Kamera-Terror Amateur-Paparazzi jagen Promis für Internet-TV

Sobald sich Stars auf die Straße trauen, werden ihnen Kameras vor die Nase gehalten. Mittlerweile sind auch selbsternannte Video-Paparazzi unter den Promi-Jägern. In den USA sind ihre Filme auf der Website "TMZ" zu finden - der Anlaufstelle Nummer Eins für Promi-News.

Von Jörg Isert


Weiter, weiter, immer in Bewegung bleiben. Michael Jackson hetzt durch den Flughafen von Tokio. Der Star, ausgestattet mit neuer Langhaar-Perücke, wird von einer Armada von Leibwächtern umschwirrt. Hunderte hübsche Japanerinnen strecken ihm die Hände entgegen. Jackson hastet weiter - immer wieder hält er sich dabei die Hand vor die Nase, winkt seinen Jacko-Gruß: Links, rechts, direkt ins Kamera-Objektiv. Nur nicht stehen bleiben. Denn der alternde King of Pop ist auf der Flucht. Vor den Fotografen. Vor den Fans. Vor sich selbst. Und vor den Internet-Paparazzi.

Das irreale Filmchen von 78 Sekunden Länge ist ein Neuzugang auf der Newssite "TMZ". Die Abkürzung TMZ steht für die sogenannte "Thirty Mile Zone" - ein Gebiet in Los Angeles, in dem sich die meisten von Hollywoods Filmschaffenden bewegen.

Das selbst ernannte "Entertainment Blog" liefert Bilder und Berichte aus der Welt der Stars und Sternchen: Arnold Schwarzenegger geht zum Auto. David Hasselhoff tanzt im Nachtclub. Victoria Beckham kommt aus dem Restaurant. Dies alles wird von TMZ als "newsworthy", also nachrichtlich relevant, bezeichnet. Für geschriebene Geschichten gibt es nur Ruhm - Videoclips werden bezahlt. Betreiber der Website ist die zum Medienkonzern Time Warner gehörende Firma AOL.

Britney Spears Glatze ist ein Bestseller

Die große Stunde des US-Blogs schlug vergangenen Juli: Der Polizeibericht mit Mel Gibsons rassistischen Beschimpfungen wurde veröffentlicht. Die Tiraden des Schauspielers gingen um die Welt. Seitdem jagt eine Nachricht die andere. Immer waren es die Blogger von TMZ, die Neuigkeiten als erste unters Volk brachten. Anna Nicole Smith: Tot. Nicole Ritchie: Drogen. Britney Spears: Scheidung. Die Sängerin ist bei TMZ ohnehin gefragt - Die Aufnahme, auf der sie sich wie von Sinnen den Kopf schert, ist ein Bestseller.

Das US-Weblog ist die konsequente Fortsetzung dessen, was in Deutschland seit einem Jahr unter den Schlagworten "Leserfotos" und "Leserreporter" für Furore sorgt. In den Vereinigten Staaten boomt der Markt mit den Prominenten. TMZ liefert Videos, Fotos und Meldungen frei Haus. Wichtig ist nur, dass bekannte Persönlichkeiten involviert sind. Immer häufiger ist auch in Zeitungen zu lesen: "Wie die Website TMZ berichtet..."

Das Fatale ist: Die TMZ-Filmchen mögen komplett sinnfrei sein, doch gerade deshalb üben sie eine perverse Faszination aus. So ist es also, in heutigen Zeiten berühmt zu sein. Was da grobkörnig und mit leichten Bild-Aussetzern über den Computer flimmert, stellt für US-Prominente mittlerweile den ganz normalen Alltag dar.

Verfolgte Stars rasten aus

Stars wie Kirsten Dunst, die sich mit der Verfolgung auf Schritt und Tritt nicht abfinden wollen, werden mit einer Extra-Portion Häme bedacht. Denn auch das ist ein TMZ-Merkmal: Versehen sind die kurzen Filme mit höhnischen Textkommentaren. Die Zicke solle sich doch nicht so anstellen, war da sinngemäß über Dunst zu lesen. Sie hatte das Objektiv eines Videofilmers nach unten gedrückt.

So geht es immer weiter: Der 70-jährige Warren Beatty wird mit einem Zugwrack verglichen. Wer nach Whitney Houston sucht, kann auch gleich "Freak Show" eingeben. Und über Sharon Stone wird gespottet, beim Anschreien eines Paparazzo auf dem Flohmarkt sei ihr fast ein Halsäderchen geplatzt. Das ist nach TMZ-Maßstäben sowieso das Best-Case-Scenario: Der verfolgte Star rastet aus. Oder dreht angesichts der Dauerbeobachtung gleich komplett durch, wie Britney Spears.

Bei TMZ erreicht der Zynismus neue Dimensionen. Jeder neue Eintrag, jeder neue Film scheint seinen prominenten Opfern zuzurufen: "Selber schuld! Hat Euch ja keiner gezwungen, Stars zu werden!" Es geht um nichts anders mehr, als die Lust an der Provokation. Erlaubt ist alles, verboten nichts. Das Schlimmste, was passieren kann, ist eine defekte Kamera.

Ein Internetportal wie TMZ auch in Deutschland zu etablieren, wäre nicht so einfach. Nach einem Urteil des Bundesgerichtshofs vom 6. März dürfen von Promis nur Fotos mit "objektivem Informationswert" geschossen werden. Bilder, die nur der Befriedigung der Neugier des Publikums dienen, sind nicht erlaubt.



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