Interview zu Big Data "Ich wünsche mir ein Recht auf Irrationalität"

Firmen und Behörden sammeln immer mehr Daten, damit Computer unser Verhalten vorhersagen können: Im Interview erklärt Internetforscher Viktor Mayer-Schönberger, wohin Big-Data-Analysen führen und warum Anonymität ein Auslaufmodell ist.
Viktor Mayer-Schönberger: Googles Algorithmen brauchen Aufsicht

Viktor Mayer-Schönberger: Googles Algorithmen brauchen Aufsicht

Viktor Mayer-Schönberger, Jahrgang 1966, arbeitet am Oxford Internet Institute zu Fragen der Internet-Regulierung. Der Jurist aus Österreich war zuvor an der Harvard Kennedy School of Government. 2009 forderte er in seinem Buch "Delete" ein kontrovers diskutiertes Recht auf digitales Vergessen . 2013 erschien "Big Data. Die Revolution, die unser Leben verändern wird".

SPIEGEL ONLINE: Was ist Big Data?

Viktor Mayer-Schönberger: In der Vergangenheit war das Sammeln, Speichern und Auswerten von Daten immer kostenintensiv und zeitaufwendig. Das hat sich geändert, und nun stellen wir fest: Aus einer großen Anzahl an Daten lassen sich Einsichten gewinnen, die man aus einer kleinen Anzahl von Datenpunkten so nicht gewinnen könnte.

SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel?

Mayer-Schönberger: Nehmen Sie Amazons Empfehlungen. Zu Beginn hatte Amazon seine Kunden in Gruppen eingeteilt: Wer könnte sich für Reiseliteratur interessieren, wer für Wissenschaft, wer für Berg-Krimis. Die Ergebnisse waren dämlich, weil die vorher definierten Gruppen nicht passgenau waren. Jetzt gibt es individuelle Empfehlungen, und Amazon macht damit 30 Prozent seines Umsatzes.

SPIEGEL ONLINE: Amazons Mitarbeiter treffen keine Vorhersage über das, was die Kunden als nächstes kaufen könnten, sondern lassen das einen Algorithmus ausrechnen.

Mayer-Schönberger: Oder nehmen Sie Googles  Grippetrend. Es gibt die Theorie, dass Leute nach bestimmten Begriffen suchen, wenn sie krank sind. Man könnte vier oder fünf Begriffe untersuchen - oder einfach bei Hunderten Millionen Begriffen schauen, bei welchen die Korrelation am größten ist, so wie Google das gemacht hat. Man lässt die Daten sprechen.

SPIEGEL ONLINE: Heißt Big Data auch, dass wir noch stärker als bisher überwacht und ausgeforscht werden?

Mayer-Schönberger: Überwachung ist nur eine Koinzidenz. Der Kern von Big Data ist die Vorhersage der Zukunft aus der Gegenwart und der Vergangenheit mit Mitteln der Wahrscheinlichkeitsrechnung. Das ist auch eine Reaktion unserer Gesellschaft auf Risiko: Wenn ich die Zukunft vorhersehbarer mache, senke ich das Risiko. Gleichzeitig schränke ich aber auch Freiheit ein.

SPIEGEL ONLINE: Was passiert, wenn wir alles bis ins Detail berechnen?

Mayer-Schönberger: Es führt in vielerlei Bereichen zu einer Optimierung, mehr Effizienz oder Wirtschaftlichkeit etwa. Das bedeutet auch, dass die Varianz, die Unterschiedlichkeit innerhalb der Gesellschaft, abnimmt.

SPIEGEL ONLINE: Big Data als großer Gleichmacher?

Mayer-Schönberger: Um das zu verhindern, müssen wir ganz klar Freiräume schaffen für Entscheidungen, die nicht auf dieser Empirie, auf Big Data beruhen. Die Analyse bei meinem Arzt könnte ergeben, dass ich aufhören sollte, Fleisch zu essen. Die Entscheidung möchte ich aber selbst treffen. Ich wünsche mir ein Recht auf Irrationalität, ein Recht darauf, dass Menschen sich nicht so entscheiden müssen, wie es empirisch rational richtig wäre.

SPIEGEL ONLINE: Aber der soziale Druck wäre enorm.

Mayer-Schönberger: Ja, wir sehen das heute schon beim Rauchen. Weil die Vorhersagen durch Big Data noch viel genauer werden, wird dieser Druck noch zunehmen.

SPIEGEL ONLINE: Wie irrational kann man sich als gläserner Bürger überhaupt verhalten?

Mayer-Schönberger: Ich glaube, dass die Debatte des gläsernen Menschen noch ein wenig zu kurz greift. Die große Gefahr ist nicht die Überwachung selbst, sondern die Vorhersage menschlichen Verhaltens und das daran Knüpfen von Verantwortlichkeit für etwas, was man noch nicht getan hat. In diese Richtung gehen US-Sicherheitsbehörden, die alle Big-Data-Analysen verwenden.

SPIEGEL ONLINE: Im deutschen Datenschutz gibt es hingegen den Ansatz, möglichst wenig Daten überhaupt erst zu sammeln. So einfach wird das mit Big Data vielleicht gar nicht?

Mayer-Schönberger: Tatsächlich heißt Big Data erstmal sammeln, weil sammeln so einfach und günstig ist. Sammeln unabhängig davon, ob ich schon eine Aufgabe für diese Daten habe. Dem steht das europäische Datenschutzverständnis entgegen, das aber bis zu einem gewissen Grad ineffektiv ist. In der Praxis bekommen die Betroffenen 20 Seiten Datenschutzerklärung, die sie nur annehmen können, wenn sie den entsprechenden Dienst nutzen wollen.

SPIEGEL ONLINE: Wir können uns nicht mehr gegen das Datensammeln wehren?

Mayer-Schönberger: Genau, die Debatte ist in Wirklichkeit schon vorbei. Wir haben es heute in Europa mit einem formalisierten Datenschutz zu tun, mit einem Mechanismus, der nicht mehr dazu geeignet ist, meine Privatsphäre effektiv zu sichern. Hier müssten wir einen anderen Mechanismus finden, der auf die Verwendung von Daten abzielt.

SPIEGEL ONLINE: Für Sie mag die Debatte vorbei sein, EU-Politiker sehen das anders. Was schlagen Sie vor?

Mayer-Schönberger: Zum Beispiel könnte sich eine Gruppe von Experten bei Unternehmen wie Google die Algorithmen ansehen und entscheiden, ob das plausibel ist und ob hier sinnvoll mit den Instrumenten umgegangen wird. Außerdem bedarf es einer gesellschaftlichen Diskussion und einer politischen Entscheidung, für welche Bereiche Big Data eben nicht eingesetzt werden darf.

SPIEGEL ONLINE: Was wäre so eine rote Linie?

Mayer-Schönberger: Menschen für bloß vorhergesagtes Verhalten zur Verantwortung zu ziehen, also etwa zu bestrafen.

SPIEGEL ONLINE: Reicht die nachträgliche Kontrolle der Algorithmen durch Experten - oder brauchen wir außerdem ein Recht auf Anonymität?

Mayer-Schönberger: Ich fürchte, dass auch dieser Zug weitgehend abgefahren ist. Natürlich gibt es immer die Möglichkeit, sich dem zu entziehen, Informationen nicht preiszugeben, aber das hat zur Folge, dass man nicht beachtet wird. Insofern gibt es hohe Transaktionskosten der Anonymität. Die zu überwinden, auch regulativ, ist nur schwer möglich.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.