iTunes Music Store Apple verhandelt mit europäischen Musikfirmen

Nach dem überraschenden Kickstart des Apple Online-Musicshops iTunes haben die Verhandlungen mit Musiklabels in Europa begonnen. Das mag sich ziehen, denn die Musikfirmen stehen sich gern gegenseitig auf den Füßen.

Viel Zeit hat Steve Jobs nicht verschwendet: Rund zwei Wochen nach dem Start des iTunes Music Stores in den Vereinigten Staaten, berichtet der "Guardian", verhandele er bereits mit europäischen Musikfirmen. Der iTunes Store hob mit einem bisher beispiellosen, als sensationell bejubelten Erfolg ab. In nur einer Woche verkaufte Apple rund eine Million Downloads - und das, obwohl der Apple-Store nur rund drei Prozent der weltweiten Computer-User offensteht, weil er als Angebot bisher nur über eine direkte Schnittstelle in Apples kostenlosem iTunes-Programm erreichbar ist.

Lauter die Kassen nie klangen, und eigentlich müsste das Europas Plattenbosse motivieren, schnellstmöglichst auch ihr Placet, Ja und Amen abzugeben. Sucht die Musikindustrie nicht händeringend nach Wegen aus ihrem Krisen-Dillema, das nicht zuletzt viel mit den Downloads über P2P-Börsen zu tun hat, an denen (fast) niemand verdient?

In der Praxis wird das wohl anders aussehen: Branchenkenner rechnen mit einem mühseligen Verhandlungsmarathon.

>Denn ganz entgegen der Mär von der weltweit vernetzten und nahezu monopolisierten Musikindustrie, die von nur fünf Giganten fast gänzlich beherrscht wird, stellt sich die Branche bei näherem Hinsehen als Labyrinth von Interessen, Verträgen und Rechtslagen dar. Regionale und Landesfürsten der großen Vertriebsfirmen kochen ihre Strategie-Süppchen, während Labels, Musikverlage und Autoren ebenfalls gefragt sein wollen.

In Extremfällen gilt die Rechteabtretung an eine Firma nur innerhalb bestimmter Landesgrenzen und gebunden an genau definierte Bedingungen, gehört ein Label hie zum Musikriesen A, dort jedoch zum Giganten B. Am Produkt Musik hat oft eine ganze Reihe von Firmen und Personen Rechte, und all das muss geklärt werden, bevor der Download beginnt.

Verhandelt wird, bis geplante Projekte überflüssig sind

Dass er beginnen muss, ist den Strategen der Musikfirmen dagegen völlig klar. Lieber noch als über den Apple-Store würden sie den Online-Vertrieb selbst erledigen - schließlich bekommt man ein größeres Stück vom Kuchen, wenn man mit weniger Essern teilen muss.

Dumm nur, dass sich die Unternehmen der Branche bei solchen Unterfangen gern gegenseitig auf den Füßen stehen. Das Projekt "PhonoLine" etwa, ein geplantes gemeinsames Portal der deutschen Musikindustrie, befindet sich seit geraumer Zeit in der Planungsphase. Über "Vorbereitung" und "Verhandlung" seien die beteiligten Unternehmen bisher jedoch nicht hinausgekommen, berichtet "musikwoche.de", das Nachrichtenmagazin der Branche. Schlagzeile der entsprechenden Meldung in der aktuellen Ausgabe: "Macht Apple das Projekt PhonoLine überflüssig?"

Eine Frage, die man sich - aus Perspektive der Industrie leider - in Bezug auf die kommerziellen Musikbörsen der Industrie öfter stellen kann. Nahezu erfolgfrei pröttelt seit nun schon fast zwei Jahren PressPlay dahin: Rigide Auflagen, ein dünner Titelkatalog und undurchsichtige Preismodelle verschreckten anfänglich die Kunden. Längst hat PressPlay da kräftig nachgebessert, nur zu interessieren scheint das niemanden.

Apple dagegen erlebte mit dem Start seines Online-Musik-Shops Anfang Mai einen Überraschungserfolg, der zu einer ersten "Bilanz-Pressekonferenz" bereits nach einer Woche führte. Als Grund dafür gelten - neben dem gelinde gesagt ungewöhnlichen Verhältnis der Apple-Fans zu ihrer Marke - die Nutzungsbedingungen des Apple-Stores.

Das Erfolgsrezept: Kunden nicht wie Kriminelle behandeln

Die lauten, salopp gesagt: "Saug herunter, zahle 99 Cent und mach mit der Musik, was Du willst".

Und das hat Apple bequemer geregelt als irgendein Konkurrent: Der neugierige Kunde darf 30 Sekunden in jeden Titel hineinhorchen, von denen Apple satte 200.000 auf Lager hat. Vom Schnuppern und Stöbern bis zum Kauf ist alles unkompliziert geregelt - der Music Store gilt schon jetzt als Paradebeispiel eines funktionierenden Online-Shops.

Die kommerziellen Angebote der Industrie hingegen gelten vielen als digitale Hochsicherheitstrakte, in denen man für jedes eigentlich als selbstverständlich wahrgenomme Nutzungsrecht extra bezahlen muss. So dachte Steve Jobs wohl nicht nur an die P2P-Börsen vom Schlage KaZaA und Co, als er bei der Vorstellung des Apple-Shops sagte, man dürfe "Kunden nicht wie Kriminelle" behandeln.

Signalwirkung: Wecker für die Branche?

Branchenanalysten bewerten das alles als "richtungsweisend", obwohl es genau die Strategie ist, die die Industrie bisher gemieden hat wie der Teufel das Weihwasser. "Es zu schaffen, eine Million Songs in weniger als einer Woche zu verkaufen, kam als völlige Überraschung", zitiert der "Guardian" Roger Ames, den Chef von Warner Music. "Apple hat den Musikfans, Künstlern und der Industrie gezeigt, dass es wirklich eine einfache und legale Methode gibt, Musik online zu verkaufen."

Bevor die jedoch Konsequenzen daraus zieht, wird sie die Sache erst gründlich diskutieren. Apple bekam die Genehmigung für die außerordentlich liberalen Nutzungsbedingungen wohl nur, weil die Musikbosse wussten, dass Apple nur einen verschwindend kleinen Teil der Web-Userschaft erreichen konnte. Für sie war die Genehmigung ein Experiment, bei dem zumindest nicht allzu viel Schaden entstehen konnte.

Der Erfolg des Shops hat viele Verantwortliche nun einerseits völlig kalt erwischt, anderseits offensichtlich begeistert: Nach zwei Jahren mühseligen kommerziellen Versuchen hegten viele allenfalls noch langfristige Hoffnungen auf einen Erfolg. Beim Wörtchen "Apple" glänzen nun so manchem die Augen: Die Branche wittert ein wenig Morgenluft.

Steve Jobs hofft, den Apple-Shop bis zum Herbst auch in Europa anbieten zu können. Spätestens dann soll es auch eine Schnittstelle für Windows-User geben. Damit hat es Apple in der Hand, die erste wirklich funktionierende, erfolgreiche kommerzielle Musikbörse aus der Taufe zu heben. Wenn die Industrie aufwacht - und mitmacht, mit oder in guter Konkurrenz zu Apple.

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