Klage gegen Satelliten-Radio Aufnehmen verboten?

Der Deal klingt klasse: Wer ein Abo des Satelliten-Radioservice XM Radio mit einem passenden Player verbindet, kann die Lieder digital mitschneiden. Die Musik-Lobby RIAA findet das weniger prickelnd: Sie verklagte den Sender wegen Copyright-Verletzungen.

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In der Steinzeit des öffentlich-rechtlichen Radios, als es "Jugendsendungen" grundsätzlich erst ab 19 Uhr plus und wohl dosiert wenige Male die Woche gab, stieg regelmäßig der Verkauf von Tonband-Kassetten. Ganze Generationen beschallten ihre Partys per Band, bis das Taschengeld-Budget mit steigendem Alter auch den Kauf richtiger LPs hergab. Aus Sicht der Verbraucher war und ist diese Praxis normal, seit Philips Anfang der sechziger Jahre die erste "Kompaktkassette" auf den Markt brachte, spätestens aber seit die Rekorder Anfang der Siebziger bezahlbar und zur Standard-Kinderzimmerausstattung wurden.

Pioneer Inno XM2Go: Weit mehr als ein "Kassettenrekorder"
REUTERS

Pioneer Inno XM2Go: Weit mehr als ein "Kassettenrekorder"

Klaglos nahm die Industrie das auch damals nicht hin. Schnell wurden Regelungen gefunden, solche Kopien gegenüber der Musikindustrie pauschal zu entlohnen: Vom Kaufpreis jedes Rekorders und jeder Kassette flossen einige Prozent in deren Töpfe. Für Jahre waren damit die Wogen der Aufregung geglättet, denn die analogen Bandaufnahmen waren minderwertige Kopien, die zudem durch Gebrauch an Qualität verloren. Dann kamen erst die CD und bald die Brenner auf den Markt - und die Probleme der Musikindustrie begannen.

Heute führt die Entertainment-Industrie mit großer Aggressivität einen Kampf gegen jede Form von Kopie. Aus ihrer Perspektive ist das Notwehr: Umsätze wie Gewinne der Branche schwinden seit Jahren, verbunden mit einem bisher beispiellosen Jobsterben. In den letzten drei Jahren machten ihre Lobbyorganisationen Fortschritte, drängten Regierungen erfolgreich zu erheblichen Verschärfungen von Gesetzen, die sich zur juristischen Disziplinierung von Verbrauchern, P2P-Börsenbetreibern wie Raubkopierern nutzen lassen.

Die nun in den USA anhängige Klage gegen den Satellitenradio-Betreiber XM Radio macht eine neue Front auf: Sie richtet sich gegen die von XM beworbene Möglichkeit des guten alten "Heim-Mitschnitts" aus dem laufenden Programm. Die Empörung der Verbraucher dürfte der Musiklobby RIAA, wohl längst eine der unbeliebtesten Branchenverbände der Welt, einmal mehr sicher sein.

Worum geht es genau?

XM Radio offeriert passend zum Abo des Musikservice einen von Pionier entwickelten MP3-Player namens "Inno", mit dem sich das laufende Programm mitschneiden lässt. Damit aber nicht genug: Heraus kommt dabei mehr als nur "Radio aus der Dose", denn die gespeicherten Daten lassen sich indizieren und durchsuchen. Sprich: Der Kunde schneidet mit und kann sodann gezielt Stücke selektieren. Das aber, argumentiert die RIAA, sei auch nicht viel anders als die Dienste, die lizenzierte Shops wie iTunes, Napster oder Rapsody anbieten - mit dem Unterschied, dass diese satte Tantiemen für jeden heruntergeladenen Song an die Industrie abführten. XM Radio tut dies nicht.

"Wired" berichtet, dass die Klage auf Zahlung von 150.000 Dollar pro Song dränge, den XM zum Mitschnitt offerierte, seit die "Rekorder" im Verkauf sind. Das war im März dieses Jahres, und weitere Modelle sind in Vorbereitung. In Kürze soll ein XM-kompatibler Player von Samsung in den Verkauf gehen.

Verklagt wird XM selbst, die Kunden sollen juristisch nicht angegangen werden. "Wired" rechnet vor, dass XM jeden Monat rund 160.000 Songs abspiele, was theoretisch zu der völlig aberwitzigen Summe von neun Milliarden Dollar führen würde. Hart an der Niedlichkeitsgrenze mutmaßt der Newsdienst da, dass die Klage also "die Betriebskosten des Unternehmens erhöhen könnte, was als Erhöhung der monatlichen Rechnung an die Kunden weitergegeben werden könnte". Davon muss man wohl ausgehen, sofern XM Radio eine solche Zahlung überleben würde.

Aber nichts wird so heiß gegessen wie es gekocht wird. Erst einmal müsste die Klage der RIAA Erfolg haben - und natürlich werden auch die in Klageschriften geforderten Unsummen nie bezahlt.

Interessant ist an diesem medienwirksamen Schuss vor den Bug etwas ganz anderes: Die RIAA setzt damit ein Signal, dass die Musikindustrie künftig nicht mehr willens ist, den seit nunmehr gut 40 Jahren bestehenden Status Quo des Mitschnitts aus laufenden Programmen weiter zu tolerieren.

Von Analog zu Digital: Äpfel? Birnen?

Für sie hat sich mit der Nutzung von Digitaltechnik zum Mitschnitt mehr verändert als nur die Qualität der Kopien: Schon das erste Modell des Inno, argumentiert sie, habe die Kapazität, bis zu 1000 Songs zu speichern. Kommende Geräte könnten diese Zahl auf satt 10.000 mobil vorgehaltene Songs erweitern - welcher Musikliebhaber braucht ernsthaft mehr in seiner "Datenbank"?

Auch, wenn man die Freiheit des Mitschnitts lieb gewonnen hat: Wenn man ehrlich ist, gehen die Möglichkeiten der digitalen Kopie doch deutlich über die Vor- und Rückspultaste des guten alten Kassettenrekorders hinaus. Oder wie der Kult-Kölner Fred Fußbroich gesagt hätte: "So rischtisch vergleischen kann man dat nisch."

Die RIAA jedenfalls sieht in dem XM-Inno-Service einen vollgütigen Ersatz zum Kauf von Musik. Da sollten dann zumindest Tantiemen von A nach B rollen, die mit denen von Online-Shops gezahlten vergleichbar sind.

XM verweist darauf, dass die Mitschnitte - ähnlich wie bei Napsters on-demand-Datenbankzugang im monatlichen Abo - ja nur gültig und nutzbar blieben, wie Gelder an XM gezahlt werden. Eben, heißt es da von Seiten der RIAA - und wo bleibt unser Anteil?

Der Preis von 12,95 Dollar im Monat ist aus Sicht der Kunden kein schlechter Deal - und rentiert sich schon, wenn man nur ein einziges Album vollständig mitschneidet.

XM betreibt in den USA 170 digitale Musikkanäle und bedient damit schon jetzt sechs Millionen zahlende Kunden, von denen bisher natürlich nur ein Bruchteil einen "Inno" in der Tasche hat. Der aber, hofft XM mit seinen Hardwarepartnern, könnte den Abo-Verkauf noch einmal beflügeln: Bis Jahresende will das Sendernetzwerk neun Millionen Abonnenten gewonnen haben.

Da windet sich sogar die Industrielobby in widersprüchlichen Signalen: "Wir begrüßen das Wachstum von Satellitenradio-Services wie XM oder Sirius", heißt es in einer Pressemitteilung. "Wir halten die Download-Möglichkeiten von XMs Inno für attraktiv - sie muss nur lizenziert werden" - was heute auch immer "eingeschränkt" bedeutet.

Oder knapper: "Küss mich, oder ich schlag Dich nieder!"



insgesamt 108 Beiträge
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Seite 1
berliner_kind_79, 18.05.2006
1.
---Zitat von sysop--- Die Musikindustrie wehrt sich zunehmend aggressiv gegen jede Form der digitalen Kopie, will den "Verkauf" ihrer Waren nur noch als an Bedingungen geknüpfte Lizenzen verstanden wissen. Die Kundschaft reagiert mürrisch bis wütend - aber wo liegen die Alternativen? ---Zitatende--- einfach nur lächerlich ! aus folgendem grund- es gibt eine software namens streamripper - die macht dasselbe mit winamp - keine werbung für beide proggies - einfach mal google´n und schwupps die musi indi´s an die wand gespielt ...übrigens ist das tool nich neu :-) mir unverständlich warum überhaupt noch irgendjemand ne cd kauft ! ich tue dies schon seit jahren nicht mehr... in diesem sinne - burn baby burn - bis zum nächsten thread :-)
stefanth 18.05.2006
2. Musik-Industrie?
Ich finde diese ganze Diskussion einfach lächerlich! Musik ist doch ein Teil der Kunst, und Kunst kann man doch nicht industriell fertigen. Hat diese sogenannte Musik-Industrie überhaupt eine Daseinsberechtigung? Und wenn es sie nicht mehr gäbe, würde Musik dann wieder von Künstlern gemacht? Der Qualität würde es bestimmt nützen!
Northgate, 18.05.2006
3. Boykott!
Ich boykottiere seit einiger Zeit alles was irgendwelche Content-Mafia Konzerne von sich geben. Verarschen lassen kann ich mich auch gratis. ;-)
stoerli, 18.05.2006
4.
Ich persönlich suche Alternativen zuerst, indem ich den "Großen" der Musikindustrie aus dem Weg gehe - es gibt viele sehr gute unbekannte Bands, deren Musik teilweise unter der Creative Commons License veröffentlicht wird und direkt beim Label oder direkt bei der Band in guter Qualität (mp3 192kbit/s) herunterladbar ist. Gefällt die Musik, bestellt man die CD - bei diesem Geschäftsmodell fühle ich mich in gewisser Weise frei ... und bestelle die CD tatsächlich, wenn sie mir gefällt. Zum fairen Preis von meist ca. 6 Euro inklusive Versand. CDs kaufe ich von Major Labels grundsätzlich nicht mehr, da ich sie schlichtweg für überteuert halte. Anders sieht das bereits wieder aus, wenn es sich um eine SACD bzw. DVD-A handelt, die ja mittlerweile nicht mehr viel teurer als CDs sind, dafür aber - meiner Ansicht nach - einen enormen Mehrwert bergen. Online-Musikshops in ihrer momentanen Form sind für mich keine wirkliche Alternative; ich kann mir bei der Vorstellung, Geld für verlustbehaftet komprimierte Musik auszugeben, eigentlich nur an den Kopf greifen ... mal ganz abgesehen von den enormen Einschränkungen des Digital Rights Management. Wenn es doch einmal nach Musik gelüstet, die als CD von Major Labels vertrieben wird, gibt es wesentlich kostensparende Möglichkeiten, an diese zu kommen ... Und an dieser Stelle enden bei mir auch die Gewissensbisse. Für 12 Euro, die ich in eine CD stecken soll, kann ich genausogut zu einem Konzert gehen und mir von der entsprechenden Band direkt eine CD kaufen - je 6 Euro Eintritt und CD. Ein fairer Preis für Musik, die den Mainstream qualitativ weit hinter sich lässt.
DJ Doena 18.05.2006
5.
---Zitat von sysop--- Musikindustrie: Wo ist der Weg aus der Krise? ---Zitatende--- Die Frage ist doch: Wer braucht die Musikindustrie und wofür? Die Plattenindustrie gibt es - Überraschung - seit es Platten gibt. Davor gab es keine Plattenindustrie. Wer hat aber geschrieben, dass ein einmal etablierter Geschäftszweig eine Daseinsberechtigung für die Ewigkeit braucht? Die Welt ist im Wandel und wenn die Welt entscheidet, dass es Zeit für die MI ist, abzudanken, dann wird keine Gesetzesänderung dieses Prozess aufhalten, allerhöchstens verlangsamen können.
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