Kolumne "Wenn ich Kultur höre,..."

Beim Wort genommen: Über Kulturmanager und Kulturbeutel

In der Standpauke, die Bundespräsident Herzog seinen Kollegen Politikern und Mitbürgern kürzlich hielt, kam der Ausdruck "Kultur" ganze zwei Mal vor. Beide Male sprach Herzog von der "kulturellen Identität", die es in einer "bunter werdenden Welt zu bewahren und zu bewähren" gelte, im "Weltmarkt der Ideen".

Das ist gut gemeint und so leicht wiedererkennbar wie das Dauergerede vom Standort Deutschland. Nur lädt ein Standort eben eher zum Verharren ein. So wird mir auch bei den Floskeln zur Kultur stets ein bißchen mulmig. Gehören denn Politik und Wirtschaftsleben, Wissenschaft und Forschung, um die es in den übrigen 98 Prozent von Herzogs Rede ging, nicht zur Kultur? Öffnet sich da nicht unvermerkt ein Reservat, ein artiger Kulturkanal, wo geistige Wertstoffe ihr Endlager finden, wie die ungelesenen Goldschnitt-Klassiker auf Omas Bücherbrett?

Ein sehr deutscher Argwohn, zugegeben. Kultur, das soll hier nur keiner einfach finden; das stammt ab vom lateinischen Wort für Anbau und Ackerpflege und rührt somit ans Heilige. Umzäunt wird die Hochkultur-Ideologie von Sätzen wie Thomas Manns feierlichem Exilanten-Credo "Ich trage meine deutsche Kultur in mir" oder, auf der Kehrseite, vom gern Göring zugeschriebenen Satz des NS-Dramatikers Hanns Johst: "Wenn ich Kultur höre, entsichere ich meine Browning". Kultur total oder keine, wie bei der Schwangerschaft.

Etwas steif haben das auch die Kulturträger selber immer gefunden: Muß es gleich das Aufklärungsideal "Kultur" sein, laut dem weisen Skeptiker Jacob Burckhardt "die ganze Summe derjenigen Entwicklungen des Geistes, welche spontan geschehen und keine universale oder Zwangsgeltung in Anspruch nehmen"? Geht es nicht etwas kleiner?

Natürlich geht es. Vom Kulturfilm (gezeigt im Lichtspieltheater, selbstverständlich) bis zum Kulturbeutel hat das Wort schon so manchen Garderobenwechsel überstanden, ohne bedeutungslos zu werden. Den letzten Rest an Mythos und Pathos haben ihm tatsächlich erst die Schubladendenker ausgetrieben, die für die schönen, das heißt: per Saldo belanglosen Dinge des Lebens ein Etikett, pardon, ein Label brauchten. Da konnten Kulturkritiker, ob haupt- oder ehrenamtlich, noch so sehr vor der bösen "Kulturindustrie" warnen: Fürs geistige Wohl sorgen seither Kulturdezernenten. Weltgeschichte ist als "Kulturfahrplan" in Tabellen erhältlich. Gaukler aller Arten dürfen zur Schlummerstunde und hinten in den Magazinen ("Back of the Book") Laune und Stil verbreiten. Und wem das Lehrerdasein suspekt ist, studiert auf "Diplom-Kulturmanager". Anarchisten oder Ketzer bringt dieser Studiengang schwerlich hervor. Dabei hatte ausgerechnet der alte Jacob Burckhardt, seines Zeichens biederer Basler, das im Sinn. Kultur, schrieb er, wirbele "unaufhörlich modifizierend und zersetzend" die stabilen "Potenzen" von Religion und Staat durcheinander. Sie sei "die Uhr, welche die Stunde verrät".

Netz-Nutzer haben vermutlich noch ein anderes, treffenderes Bild für den produktiven Unruheherd parat. Jede entschiedene Wortmeldung im Bytestrom, jedes heiße Gedankenknäuel im entropisch lauen Daten-All, was ist das, wenn nicht auch ein kleiner Erfolg der Kultur? Meinungen, da sind sich viele Cyberdenker einig, werden auf die Dauer im Netz mehr zählen als Fakten - weil sie länger leben und mehr erzählen. Für Verwalterohren mag das bedrohlich kribbelnd und kreativ klingen. Aber wer sich nur mal umschaut und dann plötzlich an der eigenen Homepage werkelt, vergißt rasch, daß er sorgsam seine "kulturelle Identität" bewahren müsse. Er sagt seine Meinung. Er erzählt. Er macht Sinn, statt ihn zu suchen. Er erfindet Kultur, selber, seine eigene. Vielleicht dreht er sogar mit an der "Uhr, welche die Stunde verrät". Und spätestens dann weiß er beim Blick ins Kulturprogramm: Nicht nur wo Kultur draufsteht, ist auch Kultur drin.

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Johannes Saltzwedel, 34, ist Redakteur für Geisteswissenschaften im Kulturteil des SPIEGEL. Der promovierte Germanist und bekennende Büchersammler, Abstechern zum Kino und zur klassischen Musik nicht abgeneigt, hält sich zwei leidlich zahme Computer auf dem Schreibtisch, an denen er im Dauer-Selbstversuch das Dasein in der Netzwelt erprobt.

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