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13. Juli 2011, 06:36 Uhr

IP-Sperren

Mit dubiosen Tricks zu legalen TV-Streams

Von Anna Sauerbrey

Kino.to existiert nicht mehr, nun fragen sich viele Nutzer: Wo bekommt man legale Video-Streams? Die Sache ist nicht ganz einfach, denn viele Angebote sind gegen Zugriffe aus dem Ausland gesperrt. Es gibt eine Möglichkeit, die Hürde zu umgehen - doch man landet in einer rechtlichen Grauzone.

Zwischen dem Fan und der jüngsten Staffel seiner Lieblingsserie liegt oft nur eine IP-Sperre. Jeder Computer ist im Internet mit einer IP-Adresse angemeldet - und auf diese Weise können Anbieter ihre Video- oder Musik-Streams auch für Zugriffe aus dem Ausland sperren. Denn gerade in den USA sind viele mediale Inhalte völlig legal und oft direkt vom Erzeuger bereitgestellt als Stream über das Internet zu sehen. Hierzulande wurde das bisher wegen Lizenz-Wirrwarrs und teils widersprüchlichen rechtlichen Regelungen in verschiedenen EU-Ländern verhindert - auf eine Vereinheitlichung drängt die EU-Kommission seit Jahren.

Es ist diese Situation, die illegal operierende Dienste wie das kürzlich geschlossene kino.to erst populär gemacht hat. Freunde neuer Sendungen aus den USA leben noch immer damit, dass "ihre" Serien in Deutschland erst spät, oft schlecht synchronisiert und mitunter zu ungünstigen Sendezeiten laufen - gerade anspruchsvolle Serien haben es im deutschen Fernsehen oft schwer.

Immerhin hat sich im vergangenen Herbst das Nischenprogramm ZDFneo erbarmt und "Mad Men" eingekauft. Seither läuft die mit Preisen überhäufte amerikanische Serie, die sich um die Belegschaft einer New Yorker Werbeagentur in den frühen Sechzigern dreht, endlich im deutschen Fernsehen.

Nur: Während Peggy sich hierzulande erst langsam aus dem Sekretärinnenstatus herausarbeitet, hat sie in den USA längst ein eigenes Büro. Dort ist nämlich schon die vierte Staffel durch, fünf und sechs sind in der Mache. Fans, die den Verlauf von Peggys Karriere schneller verfolgen wollen, suchen Abhilfe im Netz. Zum Beispiel beim legalen Anbieter Hulu, einem Joint Venture unter anderem der US-Medienriesen News Corp. und NBC Universal.

Das Film- und Serienportal streamt "Mad Men". Einziges Hindernis: Die Geo-IP-Sperre. "Entschuldigung, unsere Video-Bibliothek ist im Moment nur in den Vereinigten Staaten verfügbar", ist zunächst alles, was der deutsche Internetnutzer zu sehen bekommt. Dasselbe passiert bei Pandora, beim Netz-TV-Angebot der BBC und bei vielen weiteren legalen Stream-Anbietern im Ausland.

Technisch ist die Sicherung alles andere als unumgänglich. In Foren herrscht ein reger Austausch über die Tricks zur Umgehung der Hürde. Juristisch aber ist es problematisch, über den IP-Zaun zu klettern.

SPIEGEL ONLINE gibt die wichtigsten Antworten zum Thema:

Die Grundsatzfragen: Warum überhaupt Sperren - und darf man sie umgehen?

Warum sperren BBC, Hulu und andere Anbieter ausländische Nutzer aus?

Die Anbieter haben für ihr Angebot nur nationale Lizenzen erworben und filtern deshalb Surfer aus dem Ausland mittels der Länderkennung der IP-Adresse.

Ist es rechtlich problematisch, sich eine ausländische IP-Adresse zu besorgen?

Nein. "Das wäre ja noch schöner", sagt Udo Vetter, Rechtsanwalt in Düsseldorf und Betreiber des Lawblog . "Die IP-Adresse ist ja kein Personalausweis, den man nicht fälschen darf. Anonymisierungsdienste sind absolut legal."

Darf man unter Vortäuschung einer US-IP-Adresse surfend auf nur regional freigegebene Medieninhalte zugreifen?

Das lässt sich aus mehreren Gründen nicht eindeutig beantworten:

Rechtliche Konsequenzen - womit muss man rechnen?

Macht es einen Unterschied, welches Tool man benutzt, um mit einer anderen als einer deutschen IP zu surfen?

Nein. "Es ist rechtlich unbeachtlich, ob man mit Zange oder Dietrich einbricht", meint Rolf Schwartmann.

Welche Strafe stünde auf einen Urheberrechtsverstoß?

Auf Verstöße gegen das Urheberrecht kann eine Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren oder eine Geldstrafe stehen.

Muss man mit einer Abmahnung oder sogar einer Klage rechen?

Nein. Die Juristen sind sich einig, dass die Sache realistischerweise kaum verfolgbar ist. Um an die Daten des Nutzers zu kommen, müsste der Anbieter zunächst einmal bemerken, dass jemand mit verschleierter IP surft und dann gleich zwei Anfragen bei Providern stellen: beim Betreiber des Proxy-Servers, der die ursprüngliche IP herausgeben müsste, und beim deutschen Provider. "Das kann man schlecht auf Masse machen", meint der Augsburger Anwalt Hagen Hild, dessen Kanzlei auf IT-Recht spezialisiert ist.

Schwierig wäre es sicher auch, nachzuweisen, dass eine Absicht vorlag. Schließlich surfen viele Internetnutzer ohnehin anonymisiert - und damit potentiell auch mit anderer Länderkennung. "Die würden es unter Umständen ja gar nicht merken, dass sie eigentlich nicht da sein sollten, wenn sie Hulu oder einen vergleichbaren Dienst nutzen", so der Rechtsanwalt Udo Vetter.

Verstößt man gegen andere Rechtsvorschriften als die des Urheberrechts?

Hagen Hild hält es für möglich, dass man bei dieser Praxis gegen den Paragrafen 202a des Strafgesetzbuchs verstößt, den sogenannten "Hacker-Paragrafen". Der Paragraf droht demjenigen Strafe an, der sich "unbefugt" und "unter Überwindung der Zugangssicherung" Daten verschafft, "die nicht für ihn bestimmt sind und die gegen unberechtigten Zugang besonders gesichert sind". Die Streams, so der Jurist, seien schließlich nicht für deutsche Nutzer bestimmt. Und die IP-Sperren könnten als Zugangssicherung gewertet werden.

Udo Vetter bezweifelt hingegen, dass ein Gericht die Geo-Sperre im Sinne der Rechtsvorschrift auslegen würde. "Da wird ja gar nichts überwunden, die Zugangssicherung ist nicht wirksam", so der Rechtsanwalt. Selbst, wenn der Paragraf 202a anwendbar wäre, würde sich auch hier das Problem der Verfolgbarkeit stellen.

Was sagen die Anbieter dazu?

Nicht viel. Die BBC teilt mit, dass sie Urheberrechtsverletzungen sehr ernst nimmt. Pläne, einzelne Nutzer zu verfolgen, gibt es aber offenbar nicht. Man behalte sich vor, gegen Provider oder Serviceanbieter vorzugehen, die Nutzern zu Urheberrechtsverletzungen verhelfen, so eine Sprecherin. Hulu schweigt zu dem Thema ganz.

Drei Dinge halten die Anbieter vermutlich davon ab, gegen das Überwinden von IP-Sperren vorzugehen: Erstens die mäßigen Aussichten auf Erfolg, zweitens der geringe Anreiz - schließlich sind die Sprachbarrieren vermutlich schwieriger zu überwinden als die Geo-Sperren, die Gruppe der Nutzer dürfte klein sein. Drittens wären alternative Schutzverfahren - etwa eine Registrierung - deutlich komplizierter und würden Kunden abschrecken.

Was, wenn man im Ausland einfach kauft, was hierzulande noch nicht zu haben ist?

Manche kaufen sich Musik und Filme, die in Deutschland noch nicht erhältlich sind, im amerikanischen iTunes-Store. Dieser Fall ist anders gelagert. Deutsche Kreditkarten oder Kontodaten werden im amerikanischen Store nicht akzeptiert. Einige Nutzer kaufen dort aber mit iTunes-Gift-Cards ein, mit Geschenkgutscheinen, die wiederum im Store selbst und auf Ebay angeboten werden.

Eine Urheberrechtsverletzung begeht man dadurch nicht, da sind sich die Juristen einig. "Das ist eine zivilrechtliche Frage", so Rolf Schwartmann. Schließlich zahlt der Kunde für das Produkt. Er verstößt allerdings gegen die Allgemeinen Geschäftsbedingungen des US-iTunes-Stores. Darin ist festgelegt, dass das Angebot nur für die USA gültig ist. Es heißt: "Sie versichern, nicht zu versuchen, den iTunes-Service von Orten außerhalb dieser Region zu nutzen."

Apple behält sich vor, den Kaufvertrag wieder zu lösen oder die Lizenz wieder einzuziehen. Das könnte heißen, dass die Datei vom Computer des Käufers wieder verschwindet. Ob Apple diese Konsequenz schon einmal gezogen hat, will das Unternehmen nicht sagen. "Das Thema ist uns bekannt", sagt Apple-Sprecher Georg Albrecht. Aber: "Wir kommentieren es nicht."

Udo Vetter ist der Meinung, dass Apple effektivere Wege finden müsse, seinen Store zu schützen. "Es ist nicht die Aufgabe des Kunden, sich die Sorgen des Verkäufers zu machen."

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