Interview mit Gamedesigner Molyneux "Hollywood ist der Inbegriff des Bösen"

Der Brite Peter Molyneux gilt als Gentleman unter den Spieledesignern. Mit SPIEGEL ONLINE sprach der Schöpfer von Klassikern wie "Populous" über Göttlichkeit in Spielen, Morddrohungen, den Orden, den er von Prince Charles bekam - und über das Böse.


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: Man hat Sie den Erfinder des "god game" genannt, einer bestimmten Art von Computerspiel, die dem Spieler die Macht und den Überblick einer Gottheit gewährt. Sind Ihre Spiele für Egomanen gemacht?

Peter Molyneux: Man könnte es so sehen, auf jeden Fall. Spiele - ebenso wie Filme und Bücher - versuchen generell, Sie in eine Situation zu versetzen, in die Sie sonst nie kämen. Ein Actionfilm handelt von einem Helden, und Sie denken vielleicht, "es wäre cool, wenn ich das auch könnte." Genau so ist es mit den Spielen, die ich mache. Ich habe oft gedacht, ich wäre sehr gern ein Held, ich würde gern einen Vergnügungspark managen, ich würde gern ein Filmstudio leiten, ich wäre gern ein Gott. Es versetzt den Spieler in eine Rolle, die er sonst unmöglich spielen könnte. Und wenn das heißt, ein Egomane zu sein, dann ist die Antwort ja!

SPIEGEL ONLINE: Das Konzept eines "god game" könnten Manche als beleidigend empfinden.

Molyneux: Wir haben immer sehr aufgepasst, dass wir nichts machen, was für irgendeine Religion typisch wäre. Unsere Götter ähneln überhaupt nicht denen irgendwelcher Religionen. Aber als wir "Populous" herausbrachten, war das etwa gleichzeitig mit dem Erscheinen von Salman Rushdies "Die Satanischen Verse", als diese Fatwa gegen ihn verhängt wurde. Eine Zeitung in England schrieb, wir würden auch eine Fatwa bekommen, weil wir ein "god game" gemacht hatten, aber dann sah man, dass es nicht der christliche oder der muslimische Gott oder so war. Sie haben darin einfach die Macht eines Gottes, die Macht zu erschaffen und zu zerstören. Daran kann man sich kaum stoßen. Aber wir hatten schon auch Stalker und seltsame E-Mails und solche Sachen im Lauf der Jahre.

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Molyneux-Spiele: Moralische Entscheidungen in Hollywood

SPIEGEL ONLINE: Sie persönlich?

Molyneux: Ja, es gab einen Stalker, der androhte, mich zu töten. Er schickte sein Tagebuch an eine Zeitschrift, und darin stand, wie er kommen und mich mit seiner Schrotflinte vom Kaliber zwölf erschießen würde. Die Polizei wurde eingeschaltet und fand heraus, dass er tatsächlich genau so eine Schrotflinte hatte. Ich stand 48 Stunden lang unter Polizeischutz - alles sehr dramatisch. Sie müssen bedenken, dass ich mit absolut nichts angefangen habe. Ich schlief unter meinem Schreibtisch, ich hatte kein Haus, ich hatte gar nichts. Und von da in eine Position zu gelangen, in der Ihr Leben bedroht wird - das ist eine erstaunliche Reise.

SPIEGEL ONLINE: Sie wurden sozusagen zu einem Popstar. Der Höhepunkt war vielleicht, als Sie in den "Order of the British Empire" aufgenommen wurden?

Molyneux: Meine erste Reaktion war natürlich "die haben einen schrecklichen Fehler gemacht, die müssen einen anderen meinen". Aber - tatsächlich vor Prince Charles zu stehen, und ihn sagen zu hören "Sie haben dafür gesorgt, dass meine Kinder viele Stunden ihres Lebens vergeudet haben" - das war eine unglaubliche Erfahrung.

SPIEGEL ONLINE: In Ihren Spielen muss sich der Spieler oft entscheiden, ob er gut oder böse sein möchte. Glauben Sie, dass ethische Entscheidungen in Zukunft ein wesentlicher Teil jedes guten Spiels sein müssen?

Molyneux: Das glaube ich nicht. Manchmal will man einen Guten spielen und manchmal einen Bösen. Aber der gewaltigste Held, der gewaltigste Bösewicht, den man hinkriegen kann, ist ein persönlicher. Es wird in der Spieleindustrie viel darüber geredet, was moralisch falsch und was richtig ist, was in Spielen vorkommen sollte und was nicht. Es gab diesen großen Wirbel um "Hot Coffee" - ein Sturm im Wasserglas, wenn sie mich fragen - und um Gewalt in Spielen. Was mich interessiert ist: Wenn ich sage, in diesem Spiel haben Sie die Macht, die Ihnen eine geladene Waffe in der wirklichen Welt gibt. Jetzt haben Sie die Wahl - wie kann das schlecht sein? Man kann nicht aus moralischen Gründen sagen "es ist schlecht, ein Spiel zu haben, dass Ihnen diese Macht gibt" - weil wir in der Realität alle diese Macht haben! Ich könnte dieses Glas nehmen und es ihnen ins Gesicht schmettern - und es gibt Gründe dafür, dass ich das nicht tue. Und es gibt Gründe, warum ich so etwas in einem Spiel nicht tue.



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