Einfluss auf Entscheidungen nachgewiesen Auch Richter lesen Wikipedia

In einem aufwendigen Experiment zeigten Forscher: Wikipedia-Artikel haben Einfluss auf Urteile von Gerichten. Die irische Justiz weist die Schlussfolgerungen der Untersuchung zurück.
Die Online-Enzyklopädie Wikipedia: Auch Juristen lesen hier schnell nach

Die Online-Enzyklopädie Wikipedia: Auch Juristen lesen hier schnell nach

Foto: Christoph Hardt / Future Image / IMAGO

Die Online-Enzyklopädie Wikipedia hat es sich zum Ziel gesetzt, das »Wissen der Welt« zu sammeln – zuweilen hat aber das Aufschreiben von Fakten Einfluss auf die Welt an sich. In einer aufwendigen Untersuchung haben Forscher in Irland und den USA gezeigt, dass Wikipedia-Artikel einen messbaren Einfluss auf irische Gerichtsentscheidungen haben.

Dass die von freiwilligen Autorinnen und Autoren verfasste Wikipedia vor Gericht eine Rolle spielt, steht längst nicht mehr zur Debatte. Auch deutsche Gerichte zitieren in ihren Unterscheidungen immer wieder  das Onlinelexikon – insbesondere wenn es um zwischen den Parteien unstreitige Sachverhalte geht. Der Inhalt von Wikipedia-Artikeln selbst ist ebenfalls immer wieder Grund für gerichtliche Auseinandersetzungen.

Urteilszitate untersucht

In der aktuellen Untersuchung wollten die Forscher jedoch den Einfluss auf den juristischen Gehalt der Urteile untersuchen. Dazu ließen sie Jurastudierende 154 Artikel über höchstrichterliche Entscheidungen in Irland schreiben. Die Hälfte davon veröffentlichten sie auf Wikipedia, die andere Hälfte blieb in der Schublade. Das Ergebnis nach zwei Jahren Beobachtung: Die Entscheidungen, zu denen es in der Wikipedia einen Artikel gab, wurden um mehr als 20 Prozent öfter zitiert als die Entscheidungen der Kontrollgruppe. Eine Sprachanalyse legt nahe, dass auch der Wortlaut der Artikel Einfluss auf die Urteile hatte.

Die Zitate fanden sich vorrangig in den Urteilen niedriger Instanzen. Bei den höchsten Gerichten selbst gab es wohl keinen Bedarf, an die eigenen Urteile erinnert zu werden. Die Forscher stellten die Hypothese auf, dass sich besonders Richterinnen und Richter mit hoher Arbeitslast auf die Wissensabkürzung Wikipedia verlassen. Dabei müssen sie nicht unbedingt in der Enzyklopädie selbst nachschlagen: Wikipedia-Artikel werden von fast allen Suchmaschinen besonders hoch eingestuft, Google veröffentlicht sogar Kurzfassungen der kostenlosen Artikel neben den Suchergebnissen.

Qualitätskontrolle wichtig

»Bei einer Quelle, die so weitverbreitet ist wie Wikipedia, wollen wir sicherstellen, dass wir Institutionen aufbauen, die gewährleisten, dass die Informationen von höchster Qualität sind«, erklärt Neil Thompson vom Massachusetts Institute of Technology. Nach Bekanntwerden des Experiments warfen Wikipedia-Autoren noch einen kritischen Blick auf die Artikel und lobten deren Qualität.

Bei der irischen Justiz ist man hingegen nicht glücklich mit dem Experiment und der Schlussfolgerung. Die Tageszeitung »The Irish Times« zitiert  mehrere Gerichtsangehörige, die den Eindruck zurückweisen, Richter verließen sich auf Wikipedia. Allerdings räumt ein anonymer Jurist ein, dass Wikipedia-Fußnoten als wertvolle Fundstelle für juristische Fachartikel gelten. Man verlasse sich aber nicht auf die Zusammenfassung in der Enzyklopädie, an der auch viele Laien mitschreiben.

Die Ähnlichkeit in den Urteilen wird hier auch auf eine andere Quelle zurückgeführt: So könnten nicht Richterinnen und Richter die entsprechenden Fundstellen eingeführt haben, sondern die Rechtsanwälte von Klägern und Beklagten.

tmk
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