Interview mit Spieledesigner Sid Meier "Wenn Gandhi Ihnen mit Krieg droht"

Sid Meier hat Spieleklassiker wie "Pirates!" und "Civilization" geschaffen. Mit SPIEGEL ONLINE sprach der Veteran über seine Sorgen für die Zukunft der Branche, über das riskante Thema von Religion in Spielen - und über seine Freude an Kriegsdrohungen von Mahatma Gandhi.

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: Sie haben einmal gesagt, "Ich mache mir Sorgen, wenn wir mehr Wert auf Flitter und teure Produktion legen als auf das Spiel selbst. Das sieht eine zeitlang gut aus, bis man feststellt, dass es keine Spieleindustrie mehr gibt." Jetzt kommen neue Konsolen, die viel mehr Rechenleistung haben und wie es aussieht vor allem auf Audiovisuelle setzen. Klingt, als ob ihre Sorgen sich bewahrheiten.

Meier: Meine Sorge ist, dass wir nur aufs Äußere Wert legen und nicht aufs Gameplay. Wenn wir das tun würden, wäre diese Branche wirklich ziemlich schnell am Ende, weil die Leute Spaß haben wollen. Produktionsaufwand und Flitter reichen für die ersten 10 Minuten, aber dann braucht man Gameplay. Als Branche sind wir manchmal in Versuchung, uns auf die Optik und so weiter zu konzentrieren. Aber ich glaube es gibt immer noch eine Menge tolle Spiele. Ein Vorteil der neuen Handheld-Plattformen, Sonys PSP und der Nintendo DS, ist, dass die nicht so stark sind bei 3-D-Darstellungen und Optik. Das gibt den Entwicklern eine Chance, sich aufs Game Design zu konzentrieren. Auf diesen Handhelds passieren ein paar wirklich clevere Sachen.

SPIEGEL ONLINE: Wie würden sie jemandem, der absolut nicht über "Civilization" weiß, möglichst kurz erklären, worum es in dem Spiel geht?

Meier: "Civilization" lässt Sie 6000 Jahre der Menschheitsgeschichte erleben, als der Anführer einer Gruppe von Leuten, die 4000 vor Christus als Nomadenstamm anfängt. Sie bauen eine Stadt, Sie entwickeln Technologien, Sie treffen andere Staatenlenker, es gibt Krieg, Frieden, Technologie, Religion, Kultur, Diplomatie. In diesen 6000 Jahren können Sie vielleicht die Welt erobern, oder Sie können zugrunde gehen, aber in jedem Fall haben Sie eine großartige Geschichte geschaffen.

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Meier-Spiele: Piraten und Taoisten

SPIEGEL ONLINE: In der neuesten Version, "Civilization IV", gibt es ein ungewöhnliches Element: Religion. Das ist ein riskantes Thema für ein Computerspiel - ist es nützlich für die technologische Entwicklung, wenn die eigene Kultur zum Beispiel christlich statt buddhistisch ist?

Meier: Nein. Wir sind mit dem Gedanken der Religion sehr vorsichtig umgegangen. Alle Religionen werden gleich behandelt. Im ersten "Civilization" haben wir behauptet, es gehe um Zivilisation, dabei wurde eigentlich der militärische Teil der Geschichte sehr betont. Im Lauf der Zeit haben wir versucht, das Spiel sozusagen zivilisierter zu machen, indem wir Diplomatie, Kultur und jetzt Religion eingeführt haben. Religion ist natürlich ein sehr sensibles Gebiet für jedermann, also haben wir uns bemüht, dieses Thema als sehr positives Element für verschiedene Kulturen zu etablieren, ohne ein Urteil abzugeben wie "diese Religion ist besser als jene" oder "diese Religion ist gut für dies und diese für jenes." Wir sind nicht dazu da, Leute vor den Kopf zu stoßen. Die Spieler sollen ihre eigenen Ideen verfolgen können.

SPIEGEL ONLINE: Dieses Element erlaubt auch ziemlich lustige Szenarien, zum Beispiel ein taoistisches England, das die Welt kolonisiert - das ist nicht gerade historisch korrekt, oder?

Meier: Das war schon immer eine der interessanten Seiten von "Civilzation" - wenn Gandhi bei Ihnen auftaucht und Ihnen mit Krieg droht. Es zeigt ihnen, dass die Welt sehr leicht ein ganz anderer Ort hätte werden können als die Welt die wir kennen. Es zeigt Ihnen all die alternativen Entwicklungsmöglichkeiten. Wir versuchen ja nicht, Geschichte nachzuschaffen. Wir versuchen, ihnen ein paar der Grundideen, der Grundbausteine der Geschichte zu zeigen. Indem Sie die Teile auf unterschiedliche Weise zusammensetzen, schaffen sie eine neue, alternative Geschichte. "Civilzation" spielen heißt, die Geschichte verändern.

SPIEGEL ONLINE: Bei den meisten Spielen steht nur der Name des Spiels auf der Schachtel, bei Ihren Spielen steht da auch ihr Name. Warum?

Meier: Vor vielen Jahren hatte ich einen Flugsimulator programmiert und mein Partner, der für die Vermarktung zuständig war, wollte, dass wir noch ein Flugzeugspiel machen. Ich wollte aber ein Piratenspiel entwickeln. Ich schrieb das Piratenspiel und er sagte, "okay, die Leute mögen dein Flugzeugspiel, also schreiben wir jetzt 'Sid Meier's Pirates!' auf die Verpackung, vielleicht kaufen sie es dann, weil es vom gleichen Programmierer kommt." Also haben wir "Sid Meier's Pirates!" herausgebracht. Und es war ziemlich erfolgreich. Marketingleute machen natürlich alles, was funktioniert, wieder und wieder, also war es von da ab immer "Sid Meier's …", und das steht jetzt für eine bestimmte Art von Spiel: Ein bisschen was zum Denken, ein bisschen Realitätsbezug, eine Menge unterschiedlicher Möglichkeiten, ein bisschen Strategie. Es ist zu einer Marke geworden.

Lesen Sie im 2. Teil: Egozentrische Gamedesigner, wie Videospiele die Welt besser machen sollen - und mangelnde Schuldgefühle beim Zeitvernichter ...

SPIEGEL ONLINE: Es gibt in dieser Branche noch nicht viele Stars, aber Sie sind definitiv einer von Ihnen. Haben Sie Kontakt zu anderen Stardesignern wie Will Wright ("Sim City", "The Sims") und Peter Molyneux ("Black & White", "The Movies")?

Meier: Ich kenne Will, ich habe Peter ein paar mal getroffen. Will und ich haben sogar mal darüber gesprochen zusammen ein Spiel zu machen, aber … Spieledesigner sind einfach zu … haben zu sehr ihre eigenen Vorstellungen.

SPIEGEL ONLINE: … sind zu egozentrisch?

Meier: Ja, ja (lacht). Eins von den Dingen, die die Computerspielindustrie interessant machen, sind die verschiedenen Leute, die völlig unterschiedlich an Spiele herangehen.

SPIEGEL ONLINE: Braucht die Spieleindustrie Autoren im klassischen Sinne, Regisseure?

Meier: Es muss immer jemanden geben, der das große Ganze im Auge behält. Wo wollen wir hin, welche Erfahrungen wollen wir den Spielern ermöglichen? Welche Ideen passen dazu? Es muss einen geben, der die anderen auf dem Weg zu diesem Ziel anleitet. Es gibt definitiv keine einfache Formel. Ein Computer könnte kein Spiel schreiben. Es gehört eine Menge Kreativität dazu. Die Gefahr ist, wenn Sie zum Beispiel ein Sequel zu einem erfolgreichen Spiel machen, oder sie arbeiten mit einer Filmlizenz und sie glauben, alles, was ich tun muss, ist etwas herstellen, das aussieht wie der Film oder was sich so spielt wie das letzte Spiel vor zwei Jahren, nur mit mehr Farben oder so. Unsere Philosophie ist, dass Design das Wichtigste an einem Spiel ist, und alles andere muss das Design unterstützen.

SPIEGEL ONLINE: Viele Leute sagen, die "Civilization"-Serie habe bei den Spielern mehr Zeit verschlungen als jades andere Spiel. Fühlen Sie sich schuldig?

Meier: Wir glauben, das ist so, weil die Leute einfach Spaß an dem Spiel haben. So sollten Spiele sein! Sie bezahlen das gleiche für ein Spiel, dass sie nur für zwei Stunden spielen wie für eines, dass sie 200 Stunden lang spielen. Bei 200-Stunden-Spiel ist das Preis-Leitungs-Verhältnis besser. Ich glaube es ist gut, wenn Leute viel Zeit mit Videospielen verbringen. Ich fühle mich nicht schuldig.

SPIEGEL ONLINE: Im Moment ist eine Diskussion über Computerspielsucht im Gang. Menschen in Südostasien sind gestorben, nachdem sie tagelang Onlinegames gespielt hatten. Ist das nicht ein grundlegendes Dilemma: Die Leute sollen ihre Spiele lieben, aber wenn sie sie zu sehr lieben, ist das gefährlich?

Meier: Ich glaube nicht, dass schon mal jemand beim "Civilization"-Spielen gestorben ist. Was ich aber fragen würde ist: Was würden diese Leute machen, wenn sie nicht spielen würden? Vielleicht würden Sie fernsehen oder so. Ich glaube, Spiele zu spielen ist eine ziemlich gute Art, seine Zeit zu verbringen. Sie denken dabei, trainieren ihren Geist, sie erforschen unterschiedliche, interessante Welten. Aber natürlich sollten Sie auch essen, schlafen, zur Arbeit gehen und ihrer Frau Aufmerksamkeit schenken und so weiter. Jeder, den ich kenne, spielt Spiele, und ich glaube, unser aller Leben wäre ohne Spiele wesentlich weniger interessant. Spiele machen die Welt zu einem besseren Ort.

SPIEGEL ONLINE: Sind Videospiele die Filme des 21. Jahrhunderts?

Meier: Ich glaube schon. Aber wir sind noch nicht wirklich ein Massenprodukt bis jetzt. Es gibt ein paar große Probleme, mit denen wir uns auseinandersetzen müssen. Jeder kann ins Kino gehen, kein Mensch fühlt sich nicht qualifiziert, einen Film anzusehen. Aber viele Leute glauben, dass Spiele zu kompliziert sind, oder sie glauben, sie würden keinen Spaß daran haben. Ich halte es für möglich, - durch Dinge wie das Internet und Handheld-Spiele - dass wir wirklich ein Massen-Unterhaltungsmedium werden können. Aber wenn wir das tun, besteht die Gefahr, dass wir das verlieren, was uns für die Leute bis jetzt interessant gemacht hat. Insofern - ich weiß nicht, ob wir die universelle Unterhaltung fürs 21. Jahrhundert werden können. Es ist möglich, aber nicht zwangsläufig.

Die Fragen stellte Christian Stöcker

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