iPod Gift für die Ohren?

Der iPod ist Kult - und steht in den USA zunehmend in der Kritik. Seine Gegner behaupten, MP3-Player schädigten das Gehör. Ein US-Kongressabgeordneter will es genau wissen und verlangt eine offizielle Studie - und gegebenenfalls Warnhinweise.

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Wenn es nach dem US-Kongressabgeordneten Edward Markey geht, müssten iPods und andere MP3-Player künftig Warnhinweise der Gesundheitsbehörden tragen, wie sie heute auf Zigarettenpackungen üblich sind. "Die Konsumenten brauchen gute Informationen über die potentiellen Gesundheitsrisiken dieser Geräte", schrieb er in einem Brief an das National Institute on Deafness and Other Communication Disorders. "Sie wollen ihre portablen Musikgeräte nicht aufgeben. Sie müssen aber wissen, ob sie damit vorzeitige Hörverluste riskieren und wie sie sich davor schützen können."

iPod: Bald mit "Health-Warning"?

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Deshalb, so Markey in dem offenen Brief, sei eine gründliche Untersuchung der vorliegenden wissenschaftlichen Daten zu diesem Thema durch das National Health Institute (NIH) nötig.

Losgetreten wurde die Debatte vor rund sechs Wochen: Für Apples iPod zeichneten sich Rekordumsätze im Weihnachtsgeschäft ab. Die "American Speech-Language-Hearing Association" (ASHA) brachte das Thema als Warnung vor möglichen Hörschäden auf den Weg, die "American Tinnitus Association" (ATA) nahm es dankbar auf - und schnell folgten Medienberichte, die die These mit Expertenmeinungen stützten. Selbst "The Who"-Gitarrist Pete Townshend warnte kürzlich vor den Gefahren des digitalen Musikkonsums.

Zum meistzitierten Experten avancierte Dean Garstecki von der Northwestern University (Evanston und Chicago), der sich mit einer Beobachtung aus der täglichen Praxis vorwagte: Bei fleißigen iPod-Nutzern, sagte er auf Anfrage einer Nachrichtenagentur, "sehen wir den typischen Hörverlust, den wir von älteren Menschen kennen".

Richtige, nach wissenschaftlichen Methoden erhobene Daten über mögliche, durch MP3-Player induzierte Hörschäden fehlen dagegen bisher, schrieb am 17. Januar Gregory Mott in der "Washington Post". In dieser Hinsicht lägen allenfalls Untersuchungen über tragbare CD-Player vor, die teils Lautstärken von über 120 Dezibel erbracht hätten. IPods hingegen kämen da "nur" auf 100 Dezibel - was dem Geräuschpegel einer Kettensäge entspräche. In Europa verkaufte iPods sind in ihrem Sound-Output allerdings aufgrund einer EU-Verordnung reduziert.

Von der Hörgeschädigten-Lobby immer wieder gern in die Diskussion geworfene Statistiken über zunehmende Hörschädigungen entsprächen dagegen zwar den Tatsachen, dokumentierten aber auch klar, dass dieser Trend nicht mit dem Aufkommen von MP3-Playern einsetzte, sondern mit der industriellen Revolution. Immer mehr zunehmender Umweltlärm in Alltag und am Arbeitsplatz gelten als Hauptursachen, Verbindungen zu tragbaren Musikgeräten als Trendverstärker seien zwar denkbar, aber letztlich nicht nachgewiesen.

Wie auch immer: Die Experten der ASHA gehen davon aus, dass es nicht nur der reine Lautdruck sei, der beim Einsatz von MP3-Playern (in den USA steht der iPod aufgrund seines Marktanteils quasi Synonym für die gesamte Geräteklasse) zu Schäden führen könne. Ursächlich könnte hier vor allem der Einsatz von Ohrstöpseln als Lautsprecher sein. Im Gegensatz zu herkömmlichen Kopfhörern, die auf der Ohrmuschel aufliegen, beschallen die "Knöpfe im Ohr" das Trommelfell aus Millimeter-Abstand.

All das klingt logisch, ist aber unter dem Strich nur anekdotisch, nicht aber wissenschaftlich untermauert. Ein unbefriedigender Zustand, findet der auf Verbraucherschutz spezialisierte demokratische Senator Edward Markey und will es nun genau wissen. Sein offener Brief spricht die Hauptfragen an und dürfte weitgehend der Anfrage an das National Institut of Health entsprechen. Ob und wann sich dieses der "iPod-Frage" annehmen wird, ist bisher nicht bekannt.



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