Iraq Body Count Der Real-Time-Leichenzähler

"We don't do body counts", hatte der amerikanische Irak-Feldherr General Tommy Franks jüngst verlauten lassen. Das braucht Franks auch gar nicht, denn das übernehmen Friedensaktivisten für ihn - mit einer makabren Inventur der zivilen Opfer.

Von Jochen A. Siegle


Montag früh, 6 Uhr 44. Der Zähler des "Iraq Body Count" steht auf "541 Maximal" und "433 Minimal". Gemeint ist damit, dass im Irak-Krieg bislang mindestens 433 und maximal 541 Zivilisten ums Leben gekommen sein sollen. Ermittelt werden die Daten durch die Auswertung von Medienberichten über zivile Todesopfer im Irak. Darunter fast vierzig Quellen aus aller Welt; vom US-TV-Sender ABC über die Deutsche Presse-Agentur, die "Hindustan Times" bis zur "Washington Post".

Versuch einer Annäherung an die bittere Wahrheit des Krieges: Der "Body Count" zählt zivile Opfer

Versuch einer Annäherung an die bittere Wahrheit des Krieges: Der "Body Count" zählt zivile Opfer

Ein makabrer Leichenzähler im Internet also? "Ganz genau", sagt John Sloboda, Psychologie-Professor an der englischen University of Keele und Mitinitiator des Internet-Projekts, dem eine "unabhängig und umfassend" zusammengetragene Datenbank mit Angaben über getötete Zivilisten und teilweise auch Links zu Originalquellen zu Grunde liegt. "Denn scheinbar war bislang niemand daran interessiert, genau zu erfahren und zu dokumentieren, wie viele unschuldige Zivilisten in diesem Krieg ums Leben kommen", empört sich Sloboda.

In der Tat führen bislang weder das Pentagon, die irakische Regierung noch das Rote Kreuz detaillierte Statistiken darüber, wie viele unbeteiligte Frauen, Männer und Kinder dem Krieg am Golf schon zum Opfer gefallen sind - und stündlich fallen. Ratlose Uno-Vertreter bestätigten jüngst ebenfalls, dass weder das amerikanische Militär noch internationale Hilfsorganisationen derzeit in der Lage seien, einigermaßen verlässliche Schätzungen über die Zahl verletzter und toter Zivilisten abzugeben.

Der Quellenauswerter wird zur zitierten Quelle

Der hehren Aufgabe, der Wahrheit durch die minutiöse Dokumentation von Medienmeldungen zumindest ein Stückchen näher zu kommen, hat sich daher die Gruppe von Pazifisten um Sloboda und den Londoner Wissenschaftler Hamit Dardagan verschrieben. Um den JavaScript-basierten "Iraq Body Count", der vor allem auch zum Herunterladen und Einbauen auf anderen Online-Angeboten gedacht ist, ständig aktualisieren zu können, wertet das mittlerweile 20 Personen starke und international agierende Netzwerk rund um die Uhr Nachrichten aus.

Und dieses Quasi-"Real Time"-Engagement honoriert längst nicht nur der pazifismusliebende Teil der Internet-Gemeinde - mindestens 40.000 Besucher zählt das Online-Projekt täglich, an Spitzentagen sollen auch schon 100.000 Interessierte die Web-Statistik angesurft haben; bereits hunderte "Web-Counter" seien heruntergeladen worden. Vielmehr zitieren inzwischen auch zahlreiche internationale Medienvertreter und Nachrichtenagenturen die Auswertungen der Gruppe, darunter neben dem englischen "Guardian" etwa die "Boston Globe" oder auch die Associated Press.

Doch den Initiatoren der digitalen Abschreckungskampagne, die auf die Schrecken und Unmenschlichkeit des Krieges an sich hinweist, geht es um weit mehr als um Aufmerksamkeit für ihre Online-Verwaltung des zivilen Todes im Irak: "Das Leid unschuldiger Zivilisten darf keinesfalls als Kollateralschaden eines Krieges hingenommen werden", sagt Sloboda "Wir sehen es daher als unsere moralische Pflicht an, dass jeder dieser Todesfälle dokumentiert und veröffentlicht wird und damit gegebenenfalls auch strafrechtlich verfolgt werden kann."

Leichenzählung als politisches Statement

Mit einer möglichst großen Präsenz der Todeszähler im Netz soll nun das Bewusstsein - vor allem in den USA - massiv beeinflusst und laut Sloboda vielleicht sogar die Stimmung gekippt werden können. Allen Widrigkeiten des bisherigen Kriegsverlaufs zum Trotz unterstützen in den Vereinigten Staaten Studien zufolge nach wie vor bis zu 70 Prozent der Bevölkerung den Kriegskurs der Bush-Administration. "Die eigenen getöteten Soldaten zählen die amerikanischen und britischen Militärs und Medien ja auch ganz genau", sagt Sloboda. Ein grausames Bild davon konnten sich am Sonntag auch Leser der "New York Times" machen: 27 Porträtbilder von gefallenen Soldaten waren dort zu sehen - die beiden jüngsten 19, der älteste 42 Jahre alt.

Mitunter gründet sich das Friedensprojekt, das bereits im Januar online ging und schon vor dem offiziellen Waffengang vor knapp zwei Wochen mindestens 15 durch amerikanisch-britische Luftangriffe getötete Zivilisten zählte, auch auf Marc Herold, Professor an der Universität von New Hampshire. Seit Beginn der Invasion in Afghanistan im Oktober 2001 führt Herold eine praktisch mit der selben Methodik zusammengetragene Online-Statistik zu zivilen Todesopfern am Hindukusch.

Bis dato hat der Wirtschaftswissenschaftler "minimal" 3100 und "maximal" 3600 Tote gelistet. Nun steht Herold auch dem Team von "Iraq Body Count" beratend zur Seite.



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