Internet und Journalismus Wie AP Wikipedia schlagen will

Associated Press, die größte Nachrichtenagentur der Welt, will künftig verhindern, dass eigene Inhalte im Netz geklaut und kopiert werden. Sogar das Verlinken ihrer Inhalte will AP am liebsten verbieten - gleichzeitig aber im Netz so mächtig wie Wikipedia werden.
AP-Gebäude in New York: "Wild wuchernder, nicht autorisierten Gebrauch von Inhalten"

AP-Gebäude in New York: "Wild wuchernder, nicht autorisierten Gebrauch von Inhalten"

Foto: ED BAILEY/ ASSOCIATED PRESS

Das Übernehmen von Informationen, Kopieren von Zitaten, Verweisen auf Quellen in anderen Medien gehört zum journalistischen Handwerk und Geschäft. Und zwar seitdem es Zeitungen gibt. Bislang hat das auch niemanden so richtig gestört, im Gegenteil: Viele Publikationen, auch der SPIEGEL, veröffentlichen vor dem eigentlichen Erscheinungstermin sogenannte Vorabmeldungen, die beispielsweise an Nachrichtenagenturen weitergereicht werden. Man weist so darauf hin, dass man eine interessante Geschichte im Blatt hat, und hofft darauf, möglichst häufig zitiert zu werden. Jetzt aber gibt es das Internet: Und plötzlich scheint Zitiertwerden dem einen oder anderen gar nicht mehr so attraktiv.

Da gibt es zum einen die große Angst vor den Nachrichten-Aggregatoren, allen voran Google News. Die zitieren gewissermaßen auch, Überschriften nämlich, und verweisen dabei per Link auf die Originalgeschichte. Einige deutsche Verleger sind mit dieser Situation im Augenblick höchst unzufrieden und möchten von Google Geld für diese Zitate und Verweise. Eine durchaus umstrittene Position.

Da sind zum anderen aber auch unzählige private Web-Seiten, Blogs, Tweets, Verlinkungen in Social Networks wie Facebook oder StudiVZ: Nachrichten verbreiten sich unter habituellen Internetnutzern heute auf völlig neue Weise, pflanzen sich fort, werden kommentiert, die Kommentare wiederum über Social-Media-Plattformen weitergereicht und so weiter.

Dieses beständig wuchernde neue Nachrichten-Ökosystem braucht, so befürchten manche, die vom Journalismus leben, zunehmend weniger dedizierte journalistische Web-Seiten, die interessierte Menschen direkt ansteuern. Der Blick auf die Nachrichtenseite des Vertrauens könnte, das befürchtet man jedenfalls bei der Nachrichtenagentur Associated Press, bald durch Google-Suchen, Hinweise über Twitter oder Facebook oder aber Aggregatorenseiten wie Wikipedia oder Mahalo ersetzt werden.

"Nutzer gewinnen noch mehr Kontrolle"

Dabei, so heißt es sinngemäß in einem internen AP-Papier, das SPIEGEL ONLINE vorliegt, liefere man selbst doch den Nährstoff für dieses neue Ökosystem. Das Schriftstück umreißt einen Plan, mit dem AP den angeblich "wild wuchernden, nicht autorisierten Gebrauch von AP-Inhalten auf Tausenden von Web-Seiten" eindämmen will. Täglich tauchten neue Anwendungen im Netz auf, die "wenig mehr tun, als die Früchte der Arbeit von AP und anderen neu zu verpacken, um damit Konsumenten und Umsätze abzuzweigen".

In dem Papier wird der Umbruch am Beispiel des Todes von Michael Jackson illustriert. In dessen Folge sei eine "Von-Twitter-zu-Google-zu-Wikipedia-Routine" sichtbar geworden. Die Nachricht verbreitete sich über soziale Netz-Plattformen, Menschen fahndeten per Suchmaschine nach weiteren Informationen und landeten dann auf der entsprechenden Wikipedia-Seite - weil die bei den Google-Treffern stets ganz weit oben landet. Dort fanden sie dann auch, was sie suchten - denn Wikipedia wird in Zeiten akuter Nachrichtenlagen blitzschnell zu einem von den eigenen Nutzern gepflegten Aggregator, der blitzschnell Links zu interessanten und relevanten Informationen überall im Netz einsammelt. Die Wikipedia-Seite zum Thema Michael Jackson enthalte "mehr blaue Hyperlinks als schwarzen Text", so das AP-Papier. Man habe es hier mit einem "Wettbewerbs-Alarmsignal" zu tun: "Mit der Hilfe von sozialen Netzen wie Twitter und Ressourcen wie Wikipedia gewinnen die Nutzer noch mehr Kontrolle über ihren Nachrichtenkonsum."

Ein Peilsender für Nachrichtenstücke?

AP, die größte Nachrichtenagentur der Welt, gehört den amerikanischen Zeitungsverlegern - und die erleben derzeit bekanntlich sehr schwere Zeiten. 1500 Zeitungen sind Mitglied und Mitbesitzer der Agentur, die sich selbst als "Rückgrat des Informationssystems der Welt" bezeichnet. AP muss keinen Gewinn machen, sie ist explizit ein "Not for profit"-Unternehmen. Dennoch macht der Führungsebene des Nachrichten-Giganten der beschriebene Umbruch offenbar massive Sorgen. Denn nun will man bei AP gegensteuern - mit Hilfe eines neuen Nachrichtenformates namens hNews und einem sogenannten News Registry.

Im Kern bedeuten die Pläne von AP zunächst vor allem drei fundamentale Änderungen:

  • Jede AP-Meldung soll, in dem neuen Format, künftig in einem "Container" ausgeliefert werden, der sogenannte Metadaten enthält, etwa darüber, wer die Nachricht wo und wie nutzen darf.
  • Der Container soll noch mehr tun: nämlich ständig nach Hause telefonieren. Ein "tracking beacon" genanntes System soll "alle Inhalte, die IP-Adresse des Betrachters, den Webserver, von dem er kam, sowie die Nutzungszeit" erfassen. Mit anderen Worten: AP möchte Informationen darüber sammeln, von wem die eigenen, an andere Anbieter verkauften Meldungen wann und wo gelesen werden. Das dürfte gerade bei zahlenden Kunden für mehr als nur Stirnrunzeln sorgen - von Datenschützern ganz zu schweigen.

  • Um Content-Klau zu verhindern, rasen parallel Roboter durchs Netz, die nach AP-Meldungen oder Teilen davon suchen sollen. Solche Such-Systeme sind bereits jetzt im Einsatz, auch bei anderen Nachrichtenorganisationen (AP etwa nutzt einen externen Dienstleister namens Attributor , zu dessen Kunden auch viele Zeitungen und auch die Deutsche Presse-Agentur gehören). Nun aber sollen die Attributor-Ergebnisse mit den Rückmeldungen der Nachrichten-Container kombiniert werden: "Fundstellen werden mit der aktiven Tracking-Datenbank abgeglichen, unautorisierte Nutzung wird verfolgt."

Getestet werden soll das Modell dem Papier zufolge ab Mitte November 2009, im Sommer 2010 soll es voll zum Einsatz kommen, "für Inhalte von AP und AP-Mitgliedern".

Besonders der letzte der oben genannten Punkte sorgte für einige Aufregung, insbesondere unter Medienbloggern in den USA. Spätestens, als AP-Chef Tom Curley der "New York Times"  sagte, auch minimale Nutzung eines Artikels müsse künftig lizenziert und angemessen vergütet werden. Dabei bezog er sich explizit auf die oben beschriebene Praxis, eine Überschrift zu zitieren und mit einem Link zur Original-Story zu verknüpfen: "Wenn jemand ein Multimilliarden-Dollar-Geschäft aus Such-Schlüsselwörtern machen kann, können wir auch ein Multi-Hundert-Millionen-Geschäft aus Überschriften machen." Er wolle nicht verhindern, dass AP-Artikel anderswo genutzt werden - aber er wolle dafür Geld sehen. Google, das nebenbei, bezahlt AP schon seit längerer Zeit dafür, vollständige AP-Meldungen innerhalb von Google News zu zeigen.

"Hört auf zu lachen"

Ein Sturm der Entrüstung brach los - wollte die AP tatsächlich das Prinzip des freien, selbstverständlich kostenlosen Links, ein fundamentales Prinzip des WWW, abschaffen?

Medienwandel-Prediger und Journalismusprofessor Jeff Jarvis ("Was würde Google tun?") bloggte , AP sei "hoffnungslos, tödlich veraltetet". Bei "Techcrunch" schrieb John Biggs , die Agentur verhalte sich "wie ein General, der die Kanone eines Sherman-Panzers auf eine Pinie richtet, die seiner Armee im Weg steht".

Blitzschnell tauchte auch eine hämisch abgeänderte Version einer AP-Grafik im Netz auf, die das neue Text-Schutz-System erklären sollte. Aus der Textpassage "Nutzer können im Rahmen der gewährten Rechte Inhalte konsumieren, teilen und Mash-ups daraus machen" im Original wurde in der Satire "Nutzer werden auf unsere Web-Seite kommen, den Mist lesen, den wir als Nachrichten bezeichnen, und auf unsere Werbung klicken. Unsere Macht wird Google zerquetschen. Hört auf zu lachen."

Im Gespräch mit der "Columbia Journalism Review"  widersprach Jane Seagrave, bei AP für "Global Product Development" zuständig, den hitzigen Reaktionen auf den "NYT"-Artikel und die "News Registry"-Pläne. Man wolle nur großangelegten Content-Klau sanktionieren, "bei Leuten, die Dutzende oder Hunderte unserer Storys per "Copy and Paste" oder über die RSS-Feeds übernehmen". Mit Einzelpersonen, die "unsere Geschichten hie und da nutzen" werde man sich nicht auseinandersetzen.

Viele kommentierten auch diese Einschränkung skeptisch - auch aufgrund von Erfahrungen aus der jüngsten Vergangenheit. Etwa wegen eines Online-Formulars, auf dem man schon seit einiger Zeit AP-Inhalte "lizenzieren"  kann - zu einem Preis von 12,50 Dollar für ein Zitat ab fünf Wörtern Länge. Dieses Formular, teilte die Agentur allerdings als Reaktion auf sehr hämische Kommentare ("2,50 Dollar pro Wort!") mit, "richtet sich nicht an Blogger".  Schon im Sommer 2008 hatte AP jedoch für Aufregung gesorgt, weil sie einem Link-Aggregator namens "Drudge Retort" ein Anwaltsschreiben hatte zukommen lassen: Das Zitieren und Verlinken mehrerer AP-Artikel verstoße gegen das Urheberrecht . Inzwischen hat man sich geeinigt - aber das böse Blut zwischen Neu-Journalisten und dem News-Urgestein AP gibt es weiterhin.

Wie auch immer die endgültige Haltung von AP aussehen wird - die Jagd auf Text-Raubkopierer wird den oben skizzierten Wandel zu stärker durch Netzwerke und Aggregatoren vermittelten Nachrichten nicht aufhalten können. In Wahrheit, das zeigt das jetzt aufgetauchte Konzeptpapier, geht es der Agentur-Chefetage noch um etwas ganz anderes: Suchmaschinenoptimierung.

Viele Links ergeben ein hohes Suchmaschinenranking

AP-Texte sollen künftig nämlich auch viel mehr Links enthalten - und zwar zu agentureigenen Seiten. Wenn im Text " Barack Obama" auftaucht, wäre der Name dann künftig mit einem Hyperlink unterlegt, der auf eine entsprechende Themen-Sammelseite verweist, die AP-Texte über den US-Präsidenten archiviert. Weil Suchmaschinen ihre Ranglisten aufgrund von Linkhäufigkeiten erstellen und AP-Meldungen an sehr vielen Orten im Netz auftauchen, könnten solche Sammelseiten künftig sehr weit oben in den Ergebnislisten landen, wenn jemand nach "Barack Obama" sucht. Genauso, wie das Wikipedia-Seiten zu entsprechenden Themen schon jetzt tun. Im Konzeptpapier ist von "Lande-Seiten" die Rede, "die als Sammelpunkt für die Entdeckung verlässlicher Nachrichtenquellen dienen können". Mit anderen Worten: AP möchte, was die von Suchmaschinen wahrgenommene Relevanz angeht, endlich mit der kostenlosen Wikipedia in der gleichen Liga spielen . Woher die Links, die das ermöglichen sollen, kommen, möchte man jedoch selbst bestimmen.

Ob die zahlenden Kunden der Agentur jedoch bereit sind, einerseits Informationen über ihren Web-Traffic an AP weiterzureichen, wie es hNews ermöglichen soll, erscheint mindestens ebenso zweifelhaft wie die Vorstellung, Nachrichtenanbieter würden künftig bereit sein, aus dem eigenen Angebot heraus flächendeckend auf AP-eigene Seiten zu verlinken. Zumal sehr viele große Nachrichtenportale im Netz ähnliche Strukturen - Schlüsselwörter verweisen auf entsprechende Themenseiten im eigenen Angebot - längst selbst eingeführt haben.

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