Festnahme in London Wie WikiLeaks ohne Assange weitermacht

Julian Assange ist festgenommen worden. Einiges spricht dafür, dass die Enthüllungsplattform WikiLeaks ohne ihn wieder relevanter wird.

Julian Assange bei seiner Festnahme: Schon 2018 begann für WikiLeaks eine neue Phase
Peter Nicholls/REUTERS

Julian Assange bei seiner Festnahme: Schon 2018 begann für WikiLeaks eine neue Phase

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Die Frage, was aus Julian Assange wird, lässt sich so kurz nach seiner Festnahme kaum beantworten. Sie führt aber zu Folgefragen. Eine davon lautet: Was wird aus WikiLeaks? Die Enthüllungsplattform wurde von Assange mitbegründet, er ist ihr mit Abstand bekanntestes Gesicht. Kann sie, sollte es so weit kommen, dauerhaft ohne ihn arbeiten und dabei erfolgreich sein?

Einiges spricht dafür. So sehr Assange WikiLeaks geprägt hat: Spätestens seit Herbst 2010, als Ermittler in Schweden, Großbritannien und den USA hinter ihm her waren, wurde die Verquickung seines persönlichen Schicksals mit der Arbeit der Plattform zum Problem. Als WikiLeaks im US-Wahlkampf 2016 E-Mails der Demokratischen Partei und von Hillary Clinton veröffentlichte, warfen sogar viele langjährige Unterstützer Assange vor, er habe Donald Trump geholfen, damit dieser als Präsident die Ermittlungen gegen ihn einstellt.

Das hatte auch auf die Plattform Auswirkungen. Wegen interner Kontroversen und auch personeller Veränderungen lag die redaktionelle Arbeit ab Ende 2017 für rund 15 Monate brach.

Mitte 2018 begann eine neue Phase. Zum einen mit der Eröffnung eines neuen Büros in Island. Zum anderen kurz darauf mit der Ernennung des langjährigen WikiLeaks-Sprechers Kristinn Hrafnsson zum Chefredakteur, durch Assange selbst. Der hatte praktisch keine andere Wahl, schließlich war er zu diesem Zeitpunkt seit Monaten weitgehend von der Außenwelt und vor allem vom Internet abgeschnitten.

Die Kooperation von WikiLeaks und dem SPIEGEL

Mit einer Handvoll Mitarbeitern begann der isländische Journalist Hrafnsson wieder damit, anonym gelieferte Dokumente zu bearbeiten. Vier Veröffentlichungen gab es seither auf der Website.

So veröffentlichten der SPIEGEL und die französische Enthüllungsplattform Media Part im vergangenen September Recherchen über Korruption beim Verkauf französischer Panzer mit deutschen Motoren an die Vereinigten Arabischen Emirate - basierend auf WikiLeaks-Dokumenten.

Die bisher letzte WikiLeaks-Veröffentlichung stammt vom 30. Januar 2019. Es handelt sich um Dokumente aus dem Vatikan, die Machtkämpfe in der katholischen Kirche belegen sollen. Auch ein Brief des Papstes ist darunter.

Hrafnsson geht davon aus, dass angesichts der Bekanntheit von WikiLeaks auch in Zukunft interessante Dokumente eingesandt werden.

Nicht alle glauben uneingeschränkt daran. Linus Neumann, einer der Sprecher des Chaos Computer Club, sagt dem SPIEGEL: "Das Drama um die Person Julian Assange hat WikiLeaks sehr beschäftigt und von der Arbeit abgehalten - und das Drama wird jetzt nicht weniger. Gleichzeitig hat darunter der Ruf der Plattform gelitten, was wohl auch zu weniger Einreichungen geführt hat. Auch die neuen Entwicklungen werden das Vertrauen von Whistleblowern in WikiLeaks nicht stärken."

Balanceakt für WikiLeaks

Die künftige Rolle der Plattform sei ungewiss, glaubt auch Gabriella Coleman, die an der kanadischen McGill University lehrt und sich mit ihrer Forschung zum Netzkollektiv Anonymous und zur Hackerkultur einen Namen gemacht hat. Unter Umständen könnte WikiLeaks von der Verhaftung aber sogar profitieren: "Mit Assanges Inhaftierung kann sich das aktuelle Team vielleicht neu erfinden, indem es sich noch mehr von seinem früheren Anführer distanziert und Unterstützung zurückgewinnt", sagt die Anthropologin dem SPIEGEL. "Aber sie schaffen das nur, wenn sie verantwortungsbewusst nur noch bedeutungsvolle Leaks im öffentlichen Interesse veröffentlichen."

Auch Coleman sieht jedoch das Risiko, dass WikiLeaks nun vor allem mit dem Rechtsstreit im Fall Assange beschäftigt sein könnte und die unsichere Lage potenzielle Whistleblower davon abhalten könnte, mit der Plattform zusammenzuarbeiten.

WikiLeaks sei auf jeden Fall ein "Gamechanger" gewesen, sagt Hackerexpertin Coleman. Als Modell hat die Organisation zahlreiche Plattformen und Recherchekooperationen weltweit inspiriert - und auch die Art verändert, wie Medienorganisationen mit Whistleblowern und deren Dokumenten umgehen.

"Als wir Cablegate bearbeitet haben, haben die Mainstream-Medien noch argumentiert, dass sie keine Originaldokumente veröffentlichen könnten", so die Snowden-Unterstützerin und ehemalige WikiLeaks-Mitarbeiterin Sarah Harrison in einem "Wired"-Interview. "Jetzt ist das normal. Auch eine Online-Dropbox, über die Dokumente eingereicht werden können, ist nun Standard für die meisten Medienorganisationen."

Anmerkung: In einer früheren Version haben wir den Namen des langjährigen WikiLeaks-Sprechers und spätere Chefredakteurs Kristinn Hrafnsson falsch geschrieben. Wir haben die entsprechenden Stellen korrigiert.



insgesamt 118 Beiträge
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Seite 1
Xenocow 11.04.2019
1. Assange = Martyrer
Das was bisher passiert ist war ein laues Windchen. Das was jetzt folgt ist der Sturm.
Crom 11.04.2019
2.
Wird Zeit, dass der Typ verknackt wird.
allesamt 11.04.2019
3.
Die Aufdeckung von Verbrechen gegen die Menschlichkeit sollten in rechtsstaatlichen Staat belohnt und nicht bestraft werden.
DJ Bob 11.04.2019
4. Verschwörungstheorien
Ich frage mich wirklich für "wen" arbeitet Julian Assange wirklich? Die überragende Informationen von Wiki Leaks handelt schliesslich von der USA. Seltsamerweise vor Trump. Und woher hatte er die Mitteln für die ganzen "Informationen" Informationen kosten Geld viel Geld es sei denn ein ausländische Macht hat ihn dies zugesteckt. Eine ausländische Macht die warscheinlich ziemlich Immun ist gegen Wiki Leaks Verschwörungstheorien! Verschwörungstheorien! Na dann einige SPON Leser lieben doch solche Verschwörungstheorien! oder ?
sans_words 11.04.2019
5. Gespannt
Ich bin gespannt, was nun mit Assange passiert. Was in Schweden passiert war, weiß ich nicht. Aber in Bezug auf Informationsfreiheit ist er für mich ein Held.
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