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Festival zu Katzenvideos Miau must go on

Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf, heißt es. Zum Glück gibt's Katzen, die uns zähmen. Das erste deutsche Katzenvideo-Festival zeigt, wie sehr wir die miezenden Wesen verehren. Hier sind die besten Clips.
Von Tonia Sorrentino

Was ist das für ein Phänomen, wenn sich 600 Besucher in der Düsseldorfer Ausstellungshalle NRW-Forum 90 Minuten lang Katzenvideos auf Großleinwand ansehen? Sind die Clips der Prototyp für ein neues Zeitalter des öffentlichen Blicks ins Private? Hat die konkurrenzlose Liebe der Deutschen zu ihren zwölf Millionen Stubentigern eine neue Ausdrucksform gefunden, ein neues Level erreicht?

"Katzen sind als Darsteller immer sie selbst", sagt Detlev Nolte, Generalsekretär des Forschungskreises Heimtiere in der Gesellschaft . Die private Organisation untersucht die sozialen Beziehungen zwischen Menschen und Haustieren. Zwar seien Meerschweinchen und Schildkröten genauso authentisch, sagt Nolte, aber weit weniger facettenreich und ästhetisch. "Katzen erfüllen mit ihrer Kopfform das Kindchenschema. Zusätzlich bewegen sie sich geschmeidig und in einer viel größeren Vielfalt als andere Tiere."

Diese Vielfalt bildeten die rund 60 auf Deutschlands erstem Katzenvideo-Festival am Freitag präsentierten Clips in der Tat ab. Binnen wenigen Sekunden bis zu mehreren Minuten zertrümmerten Katzen Einrichtungsgegenstände, schlugen Hunde und Postboten in die Flucht, zeigten gewagte Stunts und Nonchalance.

Playlist der nominierten Katzenvideos

Die Zuschauer lachten oft und laut, kommentierten, fieberten mit. Wie im Kino. Dass manche Szene vorhersehbar war, ohne Pointe blieb, Längen aufwies oder abrupt endete, störte die Zuschauer kaum. Ihnen ging es um den Spaß. Und auch ein bisschen um Schadenfreude.

Mit der Internet-Cat-Video-Festival-Weltpremiere 2012 im US-Staat Minneapolis schuf das Museum Walker Art Center, Kooperationspartner für das deutsche Pendant, einen bislang anhaltenden Kult in den Vereinigten Staaten mit stets bis zu 10.000 Besuchern.

Heimtier-Experte Nolte hält das Event auch hierzulande für mehr als einen oberflächlichen Trend, da es nicht um Show-Effekte gehe. Die Videos würden Menschen die Möglichkeit geben, ihre Katzen in deren ganzer Charakterausprägung und Originalität der ganzen Welt zu zeigen. Über das Tier "etwas Tolles von sich" zu erzählen, sei ein immanenter Wunsch. Soziale Interaktion dieser Art war bisher Hundehaltern vorbehalten, beim Gassigehen, beim Besuchen von Freunden. Nun erlebten Katzenfans erstmals auch ein solches Gemeinschaftsgefühl.

Ziel der Veranstaltung war allerdings ein anderes, wie Alain Bieber, Direktor des NRW-Forums und einer der drei Kuratoren, sagt: "Wir wollen Wahnsinn, Genialität und Freiheit des Internets feiern." Das "Catvidfest" sei Auftakt zu einer Reihe zur Netzkultur, bei der man monatlich Internet-Phänomene in den realen Raum zurückholen wolle.

Fotostrecke

Katzenvideo-Festival: Deutsche Katzen, weltberühmt?

Foto: YouTube/ NRW Forum Düsseldorf

Die Premiere am Freitag präsentierte neben 45 internationalen Katzenvideos, ausgewählt vom Walker Art Center, die Top 15 der deutschen Kurzfilme aus einem Online-Voting. "Schön, dass Netzinhalte auch offline funktionieren", meint Katja Berlin, Autorin des Buches "Cat Content: SMS von meinem Kater". Zusammen mit Bieber kürte sie als eines von vier Jurymitgliedern den Sieger unter den deutschen Teilnehmern.

Den "Golden Kitty Award", einen Mini-Kratzbaum, erhielt Hafenarbeiter Thomas Baitinger aus Geestland, 36. Sein Video zeigt den zehn Monate alten "Senior Rossi" im Kampf gegen eine Maus. Auszug aus der Jurybegründung: Der Clip "verlegt und verknappt den Konflikt aus der Wildnis auf den Laminatboden eines deutschen Wohnzimmers". Kürzer und schlichter: der gefilmte Vertikal-Sprung des vorab gewählten Online-Publikumslieblings Felix, 2. Gewinnerin Hanna Dreisow, 34, Deutschlehrerin aus Bremen und bekennender Cat-Clip-Fan, rief als Reaktion gleich eine Facebook-Seite für ihren Kater ins Leben.

"Seit mindestens 7000 Jahren haben Menschen Kontakt mit gezähmten Wildkatzen", sagt Dennis Turner, Direktor des privaten Schweizer Instituts für angewandte Ethologie und Tierpsychologie . Und sie würden immer beliebter. Und auch Katzenvideos nutzen sich bislang nicht ab. "Sie sind nett, harmonisch und leicht zu konsumieren", findet Katja Berlin.

Oder suchen wir in Wahrheit unser perfektes Ich, möchten wir selbst Katze sein? Heimtier-Fachmann Detlev Nolte: "Diese Dualität fasziniert uns: Unzähmbarkeit und Gepflegtheit, Unabhängigkeit und Anschmiegsamkeit. Katzen sind widersprüchlich, unberechenbar, liebenswert. Dieses Idealbild wollen wir auf uns selbst gespiegelt sehen." Künftig weiterhin in öffentlicher Gemeinschaft? Alain Bieber plant nach eigenen Angaben trotz der großen Resonanz vorerst keine Wiederholung des Katzenclip-Festivals.

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