Piratinnen-Buch "Klick mich" Verloren im Faselmorast

Das Interessanteste an diesem Buch ist das Vorschusshonorar: 100.000 Euro soll das Piraten-Vorstandsmitglied Julia Schramm für ihr Bekenntniswerk "Klick mich" bekommen haben - mehr als Bettina Wulff für "Jenseits des Protokolls". Warum bloß? Das Buch ist ein Desaster.
Piraten-Vorstandsmitglied Schramm: Schwall aus Plattitüden und Referenzen

Piraten-Vorstandsmitglied Schramm: Schwall aus Plattitüden und Referenzen

Foto: dapd

Der Kollege aus dem Kulturressort winkt ab. Er hat die ersten hundert Seiten gelesen. "Ist nichts für uns. Das ist Schülerzeitung, da lese ich Bettina Wulff noch lieber." Es geht um "Klick mich", das pseudo-biografische Buch der Piratenpolitikerin Julia Schramm. Weil Schramm immerhin im Bundesvorstand der Partei sitzt, lässt sich "Klick mich" indes nicht völlig ignorieren.

Darum geht es: Die mehr oder weniger mit Schramm identischen Erzählerinnen wachsen behütet auf, finden das Internet und das Spiel mit verschiedenen Identitäten toll, halten Privatsphäre für eine bürgerliche Idee aus dem analogen Zeitalter und fühlen sich und die Freiheit im Netz latent bedroht von CDU-Politikern, Kapitalismus und "Contentmafia".

"Irgendwie passiert", aber "nicht geschehen"

Das Problem: Schramm, Jahrgang 1985, weiß nichts zu erzählen und interessiert sich offensichtlich nicht im geringsten für ihre Leser - in dieser Kombination eher ungünstige Voraussetzungen. Und so braucht es auch eine lange Einleitung, um den folgenden knapp 150 Seiten so etwas wie eine Richtung zu geben. Eine Revolutionsgeschichte soll es sein, angelehnt an Dinge, die "irgendwie passiert" sind, aber "nicht geschehen", heißt es da.

Was folgt, ist eine Aneinanderreihung weitgehend zusammenhangloser Episoden, dahingestammelt in einem Schwall aus Plattitüden und Referenzen. Da werden eine Anspielung auf Kognitionserklärer Douglas Hofstadter oder ein Zitat des tschechischen Philosophen Vilem Flusser lieblos eingestreut, ohne weitere Erklärungen - eitles Namedropping ohne jeden Erkenntnisgewinn. Das Buch ist voll davon.

Für einen Chat-Partner konstruiert eine der fünf Ich-Inkarnationen dann auch noch eine Sexszene. Ihre Phantasie läuft, angekurbelt von Weißwein, auf Hochtouren, aber was dabei entsteht, ist doch nur kitschiger Strandporno. Sanfte Stöße im Wasser, mit denen der Chat-Freund manipuliert wird. Nichts ist echt im Buch von Julia Schramm, der Sex nicht, die "Bekenntnisse" schon gar nicht.

Ihre Leser quält sie mit einer lustlosen, hermetischen Sprache: Wer nicht weiß, was "Etherpadinstanzen" sind oder wie man mit einer Brücke einen Twitter-Account "bespielt", wird ratlos zurückgelassen. Dazu kommen Manierismen wie "kohlenstoffbasierte Entitäten" (Menschen) und "mobile Endgeräte" (Handys). An einer Stelle fragt sich eine der schrammschen Scheinidentitäten, ob ihr Geschreibsel nicht "ein Haufen neurotischer und trivialer Faselmorast" sei. Das kann hiermit festgestellt werden.

Vielleicht soll das Buch ein Witz sein, eine Lehrstunde in fortgeschrittenem Dekonstruktivismus. Oder ein Dada-Experiment, bei dem es letztlich egal ist, ob nun Stichworte von Bibi Blocksberg, Hitler oder Hegel hereingereicht werden. Der zu Random House gehörende Knaus-Verlag, der Schramm der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung"  zufolge mindestens 100.000 für das Buch bezahlt haben soll, ist Komplize bei diesem Spiel: pinke Frauensilhouette auf neongelbem Umschlag. Mehr Sex für weniger Inhalt.