Konto-Affäre Wer Deutschlands größte Datensammler sind

Sie horten Angaben zu Millionen Konten. Sammeln Details zu Kaufgewohnheiten und Wohngegend. Registrieren Zahlungsprobleme, Schwarzfahrer und Autounfälle - SPIEGEL ONLINE zeigt, welche Unternehmen Deutschlands Bürger erfassen. Kaum ein Lebensbereich bleibt unregistriert.

"Fast alles, was wir tun, wird irgendwo erfasst", erklärt der Leiter des Unabhängigen Landeszentrums für Datenschutz in Schleswig-Holstein, Thilo Weichert, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Es gibt heute kaum einen Lebensbereich, in dem nicht irgendein Unternehmen personenbezogene Daten sammelt: Autounfälle, Internet-Bestellungen, Einkäufe im Supermarkt, Leasing-Abschlüsse, Kredite, Handy-Verträge, Umzüge - zu fast allem steht in irgendeiner Datenbank etwas.

CD: Gesetz erlaubt Daten-Sammlung bei berechtigtem Interesse

CD: Gesetz erlaubt Daten-Sammlung bei berechtigtem Interesse

Foto: DPA

Firmen dürfen diese Sammlungen laut Datenschutzgesetz pflegen, solange sie ein "berechtigtes Interesse" daran haben und diesem kein sogenanntes "schutzwürdiges Betroffeneninteresse" entgegensteht. Sprich: Wenn Firmen sich gegen säumige Zahler und Kreditausfälle schützen wollen, ist das ein berechtigtes Interesse. Allerdings dürfen sie in solchen Schuldner-Datenbanken nicht alles speichern - so sind zum Beispiel Details zu Religion, politischer Überzeugung und Sexualverhalten generell tabu, da qua Gesetz "schutzwürdig".

Abgesehen von solchen wenigen klaren Details ist die Abwägung zwischen den Interessen der Datensammler und denen der erfassten Bürger oft arg "interpretationsbedürftig", wie Datenschützer Weichert es ausdrückt. Sprich: Die Grenzen sind fließend und im Streitfall müssen Gerichte entscheiden.

Auskunfteien - Schufa, Creditreform, Infoscore

Wer bezahlt pünktlich, wer braucht erst ein paar Mahnungen, mit wem haben Firmen richtig Ärger wegen ausstehender Zahlungen? Solche Informationen über das Zahlungsverhalten von Bürgern sammeln sogenannte Auskunfteien. Unternehmen schließen sich als Vertragspartner an, teilen ihre Informationen und dürfen sich aus den Datenbanken der Auskunfteien über ihre potentiellen Neukunden informieren. Einige Unternehmen errechnen aus den Datenbeständen einen persönlichen Score, eine Art Note für das Zahlungsverhalten.

Wie viele Daten haben die Unternehmen?

  • Die älteste deutsche Auskunftei Schufa (Schutzgemeinschaft für allgemeine Kreditsicherung) hat Informationen über 64 Millionen in Deutschland lebende Menschen.
  • Die Auskunftei Creditreform Consumer wirbt in einer aktuellen Darstellung  der Geschäftsentwicklung 2007 damit, den Kunden 17 Millionen "Privatpersonenauskünfte" erteilt zu haben, aus einem Datenbestand mit "60 Millionen personenbezogenen Informationen zu fast 22 Millionen Bundesbürgern".
  • Das zu Bertelsmann gehörende Unternehmen Infoscore verwaltet eine Datenbank mit etwa 40 Millionen sogenannten "Negativmerkmalen" zu 7,7 Millionen Menschen.

Was wissen sie?

  • Die Schufa-Datenbank erfasst Namen, Geburtsdatum, aktuelle und frühere Meldeadressen, Informationen über die Anzahl von Girokonten, Kreditkarten und Angaben zu Handy-, Telefon-, Leasing- und Kreditverträgen. Außerdem speichert die Schufa - sofern vorhanden - Erkenntnisse aus Privatinsolvenzen, eidesstattliche Versicherungen und Haftbefehle im Zusammenhang mit Insolvenzen. Nicht gespeichert werden Details zu Einkommen und Vermögen.
  • Creditreform wirbt mit personenbezogenen Daten, laut Informationen aus "Kreditabwicklungen und Lieferungen, aber auch aus Schuldnerlisten, Insolvenzregistern sowie eigenen Mahn- und Inkasso-Verfahren".
  • Die Bertelsmann-Tochter Infoscore wertet nach eigenen Angaben  "Negativmerkmale aus öffentlichen Schuldnerverzeichnissen", "laufenden und abgeschlossenen Inkassovorgängen" der Vertragspartner und "Daten zu (Verbraucher-)Insolvenzverfahren" aus. Dazu kommen wohl auch Kundendaten von vielen Unternehmen, für die Infoscore das Inkasso übernimmt - wie die Deutsche Bahn und städtische Nahverkehrsbetriebe. Auf entsprechende Anfrage des SPIEGEL  im April dementierte Infoscore-Geschäftsführer Wolfgang Hübner diese Verwendung von Daten nicht, betonte aber, dass "Prozesse bei Arvato Infoscore den gesetzlichen, insbesondere auch den datenschutzrechtlichen Vorschriften" entsprechen. Das gelte auch, "wenn Daten aus Unternehmen des Bertelsmann-Konzerns verwendet werden".

Wofür nutzen sie die Informationen?

Unternehmen schätzen anhand der Bewertungen von Menschen ein, wie sie mögliche Neukunden behandeln - Lieferung nur nach Vorkasse? Kreditwürdig und falls ja, zu welchen Konditionen und mit welchem Risikoaufschlag?

Die Schufa bietet Vertragspartnern allerdings auch Dienstleistungen wie die Recherche neuer Anschriften und Telefonnummern an. Außerdem im Paket: "Schufa-Adressabgleich", die "effiziente Neukundenansprache". Auszug aus dem Werbetext : "Bei potentiellen Neukunden hilft unser Adressabgleich, bei dem wir große Adressbestände nach vorab definierten Kriterien mit unseren Informationen zur Bonität von Kunden abgleichen."

Was halten Datenschützer davon?

Der Bundesdatenschutzbeauftragte Peter Schaar kritisierte im Juni in der "Zeit", es sei ein Skandal, dass "hinter dem Rücken der Betroffenen Daten massiv zusammengeführt und Schlüsse gezogen werden". Thilo Weichert sagte, dass sich seinen Erfahrungen nach "die Branche notorisch unwillig zeigt, Kritik und Anregungen anzunehmen".

Adresshändler - Global Group, AZ Direct, Schober

In der Umgangssprache heißen sie immer noch Adresshändler, dabei bieten Firmen wie die Global Group oder AZ Direct ihren Kunden heute viel mehr: Wer Werbepost verschicken will, kann bei den Direktmarketingexperten nicht nur Adressdaten nutzen, sondern die Empfänger auch nach Kriterien wie "Pkw-Bestand" oder "Mode für große Größen" filtern.

Wie viele Daten haben die Unternehmen?

  • Die Global Group wirbt so : "In unserer GD Consumer Marketing-Database führen wir rund 65 Millionen Personeneinträge mit mehr als 200 Merkmalen."
  • Die Bertelsmann-Tochter AZ Direct  hat nach eigenen Angaben Details zu "mehr als 70 Millionen Personen, 37 Millionen Haushalten, 20 Millionen Gebäuden, zu nahezu jeder Straße, allen Gemeinden und PLZ-Gebieten" gespeichert. Außerdem im Direktmarketingangebot: "1900 Adresslisten, davon 130 exklusiv" und "40 Millionen Negativmerkmale zu 7,7 Millionen Konsumenten".
  • Die Schober Informations Group  verwaltet in ihrer "Consumer MarketBase" nach eigenen Angaben "50 Millionen Privatadressen aus Deutschland" mit "10 Milliarden Zusatzinformationen - für jeden Anlass die richtige Zielgruppe".

Was wissen sie?

  • Die Global Group erklärt, dass man Unternehmen anhand "mikrogeografischer Daten" und Details zum Konsumverhalten Kundentypen nach ihrem konkreten Freizeitverhalten aufschlüsseln könnte. Freizeitvariabeln  sind zum Beispiel: "Erotik", "Rätsel", "Per-Post-Käufer", "Mode für große Größen". Ortsbezogen per Datenbank GeoBaseTM informiert die Global Group zum Beispiel über: "Anteil Ausländer", "Anteil Osteuropäer", "Anteil Russen", "Anteil Türken".
  • Bertelsmann-Tochter AZ Direct verspricht von ihrer Haushaltsdatenbank  "maximale Selektionsmöglichkeiten" anhand von "Konsumschwerpunkten, soziodemografischen, psychografischen und geografischen Merkmalen".
  • "Ertragssteigerung durch mehr Informationen zu jedem einzelnen Kunden" verspricht die Schober Information Group . In den Datenbanken der Firma stehen "fünf Millionen Konsumenten mit konkreten Interessen und Kaufabsichten - attraktive Zielgruppen, wie zum Beispiel Neuwagen-/Urlaubs-Interessierte", außerdem "sieben Millionen private E-Mail- und Mobile-Adressen, tief selektierbar, permission-based" und Details zu "19 Millionen Gebäuden, Haus für Haus persönlich vor Ort bewertet".

Konzerne - wie zum Beispiel die Telekom Daten verwertet

Auch deutsche Konzerne sammeln Daten ihrer Kunden - von der Telekom ist bekannt, wie sie weiterverwertet werden. Ein eigener Inkasso-Tochterfirmenverbund namens Saf Solutions schlägt sich mit säumigen Zahlern herum und bietet seine Dienste auch anderen Firmen an.

Wie viele Daten haben die Unternehmen?

Auf der eigenen Seite hält sich die SAF mit Angaben zum Datenbestand zurück. Der SPIEGEL berichtet im April von einer SAF-Werbeveranstaltung. In der Einladung wurde darauf hingewiesen, dass SAF über eine "umfangreiche Informationsbasis mit Positiv- und Negativdaten zu über 32 Millionen Haushalten in Deutschland" verfüge.

Das Unternehmen ist nach Eigendarstellung aber auch als Adressermittler  tätig. Die SAF-Tochter "accumio finance services" bietet entsprechende Nachforschungen in diversen verknüpften "Datenpools"  an. Aussage: "In der Umzugsdatenbank der Deutschen Post Adress GmbH sind circa 60 Prozent aller umzugsbedingten Adressänderungen gespeichert. Auf diese Daten ermöglichen wir Ihnen den aktuellen Zugriff."

Was wissen sie?

Vor den Kunden auf der vom SPIEGEL beschriebenen SAF-Werbeveranstaltung präzisierten SAF-Vertreter, man habe Zugriff auf den "relevanten Datenbestand der Deutschen Telekom AG", allein im Festnetz und Mobilfunk seien das 55 Millionen Datensätze mit "Adressinformationen, Zahlungsverhalten und soziodemografischen Merkmalen".

Das sei ein Missverständnis, erklärte die SAF später auf Anfrage des SPIEGEL: Hauptkunde sei die Deutsche Telekom, an externe Firmen würden nach dem geltenden Recht ausschließlich eindeutige, nicht bestrittene Inkassofälle weitergegeben, wie bei anderen Auskunfteien auch.

Versicherungen - das Hinweis- und Informationssystem (HIS)

Eine besondere Art des Auskunftei ist das Hinweis- und Informationssystem (HIS) der Versicherungen. In diesen Datenbanken speichern die beteiligten Unternehmen je nach Versicherungsart zum Beispiel bei gemeldeten Kfz-Schäden Kennzeichen, Adressen und Namen der beteiligten Versicherungsnehmer, Zeugen und Anspruchsteller, bei Lebensversicherungen das Geburtsdatum und andere Details.

Laut einer Analyse des Unabhängigen Landeszentrums für Datenschutz in Schleswig-Holstein  (ULD) lag die Zahl der Datensätze im vorigen Jahr bei 9,5 Millionen. ULD-Chef Thilo Weichert kritisiert die Datenbank als "hochproblematisch". Er weist aber darauf hin, dass die Versicherungswirtschaft derzeit mit den Datenschützern an einem neuen Auskunftssystem arbeite, das einen Kompromiss zwischen dem Interesse der Versicherer an optimaler Betrugsprävention und dem der Kunden an mehr Datenschutz schafft.

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