Kasparow gegen Deep Junior Das Match ist völlig offen

Heute Nacht beginnt im Match Mensch gegen Maschine so etwas wie die Rückrunde: Drei Partien sind gespielt, drei kommen noch. Obwohl Kasparow die einzelnen Spiele beherrschte, konnte er nur einen Erfolg verbuchen. Vor der vierten Partie herrscht Gleichstand - Kasparow will das zu seinen Gunsten ändern.


Volle Konzentration: Garry Kasparow
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Volle Konzentration: Garry Kasparow

Als das amerikanische Technologieunternehmen X3D als Ausrichter des New Yorker Matches einstieg, konnte noch niemand ahnen, was für ein Maß an Aufmerksamkeit sie ernten würden. Am Tag des Super Bowl titelte die "Los Angeles Times": "Football? The big Match is chess".

Eine Übertreibung, sicherlich: Immerhin zieht es zu den Partien im mondänen New Yorker Athletics Club über 200 Schach-begeisterte Zuschauer, die dem Geschehen letztlich kaum näher sind als die Internet-Nutzer. Während die Partie in einem ruhigen Saal gespielt wird, verfolgen sie das Geschehen über eine Videoleinwand - allerdings in 3D, denn der Ausrichter versucht, seine Technologie auf diese Art und Weise zu bewerben.

Im Internet geht das bisher per Flash-Liveübertragung, und auch heute ist SPIEGEL ONLINE live dabei.

Zu erwarten ist eine spannende Partie, denn Garry Kasparow steht unter gehörigem Erwartungsdruck. Im Vorfeld hatte er selbst das Match zum Prüfstein für die Frage stilisiert, ob Mensch der Maschine noch überlegen sei. Nun hat er einmal gewonnen, ein Remis gespielt - und im letzten Spiel verloren. Die zweite Hälfte des sechsteiligen Matches beginnt Junior, der sich von Partie zu Partie steigerte, mit einem leichten Vorteil: Er spielt zweimal Weiß.

Dass die jetzige, aus Sicht Juniors günstige Ausgangslage eher durch temporäre Schwächen Kasparows, als durch überragende Stärken Junior verursacht wurde, tut der Sache keinen Abbruch: Niemand bezweifelt, das ein Großmeister wie Kasparow in einer Partie jederzeit intelligenter oder inspirierter spielen kann als die Maschine. Kasparow dominierte fraglos alle drei Partien, zum Erfolg kam er trotzdem nur einmal. Die Stärke des Rechners zeigte sich vor allem in der dritten Runde: Da schlug, wie André Schulz von Chessbase kommentierte, Kasparow zeitweilig "mit dem Morgenstern auf den Rechner ein".

Sein zeitweise brilliantes Spiel verlor Kasparow letztlich auch gegen die Uhr: Als er für 16 Züge nur noch jeweils zwei Minuten Zeit hatte, wurde klar, dass es eng werden würde. Wein Spiel zerfaserte, und schließlich übersah er schlicht eine Möglichkeit, den Computer Schach zu stellen.

Junior jedoch kennt keine Formschwächen, keine Ermüdung, und zeigt zudem heute Spielstärken von Großmeister-Niveau. Diese Kombination wirft die Frage erst auf, wie lang es noch dauern wird, bis Schachprogramme als unschlagbar gelten dürfen. Hier gehen die Meinungen weit auseinander: Wenige meinen, das sei heute schon gegeben, viele meinen, es wäre in den nächsten fünf bis zehn Jahren soweit - und einige hochkarätige Experten tippen auf vielleicht zwei Jahre.

Das würde Kasparows Schaukampf gegen Deep Junior dann tatsächlich eine historische Relevanz geben. Bleibt nur abzuwarten, in welcher Hinsicht: Als erstes Match einer neuen Zeit, oder als letztes einer Alten?



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