SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

26. November 2009, 16:24 Uhr

Internet und Gesellschaft

Erschöpft, aber nicht geknechtet

Droht uns eine Machtübernahme durch autoritäre Maschinen, die unsere wachsende Abhängigkeit von Computer und Internet ausnutzen? Frank Schirrmacher hat ein vielbeachtetes Buch mit dieser These geschrieben und damit beifälliges Nicken ausgelöst. Christian Stöcker nickt nicht.

An meinem Arbeitsplatz in der Redaktion von SPIEGEL ONLINE stehen zwei Monitore. Darauf verteilt sich ein Großteil des Informations- und Kommunikationschaos, dem ich mich an jedem Arbeitstag aussetze: ein Redaktionssystem, in dem Artikel bearbeitet werden, mehrere Browserfenster, jedes mit 3 bis 30 geöffneten Tabs, ein RSS-Reader mit mehreren Dutzend Feeds von verschiedenen Weblogs, Nachrichtenseiten und anderen Quellen, ein Ticker mit den Meldungen der großen Nachrichtenagenturen und natürlich ein E-Mail-Programm. Dazu kommen in regelmäßigen Abständen aufpoppende Nachrichten eines Instant-Messaging-Systems, und, seit einiger Zeit, ein Fensterchen rechts unten in der Ecke meines Standard-Browsers, in dem kontinuierlich Twitter-Kurznachrichten einlaufen. Ab und zu klingelt auch das Telefon.

Zwischen all diesen Informations- und Kommunikationskanälen springe ich hin und her, immer in dem Bewusstsein, dass ich unmöglich alles aufnehmen und verarbeiten kann, was da minütlich an Neuem auftaucht.

Wenn ich abends nach Hause komme, fühle ich mich geistig erschöpft, unkonzentriert, dümmer als am Morgen. Insofern kann ich persönlich Frank Schirrmachers Klage über die zunehmende Überforderung durch moderne Technik nur zustimmen. Ständige Unterbrechungen, permanente Ablenkung - dazu braucht man keine Studien - sind schlecht für die Konzentration.

Es gibt Schlimmeres, als Informations(ver)arbeiter zu sein

Ich überlege immer mal, wie sich das Chaos reduzieren ließe, was man weglassen, ob man sich nicht selbst disziplinieren könnte. Zum Beispiel nur zu jeder vollen Stunde E-Mails zu checken und nicht jedes Mal, wenn mir die Verarbeitungszeit des Redaktionssystems zu lange vorkommt und ich nutzlos verstreichende zwei Sekunden deshalb mit einem kurzen Blick in den Posteingang fülle (der dann gern mal eine halbe Stunde dauert).

Bis jetzt ist mir keine gangbare Lösung für das Problem eingefallen. Es gibt allenfalls Hilfsmittel wie E-Mail-Filter, die Nachrichten gewisser PR-Agenturen direkt in einen gesonderten Ordner befördern. In den will ich eines Tages mal hineinsehen, wenn ich dazu komme. Das fundamentale Problem aber bleibt bestehen, ich vermute, dass es Börsenmaklern und anderen Aktualitätsjunkies ähnlich geht. Meinen Geschwistern und meiner Frau dagegen geht es nicht so, obwohl die auch einen Großteil ihrer Arbeitstage am Computer verbringen. Scheint etwas Berufsspezifisches zu sein.

Man kann das auch heroisch interpretieren, wenn man will: Wir, die Informations(ver)arbeiter, stellen uns zwischen Sie, die Leser, und die Flut, die von da draußen ununterbrochen hereinbrandet, und bemühen uns nach Kräften, nur das durchzulassen, was irgendeinen Nutzen haben könnte (und sei es nur ein Stückchen Smalltalk-Munition fürs Mittagessen). Darin besteht unsere Arbeit - oder doch wenigstens ein Teil davon.

Eine Arbeit, das ist sehr wichtig, die wesentlich weniger anstrengend ist als die eines Gebäudereinigers, eines Bergmanns, eines Hafenarbeiters oder einer Näherin in einer asiatischen Turnschuhfabrik. Journalisten sollten also nicht jammern. Dieser Text soll eine Ausnahme bleiben, ich hoffe auf Nachsicht.

Wie anstrengend es ist, ein Informations(ver)arbeiter im 21. Jahrhundert zu sein, beklagt "FAZ"-Mitherausgeber Frank Schirrmacher in seinem neuen Buch "Payback", das seit Kurzem auf dem Markt ist. Seither spricht er auf allen Kanälen über das Werk, von "Bild" bis "Beckmann", ein Auszug wurde auch im SPIEGEL und auf SPIEGEL ONLINE veröffentlicht.

Ein Buch darüber, wie anstrengend es ist, im 21. Jahrhundert ein Journalist zu sein, würde sich vermutlich nicht übermäßig gut verkaufen. "Payback" handelt von mehr - Schirrmacher interpretiert die von ihm selbst erlebte Überforderung als einen Vorboten dessen, was der gesamten Menschheit drohe: Ein Informations- und Kommunikations-Alptraum, vor dem wir, fürchtet Schirrmacher, in die stählernen Arme der Maschinen flüchten werden, die dann die Herrschaft über uns übernehmen.

Ist Angela Merkel wichtiger als die eigenen Eltern?

Am Montagabend saßen Frank Schirrmacher und Quizshow-Moderator Günther Jauch in der Talkshow von Reinhold Beckmann und sprachen 48 Minuten lang über Schirrmachers Buch. Dabei kam es zu kuriosen Situationen. Etwa als Beckmann Jauch fragte: "Eine These von Frank Schirrmacher ist, wir werden das selbständige Denken verlernen, weil wir nicht mehr wissen, was wichtig ist und was unwichtig. Hat er recht?"

Show für Show stellt Jauch seinen Gästen Fragen wie: "Wer schoss in 62 Fußball-Länderspielen 68 Tore?" Oder: "Wie heißt Popeyes Freundin?" Jauch und seine Kollegen sind die größten Wissens-Gleichmacher und Relevanz-Nivellierer, die es jemals gegeben hat.

Seine Antwort auf die Beckmann-Frage war eine lange Betrachtung, in der keine Quizshows vorkamen. Dafür aber das Internet. "Wenn jeder einen Computer hat, hat jeder Zugang zum Internet, eigentlich Zugang zu jeder Information", man bilde sich deshalb ein, "wenn wir irgendetwas wissen wollen, dann finden wir das da."

Stimmt. Googeln Sie mal: "Schoss in 62 Fußball-Länderspielen 68 Tore".

Ein anderer bemerkenswerter Dialog betraf die Tatsache, dass dank Handy und "Echtzeit-Internet" nun Informationen, Bilder und anderes von Person zu Person sehr schnell weitergereicht werden können. Schirrmacher, mahnend: "Der Mensch der Zukunft wird jemand sein, der nicht nur erfährt, was Frau Merkel gerade über Kunduz sagt, sondern genauso wichtig ist plötzlich die Information, die von seinem Freundeskreis kommt oder von seinen Eltern oder wem auch immer."

"Ja natürlich!", möchte man da ausrufen oder "Gottlob!". Reinhold Beckmann aber antwortete: "Und damit beginnt auch die Banalität". Freundliche SMS-Nachfragen von Freunden, wie es einem gerade so gehe, erklärte Jauch kurz darauf für "Schrott" - auf den man dann womöglich auch noch antworten müsse.

Jetzt ist plötzlich zu viel Kommunikation, nicht mehr "Autismus"

Das ist eine interessante Volte: Modernde Kommunikationsmittel werden nicht mehr wie sonst immer für Vereinzelung und "Autismus" ihrer Nutzer verantwortlich gemacht, sondern für ein Übermaß an Kommunikation. Es ist auch ein schönes Beispiel für die argumentative Unschärfe der Debatte, die Frank Schirrmacher mit seinem Buch auslösen will: Einmal mehr werden Computer, Handys und das Internet für die Moderne an sich, das wissenschaftliche Menschenbild, zu viel Kommunikation, zu wenig Kommunikation, zu viel Information, zu wenig Wissen und überhaupt alles, was einen gerade beunruhigt, verantwortlich gemacht.

Schirrmachers Warnung vor der vermeintlich drohenden Verhaltens-Vorhersagemacht von Computern und Software ist in Wahrheit eine Anklage gegen die wissenschaftliche Psychologie, die es seit 150 Jahren gibt. Deren erklärtes Ziel - und nicht etwa ein sinistres Geheimprojekt - ist es, ihren Gegenstand, das Erleben und Verhalten des Menschen, zu verstehen und damit vorhersagbar zu machen. Das gilt für jede andere Naturwissenschaft auch. Weil das menschliche Verhalten so komplex ist, wird das (wie in so vielen anderen Wissenschaften auch) nur mit Computern gehen - eines fernen Tages, denn bislang ist man noch weit davon entfernt. Auch Google kann das Verhalten Einzelner nicht vorhersagen, trotz aller Rechenleistung dieser Welt.

Die Klage über die Überwachungsmöglichkeiten durch digital vorliegende persönliche Daten ist mehr als berechtigt - in der Tat wird Datenschutz, wird das Sicherstellen von Anonymität, das Verhindern umfassender Persönlichkeitsprofile über jeden Menschen, täglich wichtiger. Gefahr droht aber nicht durch eine "autoritäre Herrschaft der Maschinen", wie Schirrmacher befürchtet, sondern durch autoritäre Regimes, unkontrollierte Sicherheitsbehörden und rücksichtslos agierende Unternehmen. Durch Menschen also. Vor der drohenden Machtübernahme durch Computer zu warnen, die "schon begonnen haben, ihre Intelligenz zusammenzulegen", ein "Matrix"-meets-"Terminator"-Weltbild gewissermaßen, hilft da nicht weiter.

"Von Kenntnissen erdrückt, des Zweifels Beute"

Die Klage über zu viel Information ist eine, die zweifellos auch schon zu Zeiten der Bibliothek von Alexandria erhoben wurde: Schon seit Jahrtausenden gibt es auf der Welt mehr zu wissen, zu lesen und zu verstehen, als ein Mensch es in seiner Lebensspanne jemals leisten kann. Aus einem Gedicht des russischen Schriftstellers Michail Lermontow (1814-1842): "Bekümmert seh' ich das Geschlecht von heute / Düster und leer ist seiner Zukunft Schoß / Von Kenntnissen erdrückt, des Zweifels Beute, / wächst es heran und altert tatenlos."

Dass es heute noch mehr Kenntnisse sind, und dass man an sie viel leichter herankommt, macht das Problem nicht schlimmer, im Gegenteil: Wir können dankbar sein, dass elektronische, im Volltext durchsuchbare Datenbanken ("Maschinen"!) uns heute Zugänge zu längst verschollen geglaubten Wissensschätzen bieten.

Das Internet ist im Vergleich zu solchen Datenbanken ein sehr unordentliches, ungeordnetes Ding - das ist lästig und gewöhnungsbedürftig, besonders für Menschen, die Ordnung lieben. Aber wir werden uns daran gewöhnen, wir müssen lernen, damit umzugehen. Damit fangen wir gerade erst an. Wir werden uns im Verlauf dieser Gewöhnung hoffentlich nicht nur auf Google verlassen, sondern auch auf andere Menschen und deren Einschätzungen.

Womit wir bei der Klage über zu viel Kommunikation wären. Und da ist tatsächlich etwas dran: Es ist heute tatsächlich viel leichter geworden, gewissermaßen niederschwellig Kontakt zu Freunden, Bekannten oder Wildfremden aufzunehmen, über E-Mails, Social Networks, SMS und viele andere Kanäle. Das ist meist nützlich, oft erbaulich, kann aber auch lästig sein. Das Filtern von Kommunikation wird zu einer zunehmend anspruchsvollen Aufgabe - besonders für berühmte Menschen wie Günther Jauch, Reinhold Beckmann und Frank Schirrmacher.

Die Tatsache, dass es heute einfacher ist als je zuvor, mit anderen Menschen in Kontakt zu treten aber als ernstzunehmendes Problem zu betrachten statt als immense Chance - dazu gehört schon eine gehörige Portion Kulturpessimismus.

Eine "Krise", wie es bei Schirrmacher heißt, droht der Menschheit durch Computer und Netz nicht. Höchstens uns Informations(ver)arbeitern, wenn wir uns morgens an unsere Schreibtische setzen und wieder die Schleusen öffnen.

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung