Kampf der Konsolen Heute rollt der Würfel

Vor Jahresfrist noch als "Außenseiter" im harten Rennen um eine gute Platzierung auf dem Markt gehandelt, gilt der Gamecube von Nintendo längst als Geheimtipp. Ab heute soll er den Konsolenmarkt kräftig durcheinander würfeln.


Klein, eckig, unscheinbar: Der "Würfel" ist Understatement in Reinkultur
DPA

Klein, eckig, unscheinbar: Der "Würfel" ist Understatement in Reinkultur

Eigentlich ist das Ding hässlich. Dem kleinen Würfel fehlt jeder Hightech-Sex-Appeal, wie ihn Sonys Playstation 2 und mehr noch die Xbox von Microsoft verbreiten. "Quadratisch, praktisch, gut" ist die Botschaft, die das Nicht-Design des Würfelchens transportiert - und wenn man der Zahl der Vorbestellungen glauben darf, dann mag das genug sein, den hart umkämpften Konsolenmarkt ordentlich durcheinander zu bringen. Wer Design will, der kauft sich das Ding halt in Blau.

Das ist minimalistisch - und flexibel. Schon kursieren Bilder von lizenzierten Sondereditionen, bei denen der "Cube" in die Stereoanlage integriert ist (oder umgekehrt). Nintendo scheint da viel unprätentiöser als die Konkurrenz: Der Cube ist kein kleiner Techno-Gral, sondern ein Gebrauchsgegenstand, mit dem man Spaß haben soll. Der Cube will nicht die Welt erobern, sondern nur das Kinder- und Wohnzimmer. Reicht ja.

Das dachten auch mehr als 2500 Berliner in der Nacht zum Freitag, die den Europa-Start der neuen Spielekonsole feierten. Nicht spontan und weil die Welt nur auf den Gamecube wartete, natürlich, sondern weil Nintendo kräftig die Werbetrommel gerührt hatte. "Events" passieren nicht einfach, "Events" macht man - aber das ist ja auch okay und bei der Konkurrenz nicht anders - allenfalls bombastischer.

Anspruchsvoll: Die Xbox gilt technisch - trotz anfänglicher Probleme - als wohl beste Box im Konkurrenzfeld
DDP

Anspruchsvoll: Die Xbox gilt technisch - trotz anfänglicher Probleme - als wohl beste Box im Konkurrenzfeld

Unter dem Motto: "Life's a Game" erlebten die Fans in den Potsdamer Platz Arkaden eine Show mit Bravo-TV-Moderatorin Collien Fernandes und der Dance-Pop-Gruppe ATC. Ab Mitternacht konnten die ersten Videospieler das Objekt ihrer Begierde dann auch kaufen. "Ich bin superglücklich!", sagte der 18-jährige Sebastian.

Die Taktik: Der Cube definiert sich ein eigenes Marktsegment

Die Zielgruppe sucht Nintendo im jugendlichen Segment: "Würfeln" sollen Kinder, Kids, Teens und Twens - am älteren Teil der potenziellen Käuferschichten darf sich dann gern Microsoft versuchen. Das zeigt sich klar auch im Paket der Spiele, die parallel zum Cube-Start vorlagen: Fun ist angesagt.

Und das auch auf Seiten der Fans: Seit Microsoft auf den schleppenden Verkauf der eigenen Box mit drastischen Preissenkungen reagierte, krümeln die Verkaufspreise für Konsolen. Der Gamecube ist heute überall für 199 Euro zu haben, statt der noch vor Wochenfrist angepeilten 249 Euro. Sonderangebote wird es wohl auch geben.

Die hat Nintendo, was noch vor Jahresfrist niemand erwartete, wohl viel weniger nötig als die Konkurrenz. Keine Konsole konnte in den letzten Monaten mehr Bestellungen verbuchen: Dass sich mit der Veröffentlichung des Würfels also noch einmal eine Verschärfung des Wettbewerbs ergeben wird, ist also programmiert.

Gamecube: Er kann, was er können muss - und mehr
GMS

Gamecube: Er kann, was er können muss - und mehr

Der ist schon jetzt alles andere als "ohne": Auf dem Konsolenmarkt, das zeichnet sich ab, gilt das Motto "es kann nur zwei geben". Geld macht nur der, der Millionenstückzahlen verkauft: Nicht der Verkauf der Geräte bringt Profit, sondern erst der Handel mit Spielen (und entsprechenden Lizenzen).

Dafür aber braucht man "kritische Masse", die zuletzt im Frühjahr 2001 Segas Dreamcast verloren gab: Obwohl die Konsole bei Fans noch immer als technisch anspruchsvoll (oder einfach "toll") gilt, gab Sega auf. Mit Playstation 2 und Xbox war der nächste teure Entwicklungsschub absehbar, und den wollte der arg trudelnde Konzern nicht mehr mittragen. Stattdessen verlegte er sich auf die Produktion von Waren, mit denen sich Profite tatsächlich erwirtschaften lassen: Spiele-Software.

Im Gegensatz zu Microsoft, die mit der Xbox erstmals und erst einmal den umgekehrten Weg gehen: Der Konzern macht keinen Hehl daraus, dass er am Verkauf jeder einzelnen Konsole ein wenig blutet - die Xbox ist in der Produktion teurer als im Verkauf.

Und hat heute die Nase vorn: Ein ordentlicher Verkaufsstart in den USA bescherte der Xbox den Rang zwei hinter der Playstation 2 von Sony, die nun schon gut zweieinhalb Jahre auf dem Markt ist und im Augenblick klarer Marktführer. Doch der schleppende Verkaufsstart in Europa und vor allem Japan verheißt für Microsoft nichts Gutes: Hier könnte die Xbox aus dem Stand überholt werden.

Was für den Gamecube spricht, ist nicht zuletzt, dass er eine eigene okonomische Nische definiert: Während Playstation 2 und Xbox verbissen um die Euro einer identischen Zielgruppe boxen, will Nintendo da zwar mitmischen, aber nicht mitmachen. Das ist eigentlich Understatement, denn der kleine Würfel boxt durchaus in vergleichbarer Gewichtsklasse wie die beiden Großen: Trotzdem ist der Zug natürlich taktisch geschickt.

Denn Nintendo weiß, was Daddler wollen: Spaß. Dass es dabei nicht immer das Neueste, Schnellste, Tollste sein muss, weiß niemand besser als Nintendo: Mit dem technisch veralteten Gameboy 1 kassiert Nintendo seit elf Jahren ab. Die Profite gehen erst zurück, seit der Nachfolger auf dem Markt ist - aber offenbar nicht genug, um Produktion und Verkauf des alten Schätzchens gleich aufzugeben. Fast ein Treppenwitz: Während die Preise der technischen Top-Produkte Xbox und Cube schon vor dem Verkaufsstart fielen, konnte noch nicht einmal die Veröffentlichung des technischen Nachfolgers den Preis des Oldies Gameboy 1 nennenswert senken.

Auch das ist der Gamemarkt: Mit Sinn, Verstand, Prognosen und tollen Planungen ist dem nicht immer beizukommen. Gekauft wird am Ende das, was "cool" ist.

Geschickt ist Nintendos "Bescheidenheit" auch darum, weil der Markt - da sind sich die Experten einig - nicht wirklich Platz für zwei Große hat. Während Microsoft Verlierer wäre, wenn es der PS 2 die Marktführerschaft nicht abnähme, kann Nintendo per definitionem nur gewinnen: Der Würfel - will uns das Unternehmen glauben machen - will ja gar nicht mehr als starker Zweiter werden. Und vielleicht versehentlich mehr?

Frank Patalong



© SPIEGEL ONLINE 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.