen im Web schon lange nicht mehr nur nach körnigen YouTube-Häppchen, sie wollen fernsehen.

Und dabei ist ihnen die Quelle eines Streams völlig egal - Hauptsache, die Qualität stimmt: Sie suchen nicht nach Raubkopien, sondern nach Inhalten. Mag sein, dass das Ende von Stage6 und der Beginn von Hulu eine Wende in der Geschichte des gestreamten Web-TV markiert - zumindest in den Staaten. Denn hierzulande bekommt man attraktive legale Inhalte wie Hulu nicht zu sehen.

Legal oder illegal, die Zukunft ist auf jeden Fall HD - und hier stehen sich derzeit nur zwei diskutable Optionen gegenüber: Videos, die wie bei Hulu via Flash ausgeliefert werden und mit dem von der Aachener Firma Main Concept entwickelten H.264-Codec kodiert sind auf der einen, der DivX-Mpeg4-Codec auf der anderen. Der findet nun zum Beispiel auf Microsofts Xbox und ihren Online-Filmdiensten seinen Einsatz.

Mag sein, dass DivX zu diesem Thema am Donnerstag noch mehr zu sagen hat.

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