"Kandidatenwatch" Abgeordnete müssen online antworten

Wer seinen Bundestagskandidaten bislang nur von Plakatwänden kennt, dem kann jetzt geholfen werden. Auf einer eigens eingerichteten Webseite dürfen Wähler ihre Direktkandidaten befragen. Das macht den Fragern augenscheinlich Spaß - und den Politikern eine Menge Arbeit.

Mit dem Wahlkampf ist es ja so eine Sache. Da halten Politiker vor großen Versammlungen von Leuten Reden, die sowieso gekommen sind, weil sie den Redner gut finden. Da schreiben Parteiausschüsse buchdicke Wahlprogramme, die zu lesen kein Mensch die Zeit hat. Und da soll man seine Stimme einem Direktkandidaten geben, den man nur von Plakaten kennt.

Kandidatenwatch.de  will da Abhilfe schaffen: Statt fünf oder noch mehr Wahlprogramme nach politischen Positionen zu durchforsten, die man teilt oder ablehnt, kann man auf der Webseite seinen persönlichen Bundestagskandidaten oder seine Kandidatin fragen, was die denn so vorhaben mit der eigenen Stimme. Was sie von der Rechtschreibreform halten, ob ihnen Kinderbetreuung oder Kündigungsschutz wichtiger ist, wie sie zur Stammzellforschung stehen. Einfach die Postleitzahl des eigenen Wahlkreises eingeben, Kandidaten auswählen und losfragen.

Allzu bösartig darf's nicht werden

Für den Bürger ist das sehr angenehm, kann er doch endlich mal loswerden, was ihm schon immer auf den Nägeln brennt, was aber in keiner Talkrunde je zur Sprache kommt - zum Beispiel, was ein Radikalpazifist denn politisch gegen einen Völkermord in Zentralafrika tun würde. Oder er kann ein bisschen sticheln, etwa indem er einen Abgeordneten, der vor allem für einen peinlichen Fehler auf seinem Plakat bekannt geworden ist, nach seiner Meinung zur Rechtschreibreform fragt. Allzu bösartig allerdings darf die Volksvertreterbefragung nicht werden - denn alle Fragen und Anworten werden bei Kandidatenwatch.de von Moderatoren überprüft. Hetze, Persönliches und Beleidigungen sind verboten.

Ein bisschen Kritik gab es dennoch: "Eine klare Tendenz für die politische Linke" wollte der Berliner CDU-Bundestagskandidat Tim Peters erkannt haben, weil die Auszüge aus den Wahlprogrammen der Parteien unterschiedlich viel Raum bekämen. Gregor Hackmack und Sigrid Meißner haben tatsächlich eine eher "linke" Vergangenheit, beteuerten aber gegenüber dem "Hamburger Abendblatt" ihr Streben nach politischer Neutralität: "Wir sind keine politischen Eunuchen, aber bemühen uns wirklich sehr." Ganz abgesehen davon wird der Kern des Angebots, Fragen und Antworten, ja nicht von der Redaktion, sondern von den Betroffenen bestritten: Wählern und Kandidierenden.

Ein Haufen Arbeit für die Kandidierenden

Bis zur Wahl ist die Finanzierung von Technik und Moderatorenteam durch Spenden finanziell abgesichert, ob es danach weitergeht, hängt natürlich auch vom Geld ab. Politiker, die etwa ihr auf der Seite angezeigtes Profil um Foto oder Terminkalender erweitern wollen, zahlen dafür 100 Euro. Man wolle darauf achten, nicht nur von einem oder zwei großen Sponsoren abhängig zu sein, um die eigene Glaubwürdigkeit nicht zu gefährden, erklärt Christian Posselt von Mehr Demokratie e.V., dem Verein hinter Kandidatenwatch.de.

Für den einen oder die andere aus der Zunft der Polit-Professionellen dürfte die Sache jedenfalls schnell ziemlich anstrengend werden. Niels Annen zum Beispiel, SPD-Kandidat für den Bezirk Hamburg-Eimsbüttel, hat bislang 23 Fragen gestellt bekommen und davon immerhin 22 beantwortet. Da kommt eine beträchtliche Menge Text zusammen - ein Haufen Arbeit könnte auf die Wahlkämpfer zukommen, wenn das Angebot allzu erfolgreich wird. Vielen wächst die netzvermittelte Neugier der Wählerschaft augenscheinlich schon über den Kopf - so manche Frage bleibt bislang unbeantwortet. Übrigens auch die, was die Linkspartei denn im Falle eines zentralafrikanischen Genozids unternehmen würde.

Christian Stöcker

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