Islamische Websites Eine Alternative zu CNN?

Die Nachfrage nach Nachrichten aus dem Mittleren und Nahen Osten ist so groß wie selten zuvor. Obwohl das Fernsehen ununterbrochen "Breaking News" sendet, gibt es offenbar auch einen großen Bedarf, sich online über die islamische Welt zu informieren und auszutauschen. SPIEGEL ONLINE hat vier Websites unter die Lupe genommen.
Von Mareike Zoll

Hamburg - Manch eine islamische Website ist nach den Terroranschlägen von New York und Washington vom Netz gegangen, andere wurden aus Sicherheitsgründen abgeschaltet. Die großen Zeitungen im Mittleren und Nahen Osten versuchen, ihre Leser zurückhaltend, aber detailliert über das aktuelle Geschehen zu informieren. Dass die Berichterstattung über die US-Luftangriffe auf Afghanistan der Zensur unterliegt, ist bekannt. Medienkonsumenten fischen bei der Frage: "Was ist Fakt und was Propaganda?" oft im Trüben. Eines ist jedoch gewiss: Seit dem Golfkrieg wollen sich viele Menschen nicht mehr mit den Bildern des US-Nachrichtensenders CNN zufrieden geben. Sie nutzen die Freiheit des Netzes, klicken auf islamische Websites und hoffen, sich dort andere Perspektiven zu erschließen.

SPIEGEL ONLINE suchte aus der Masse der Angebote vier Websites heraus. Dabei entstand ein erster Eindruck über Aufbau, Meldungsdichte und Linkangebot. Eine Bestandsaufnahme von Freitag dem 12. Oktober.

Afghanistan-Online ist wider Erwarten kein Dienst der afghanischen Taliban. Auf den ersten Blick wird der Leser auf der Homepage in roten Lettern darauf hingewiesen, dass der Dienst "privat und von den USA aus" organisiert wird. "Wir sind keine regierungsnahe Website. Wir unterstützen keinerlei terroristische Aktivitäten, sondern verurteilen sie in jeder Form." Das Angebot ist auf englisch. Das Outfit: Den Hintergrund ziert ein islamisches Mosaik-Muster, darüber liegt eine schlichte Textmaske mit Friedenstaube. Ein weltweiter Agenturmix hält die Surfer auf dem Laufenden. Auch audiovisuelle Nachrichten von der BBC oder der Voice of America können abgerufen werden. Außerdem gibt es zahlreiche Foren, darunter auch eins in deutscher Sprache.

Ein Blick auf die Seite der iranischen Nachrichtenagentur Islamic Republic News Agency (IRNA) macht die unterschiedliche Gestaltungsweise von Websites aus der islamischen Welt deutlich. Die Seite existiert auf englisch, farsi (persisch) und arabisch und bietet internationale, nationale und lokale Nachrichten an. Neben einem Nachrichtenblock ziert ein großer Werbeblock die Homepage. Ein Bilderdienst und Radio- und Fernsehausschnitte werden angeboten. Die Nachrichtenlage wird ausschließlich mit IRNA-Meldungen beleuchtet. Allerdings gibt es auch einen Link, der auf andere Nachrichtenagenturen in der Welt verweist.

Auch "Dawn", die größte Tageszeitung Pakistans, besitzt eine Online-Ausgabe. Die Homepage zeigt die "Latest News", ohne Fotos. Die Nachrichten werden durch Werbebanner voneinander getrennt. Ein Online-Shop darf dort genauso für sich werben wie eine internationale Hilfsorganisation mit Sitz in den USA. Internationale Nachrichten werden von Agenturen abgedeckt, nationale und lokale produziert die Zeitung selbst. Reportage-, Gesundheits- und Wissenschaftsseiten werden ebenfalls angeboten.

Spätestens seit der Ausstrahlung des Videos des mutmaßlichen Terrorchefs Osama Bin Laden nach dem ersten US-Luftangriff auf Afghanistan, ist der arabische Sender al-Dschasira ins Blickfeld des öffentlichen Interesses geraten. Der kleine Sender aus dem Golfemirat Katar ist für die arabische Welt ein Unikum und eine Revolution. Scheich Hamad, Herrscher Katars, hat den Sender gekauft und für journalistische Unabhängigkeit gesorgt. Auch kritikempfindliche Herrscher können den erfolgreichen Sender mittlerweile nicht mehr einfach ignorieren. Die britische Tageszeitung "Daily Telegraph" schrieb kürzlich, das Fernsehprogramm trage zur Demokratisierung des Nahen Ostens bei. Ein Besuch auf der Website von al-Dschasira dürfte für einige Surfer jedoch ernüchternd sein: Das Angebot existiert nämlich ausschließlich in arabischer Sprache.

Diese kurze Bestandsaufnahme hat keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern gibt lediglich einen Eindruck davon, wie vielfältig das Angebot islamischer Websites ist. Viele islamische Staaten sehen nach einem Bericht der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) ihre politischen, sozialen und religiösen Machtstrukturen durch das neue Medium nach wie vor gefährdet. Sie würden das Internet zwar nicht generell verbieten, da sie wirtschaftliche Nachteile befürchteten, schreibt Autor Eric Goldstein. Nicht gewünschte Inhalte würden aber durch Filter oder eingeschränkten Zugang zensiert. Oft sei Meinungsäußerung im Netz jedoch weniger eingeschränkt als in Druck-Publikationen. "In Tunesien veröffentlichen Journalisten Online-Magazine, nachdem ihr Antrag auf Publikation in Druckprodukten von den Autoritäten ignoriert wurde", so Goldstein.

Das Internet gehört in der islamischen Welt vielerorts noch lange nicht zum Alltag. Das Online-Marktforschungsunternehmen Nua schätzt, dass im gesamten Mittleren Osten 4,65 Millionen Menschen das Internet nutzten. In Afrika seien 4,15 Millionen Menschen online - gegenüber rund 155 Millionen Nutzern in Europa. Menschenrechtler kritisieren, dass viele arabische Regierungen ihre Gesellschaften nur zögernd für das Internet öffnen. Die afghanische Taliban-Regierung hat das Internet ganz verboten. "Wir sind nicht gegen das Internet, aber es wird benutzt, um Obszönitäten, Unmoral und Propaganda gegen den Islam zu verbreiten", sagte der Außenminister des Regimes, Wakil Ahmed Mutawakil, im Sommer der in Pakistan ansässigen afghanischen Nachrichtenagentur AIP.

Neben den genannten islamischen Websites erfreuen sich derzeit auch Seiten von internationalen Hilfs- und Friedensorganisationen großer Beliebtheit. Von der Berichterstattung eines einzigen TV-Senders oder einer einzigen Tageszeitung ist schon lange niemand mehr abhängig.

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