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Martin U. Müller

Covid-19 Was die Digitalisierung mit Israels Impferfolg zu tun hat

Martin U. Müller
Ein Netzwelt-Newsletter von Martin U. Müller
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Liebe Leserin, lieber Leser,

dass Israel in Sachen Covid-19-Impfungen seiner Bevölkerung erheblich besser als Deutschland dasteht, hat auch etwas mit der Digitalisierung dort zu tun. Israel hat eine Vereinbarung mit Biontech und Pfizer abgeschlossen, statistische Daten im Austausch gegen Impfdosen zu liefern. So könnte es gelingen, schon bis Ende März einen Großteil der Bürger Israels mit dem mRNA-Hightech-Impfstoff aus Mainz zu immunisieren. Biontech und dessen Partner Pfizer erhalten im Gegenzug genaue Daten zur Wirksamkeit im Feld ihres Impfstoffs – aufgeschlüsselt nach Alter, Vorerkrankungen und anderen Faktoren der Impflinge. Sogar an die WHO sollen diese Datensätze weitergegeben werden.

Solche »Real-World-Daten« sind in der Pharmaindustrie wichtig und nur aufwendig zu gewinnen. Wenn Biontech und Pfizer dieser Tage Daten präsentieren werden, wie wahrscheinlich ihr Impfstoff Comirnaty eine Übertragung des Coronavirus verhindert (in der Medizin nennt man das »sterile Immunität«), werden diese Angaben wohl auch auf Daten aus Israel beruhen.

Dass ausgerechnet Israel den Daten-gegen-Wirkstoff-Deal eingehen konnte, liegt an der Verbreitung elektronischer Patientenakten im Land. Denn anders als bei uns sind die Krankenakten in Israel zentral erfasst und digitalisiert. 300 Millionen Dollar investierte Israel, um die Inhalte aus Millionen Krankenakten für Forscher, Unternehmen und medizinische Einrichtungen unter dem Projektnamen »Psifas«, Mosaik, verfügbar zu machen. KI-Systeme können auf der Suche nach möglichen Antworten, Korrelationen oder Hypothesen nun die anonymisierten Datensätze durchpflügen.

Impfung in Tel Aviv: Israel setzt auf einen Deal Daten gegen Wirkstoff

Impfung in Tel Aviv: Israel setzt auf einen Deal Daten gegen Wirkstoff

Foto: Jack Guez / AFP

Solche Ansätze sind in der Medizin wissenschaftstheoretisch nicht unumstritten, und sie brachten selbst Giganten wie IBM ziemlich viele Schwierigkeiten . Und doch stecken riesige Chancen darin, beispielsweise wenn es um den früheren Zugang zu innovativen Therapien oder eben Impfstoffen geht. Hat ein Unternehmen die Wahl, neue Wirkstoffe und Technologie in Israel oder einem anderen Land testweise auszurollen, könnten sie dem wegen der besser abrufbaren Daten Israel den Vorzug geben. Die Sammlung dort gilt unter Experten als die umfangreichste digitale medizinische Datenbasis der Welt. In der israelischen Regierung rechnet man sogar damit , Lizenzgebühren für deren Nutzung verlangen zu können und verspricht sich so Einnahmen in Millionenhöhe.

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So sieht es in Deutschland aus

In Deutschland sind wir davon weit entfernt, zumindest ein erster Schritt ist aber gemacht: Jeder Patient hat seit diesem Jahr das Recht, seine Befunde auch digital bekommen zu können. Viel mehr als ein digitalisierter Aktenordner, der statt im Wohnzimmerschrank zu stehen nun über das Smartphone abgerufen werden kann, steckt da aber noch nicht drin.

Das ehrgeizige Ziel, alle Patientendaten in einer Datenbank zu haben, dürfte an Deutschlands Größe (Israel hat weniger Einwohner als Baden-Württemberg), dem zerklüfteten Versorgungssystem hierzulande (in Israel gibt es anders als in Deutschland nur vier große Krankenversicherungen, die ein angeschlossenes Praxis- und Krankenhausnetzwerk haben) und vor allem den deutschen Datenschutzbedenken liegen. Zwar werden in Israel nur statistische Daten ausgetauscht und keine individuellen Patientendaten, auch kann man der Verwendung widersprechen. Doch nachvollziehbarerweise hegt mancher den Verdacht, dass ein solcher Datenaustausch es ermöglichen könnte, dass Unbefugte an sensible Krankheitsinformationen kommen könnten.

Gesundheitsdaten sind wertvoll und die Missbrauchsgefahr groß. Argumentieren lässt sich aber auch so: Datenschutz kann Menschen umbringen, etwa dann, wenn durch ihn Therapieoptionen gar nicht oder zu spät ans Licht kommen.

Für die aktuelle Coronaviruskrise ist es zu spät, zu Israel noch aufzuschließen. Aber vielleicht könnte sich Deutschland aus einem anderen Land zumindest eine kleine digitale Funktion abgucken, wenn es um die Impfstoffe geht. In Bahrain können die Bürger Impftermine rein digital über eine App buchen, wenn sie wollen. In der App, die dort auch zur Kontaktnachverfolgung genutzt wird, kann sogar zwischen verschiedenen Impfstoffen gewählt werden. In Deutschland reden wir stattdessen derweil kryptisch von »Impfangeboten«, überlasteten Telefonhotlines und abstürzenden Impfterminvergabe-Servern.

Seltsame Digitalwelt: Gorillas und das Gewissen

Seit ein paar Tagen kann man auch in jenem Teil Hamburgs den Lebensmittellieferdienst Gorillas nutzen, in dem ich lebe. Das Versprechen des Unternehmens: Lieferung in zehn Minuten. Bisher klappte das bei jedem Versuch, im Schnitt sogar in bereits sechs Minuten. Einen Mindestbestellwert gibt es nicht, dafür eine Liefergebühr. Die Fahrer kommen per E-Bike und reden begeistert von ihrer Arbeit (nur das Trinkgeld wollen sie lieber direkt bekommen als per App).

Und doch quält mich hin und wieder ein schlechtes Gewissen: Muss man bei Schnee auf der Straße seine Lebensmittel so bestellen, wenn der Fahrer hinfallen könnte? Muss man wirklich eine Order auslösen, wenn das Fahrrad nur für ein paar Produkte kommen würde? Wie kann das eigentlich alles klappen, dass Lebensmittel zu Supermarktpreisen in einer solchen Geschwindigkeit zu Hause ankommen? Und vor allem: Wie verändert das unser Einkaufsverhalten, wenn sich solche Dienste durchsetzen sollten?

Am ersten Tag im neuen Liefergebiet hatte Gorillas bereits mehr als hundert Bestellungen allein aus ein paar Straßen in Hamburg. Zu viele Bedenkenträger scheint es also nicht zu geben.

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