Kinderschützer warnen Wenn Kinder zu Influencern werden

Wenn Kinder quasi öffentlich aufwachsen oder gar vor der Kamera Spielzeug bewerben, sieht das Deutsche Kinderhilfswerk Probleme. Demnach müssen Kinder selbst entscheiden dürfen, ob ein Video von ihnen im Internet landet.
Kinder im Bällebad

Kinder im Bällebad

Foto: Friso Gentsch/ dpa

Hunderttausende Menschen verfolgen im Internet, wie kleine Kinder aufwachsen. Sie sehen ihre Spielzimmer, liken ihre gebastelte Laterne oder kommentieren die neuen Hosen. In sozialen Medien und einigen Blogs lässt sich beobachten, dass in manchen Familien die Handykamera überall mit dabei ist: beim Kindergeburtstag, auf dem Campingplatz, beim Kuchenbacken. Oft wird nicht nur geknipst, um besondere Momente fürs Familienalbum festzuhalten. Es geht um Öffentlichkeitsarbeit, in manchen Fällen auch um klare Werbung.

Dem Deutschen Kinderhilfswerk wird das Phänomen langsam ein wenig unheimlich. "Da geht es um Persönlichkeitsrechte, Privatsphäre und die Instrumentalisierung von Kindern", sagt Luise Meergans, Bereichsleiterin für Kinderrechte und Bildung. Sie wünscht sich mehr Kontrollinstanzen - und mehr Verantwortung bei Eltern.

Elternblogs und elterliche Instagram-Accounts gibt es zahlreiche, und in vielen von ihnen achten die Eltern genau darauf, ihre Kinder durch Verpixelung oder geschicktes Fotografieren unkenntlich zu machen. In anderen wiederum werden die Kinder keineswegs versteckt, sondern werden - wie ihre Eltern - selbst zu Influencern. Deren Blogs und andere private Internetauftritte nutzen Unternehmen gern als Werbeplattform, etwa durch Product Placement gegen Geld.

Kinder werden in diesem Markt zu Akteuren

Doch ist es vertretbar, wenn Eltern ihre kleinen Kinder Bauklötze oder Knetgummi in die Kamera halten und für die Marken schwärmen lassen? Am heutigen Donnerstag will das Kinderhilfswerk mit einem Fachtag  auf dieses wachsende Phänomen aufmerksam machen.

Rund 30.000 Influencer vertrieben in Deutschland inzwischen ihre Videos über YouTube, Facebook oder Instagram, sagt Thomas Krüger, Präsident des Kinderhilfswerks, im Interview der "Süddeutschen Zeitung". Insgesamt lägen die Einnahmen daraus bei rund 560 Millionen Euro. Bis 2020 könne die Summe auf eine Milliarde Euro anwachsen. Zu Kindern in diesem Geschäft gebe es keine qualifizierten Zahlen.

Luise Meergans wird hellhörig, wenn Kinder die Hauptrolle spielen: Sechsjährige, die auf YouTube Spielzeug oder Apps testeten. Zehnjährige, die bei Snapchat Einblicke in ihre Freizeit gewährten. Und Vierzehnjährige, die auf Instagram Mode- und Schminktipps gäben. "Kinder sind nicht mehr allein Rezipienten dieser Angebote, sie sind auch Akteure", beobachtet Meergans. Denn auch wenn es erlaubt ist, stelle sich für sie die Frage, wie freiwillig das alles noch sei. Denn manche Eltern hätten ihre Jobs an den Nagel gehängt, um mit Internet-Angeboten rund um den Nachwuchs den Lebensunterhalt zu verdienen.

"Schon eine Form von Kinderarbeit"

"Viele Eltern meinen das schon gut", sagt Meergans. "Oder sie denken, ihr Kind wird berühmt. Und das wünscht sich eine Achtjährige ja vielleicht auch." Dennoch könne der Schutzgedanke manchmal auf der Strecke bleiben. Da gehe es nicht allein um Filmaufnahmen im Badeanzug oder beim Aufwachen. "Die Länge und Häufigkeit mancher Auftritte ist schon eine Form von Kinderarbeit", urteilt sie. Nur, dass für Kinderschauspieler bei Filmen sehr genaue Regeln gelten - bis hin zur Zustimmung des Jugendamts. Bei Mutter und Vater hinter der Kamera gebe es dagegen keine Auflagen.

Meergans sieht auch die Anbieter von Internet-Plattformen in der Verantwortung, wenn Familien dort ein öffentliches Leben führen. "Auch die Anbieter verdienen damit Geld. Aber es gibt bisher keinen Meldemechanismus und keine Kontrollinstanz." Sie sieht auch Regulierungsbedarf für Werberäte.

Was Kinderschützer vor allem befürchten, ist ein Aufweichen des Kinderschutzes. "Schon Dreijährige wehren sich gegen Fotos und sagen: Mach das weg", sagt Meergans. "Kinder haben auch ein ganz anderes Verständnis von Niedlichkeit und Peinlichkeit als Erwachsene." Doch oft würden sie wahrscheinlich gar nicht gefragt, bevor ein Film mit ihnen im Netz landet. "Ich habe als Kind aber einen Anspruch darauf, dass meine Eltern mich fragen, ob ich das überhaupt will", betont Meergans.

juh/dpa
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