Internetnutzung der Deutschen "YouTube und Wikipedia sind wirklich Mainstream"

Wie gut kennen die Deutschen das Netz? Sind sie schon im Web 2.0 angekommen - oder beschränkt sich ihr Online-Alltag auf E-Mail und Shopping? Im Interview erklärt Internetforscher Jan-Hinrik Schmidt, was die Nutzer antreibt.

Gespiegeltes Wikipedia-Logo: Wie nutzen die Deutschen das Netz?
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Gespiegeltes Wikipedia-Logo: Wie nutzen die Deutschen das Netz?


SPIEGEL ONLINE: Herr Schmidt, sind die Deutschen coole Surfer? Oder doch eher langweilig Netz-Spießer?

Schmidt: Zunächst mal sind ja nur etwa drei Viertel der Deutschen Internetnutzer, auch wenn dieser Anteil seit Jahren kontinuierlich steigt. Das heißt, dass immer noch ein Viertel das Internet gar nicht nutzt. Zum anderen ist die Nutzung so vielfältig und differenziert, dass man nicht mehr von "den Deutschen im Internet" sprechen kann, sondern sich einzelne Gruppen oder Nutzungspraktiken im Detail ansehen muss.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt, den deutschen Durchschnittssurfer gibt es gar nicht?

Schmidt: Man kann natürlich Mittelwerte statistisch berechnen. Wie ist das Durchschnittsalter, die durchschnittliche Nutzungszeit. Die Verweildauer im Internet pro Tag liegt beispielsweise bei etwas mehr als zwei Stunden. Das hat etwas mit der Zunahme von Flatrates, mit mobiler Internetnutzung und ähnlichen Faktoren zu tun.

SPIEGEL ONLINE: Aber eine Aussage darüber, was der typische deutsche Surfer so im Netz treibt, ist schwierig?

Schmidt: Man müsste sich Typen ansehen - wir reden ja immerhin von 40 oder 50 Millionen Deutschen. Da gibt es eine Reihe von Vorschlägen, zum Beispiel Typen der Internetnutzung im Hinblick auf politische Partizipation, wie sie gerade erst eine große Langzeitstudie der Unis Düsseldorf und Ilmenau ermittelt hat. Man findet dort beispielsweise einen großen Anteil der "passiven Mainstreamer", es gibt die "traditionell Engagierten" oder die "organisierten Extrovertierten" und so weiter.

SPIEGEL ONLINE: Ist wenigstens das Web 2.0 inzwischen ein Thema für alle deutschen Internetnutzer?

Schmidt: Nur in engen Grenzen. Unterschiedliche Angebote im Netz werden von unterschiedlichen Altersgruppen verschieden stark genutzt. Was die Social-Web-Anwendungen angeht, gibt es zwei Plattformen, die inzwischen wirklich im Mainstream angekommen sind: Wikipedia und YouTube. Da gibt es noch leichte Altersunterschiede, Jüngere nutzen diese Angebote noch mehr, aber auch bei über 40- oder über 50-jährigen Internetnutzern ist Wikipedia als Nachschlagewerk etabliert. YouTube und ähnliche Plattformen sind als Anlaufpunkte für Videokonsum Alltag. Das bedeutet aber nicht, dass die Nutzer notwendigerweise selbst aktiv werden - der Anteil der Nutzer, die selbst Wikipedia-Artikel bearbeiten oder bei YouTube Videos hochladen, liegt bei unter zehn Prozent.

SPIEGEL ONLINE: Wie sieht es mit Blogs oder Twitter aus?

Schmidt: Das ist ein Nischenthema. Weniger als zehn Prozent nutzen solche Angebote. Bei denen, die das tun, ist die Beteiligung dann aber höher: Wer Twitter nutzt, hat in der Regel auch einen eigenen Twitter-Account, und etwa zwei Drittel derer, die regelmäßig Blogs lesen, bloggen auch selbst.

SPIEGEL ONLINE: Und wie sieht es mit Social-Networking-Plattformen aus?

Schmidt: Diese Kategorie liegt in etwa in der Mitte. Facebook oder die VZ-Netzwerke haben sich in den vergangenen Jahren rasant verbreitet. Auf die gesamte Internetnutzerschaft gerechnet liegen sie bei etwa 40 Prozent. Aber auch dort unterscheiden sich die Altersgruppen sehr stark. Bei den unter 20-Jährigen, mit Abstrichen auch bei unter 30-Jährigen gehören Netzwerkplattformen einfach dazu. In diesen Altersgruppen liegen sie bei einer Verbreitung von 80 bis 90 Prozent.

SPIEGEL ONLINE: Kommen auch noch ältere Social-Network-Nutzer dazu?

Schmidt: Im Augenblick gibt es noch ein Wachstum in ältere Nutzergruppen hinein. Ein gewisser Anteil der Älteren erkennt - und damit meine ich in diesem Zusammenhang schon Personen etwa ab 40 -, dass sie mit Hilfe von Netzwerkplattformen wie Facebook oder Wer-kennt-wen ihren Alltag unter Umständen besser organisieren, ihre Beziehungen oder Hobbys pflegen können.

SPIEGEL ONLINE: Sind wir also bald alle Mitglieder von Internet-Communitys?

Schmidt: Die Entwicklung der vergangenen Jahre hat gezeigt, dass wir es mit einer unglaublich dynamischen Entwicklung zu tun haben. Vor zwei Jahren haben wir eine repräsentative Befragung mit 12- bis 24-Jährigen zur Nutzungshäufigkeit solcher Angebote durchgeführt. Damals waren SchülerVZ und StudiVZ die dominierenden Angebote. Schon ein Jahr später hatte Facebook auch den deutschen Markt aufgerollt. Es ist denkbar, dass wir in zwei Jahren durch neue Angebote, neue Plattformen wieder völlig andere Nutzungsweisen sehen werden. Die Nutzungsrepertoires der Menschen können sich im Internet von Jahr zu Jahr dramatisch ändern.

Das Interview führte Christian Stöcker



insgesamt 83 Beiträge
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Seite 1
Alangasi, 26.10.2011
1. Jung von Matt
will uns mal wieder etwas glauben machen. Keine Sorge: Nichts davon stimmt.
archie, 26.10.2011
2. Nicht frei
Naja, im Büro darf man halt nicht auf Pornoseiten und Downloadhoster. Da bleibt nur SPON. Das könnte man im Falle eines Falles vor dem Chef rechtfertigen. Anderenfalls wäre man hier auch nach 5 Minuten wieder weg. Facebook und ebay ist übrigens für die Doofen da.
Greg84 26.10.2011
3. ...
Zitat von archieNaja, im Büro darf man halt nicht auf Pornoseiten und Downloadhoster. Da bleibt nur SPON. Das könnte man im Falle eines Falles vor dem Chef rechtfertigen. Anderenfalls wäre man hier auch nach 5 Minuten wieder weg. Facebook und ebay ist übrigens für die Doofen da.
Vorausgesetzt man kommt überhaupt auf diese Seiten. Von einigen Bekannten weiß ich, dass deren Internetzugang sehr beschränkt ist.
timewalk 26.10.2011
4. .
Zitat von sysopE-Mail, Shopping, News und Unterhaltung - jeder surft im Internet. Und Sie? Nutzen Sie Community-Angebote? Bloggen Sie? Spielt Twitter in ihrem Netz-Leben eine Rolle - oder ist das etwa alles neumodisch und überflüssig?
Der Staatstrojaner funktioniert!
pankraaz 26.10.2011
5. Surfer-Wohnzimmer
Ok, JungvonMatt ist wohl die beste deutshe Werbeagentur. Trotzdem ist die Präsentation eines Durchschnitts-Wohnzimmers doch recht jämmerlich. So etwas hilft niemanden, außer den lebensfremden Werbern, die schon gar nicht mehr wissen, was normal ist. Kunden, die in dieser Agentur viel Geld lassen, brauchen da schon etwas Spezielleres. Es wird Zeit, dass sich die Agentur mal mit Milieutheorie und -praxis beschäftigt, statt die Werbeamateure mit Durschnittlichem zu faszinieren.
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