Private Daten im Netz Erst nackt sind wir wirklich frei

Wir haben die Kontrolle über unsere Daten längst verloren. Zwei Autoren suchen nach Lösungen: Malte Spitz fordert strenge Gesetze, Michael Seemann mehr Gelassenheit. Wer hat die besseren Argumente?
Mitarbeiter in einem Rechenzentrum: In zahllosen Datenschränken leben unsere digitalen Schatten weiter

Mitarbeiter in einem Rechenzentrum: In zahllosen Datenschränken leben unsere digitalen Schatten weiter

Foto: Jens Wolf/ dpa

Zwei neue Bücher befassen sich unterhaltsam mit dem Wegklick-Thema Datenschutz. Wirklich! In dem einen macht sich der Autor bei Behörden und Firmen auf die Suche nach seinen persönlichen Daten und fördert dabei viele Jahre alte Spuren zu Tage. In dem anderen wird das sehr deutsche Verständnis von persönlichen Daten grundsätzlich in Frage gestellt, weil der Fortschritt nun mal keine Rücksicht auf Datenschutz nimmt.

Beide Autoren stellen fest: So geht es nicht weiter. Der eine ruft deswegen nach einem starken Staat, um unsere Daten wieder einzufangen, der andere will stattdessen volle Transparenz und eine tolerantere Gesellschaft. Dabei haben beide gute Argumente.

Der Grünen-Politiker Malte Spitz ist am Ende seiner Datensuche ernüchtert. Denn obwohl Firmen gesetzlich zur Herausgabe von Daten verpflichtet sind, halten sich einige nicht daran. Mit Anwälten, ein paar Tausend Euro und drei Jahren Zeit wäre er vielleicht weitergekommen, schätzt Spitz.

Aber schon das, was er mit hartnäckigen Briefen in Erfahrung bringen konnte, ist erschreckend: Er schleppt einen langen Datenschatten mit sich herum. Noch zehn Jahre später speichern Onlinehändler, Krankenkasse oder Grenzpolizei persönliche Details über ihn. "Was macht ihr mit meinen Daten?" , heißt sein Buch, die Ergebnisse hat er außerdem als Infografik aufbereiten lassen.

Mythos vom Datenschutz-Himmel

Was passiert nun mit den Daten? Sie werden aufbewahrt, dienen Behörden und der Werbung, und sie werden verkauft. Auch der Staat mischt mit: Für Städte sind Meldedaten eine lukrative Einnahmequelle, ein paar Hunderttausend bis zu mehr als eine Million Euro verdienen einzelne Kommunen damit. Wehren kann sich Spitz gegen das Sammeln seiner Daten und das Geschäft damit kaum.

Gründlich räumt das Buch mit dem Mythos vom angeblichen Datenschutz-Paradies Deutschland auf und zeigt, wie die Idee von der Datenkontrolle scheitert. Nicht einmal jemand mit offiziellem Briefpapier, Zeit und Ahnung kommt noch hinterher. Welche Firmen und Behörden noch was alles speichern - völlig unklar.

Bei Spitz folgt daraus die Forderung nach schärferen Gesetzen. Alle Menschen sollen vollständig Auskunft über alles erhalten, was über sie gespeichert wird, sie sollen "Datensouveränität" erlangen, um der Fremdbestimmung im digitalen Zeitalter zu entgehen. Das klingt nach einem Vollzeitjob, mindestens aber nach mächtigen Staatsapparaten zur wirksamen Durchsetzung.

Plattformen statt Staaten

Der Berliner Blogger Michael Seemann plädiert in seinem Buch "Das neue Spiel"  hingegen dafür, den Verlust der Datenkontrolle zu akzeptieren - und sogar auszuweiten. Dabei geht es nicht nur um unsere privaten Daten. Denn mittlerweile werden so viele Daten erfasst, gespeichert und ausgewertet, dass ihm der Kampf dagegen sinnlos erscheint. Sind Daten erst einmal im Netz, lassen sie sich nicht mehr einfangen.

Erfahren musste das die Musikindustrie, deren Umsätze auch wegen illegaler Kopien geschrumpft sind. Oder die US-Regierung, der ein einzelner Datenarbeiter mit ein paar Kopierbefehlen umfassende Geheimdokumente entwenden konnte. Letztlich ist alles vom digitalen Kontrollverlust betroffen, jede Branche, jede Behörde, jeder Einzelne. Drei Prinzipien sieht Seemann am Werk:

  • die immer engere Verknüpfung der digitalen und analogen Welt, ermöglicht durch immer mehr und immer intelligentere Sensorik,
  • die immer billigere Speicherung und schnellere Kopierbarkeit von Daten, die durch beständig wachsende Kapazitäten von Leitungen und Datenträgern möglich wird,
  • die sich ständig verbessernden und mit mehr Rechenkraft ausgestatteten Analysemethoden, die immer neue Einblicke in bereits existierende Datenbestände erlauben.

Staaten spielen in diesem Szenario nur noch eine untergeordnete Rolle. Die neuen Machthaber sind die Datenverwalter, Internetplattformen wie Facebook, durch Netzwerkeffekte groß geworden. Der Wunsch nach strikter Kontrolle von Daten schwäche am Ende nur die Zivilgesellschaft, fürchtet Seemann: Staaten und Plattformen müssten dafür noch mächtiger werden, als sie ohnehin schon sind.

Freunde der Datenkontrolle

Nicht mehr Datenschutz, sondern mehr Offenheit fordert Seemann deswegen von diesen Plattformbetreibern. Sie sollen die Kontrolle über die Datenflüsse verlieren. Nicht nur ein paar Konzerne, wir alle sollen Big-Data-Analysen anstellen können. Ansonsten drohe eine Tyrannei der Datenmonopolisten, die uns nicht nur auswerten, sondern kontrollieren und manipulieren. Vor einem "Aufstieg des Datenproletariats" warnte unlängst der Autor Günter Hack in einer scharfsinnigen Plattform-Kritik . Seemann sucht den Ausweg: Wenn schon Kontrollverlust, dann für alle.

Und wenn meine Daten niemanden etwas angehen und ich mich vor Überwachung fürchte? "Effektiv gegen Überwachung kämpfen, bedeutet, die Wirkung von Überwachung zu schwächen", schreibt Seemann. Da ist sie wieder, die Post-Privacy-Diskussion: Datenschutz funktioniert nicht mehr, "ist so was von Eighties". Also lernen wir besser, damit umzugehen. Freunde der Datenkontrolle tauften die Vertreter dieser Denkrichtung einst "Spackeria". Das war vor drei Jahren.

Heute ist es um den Datenschutz nicht besser bestellt. Dafür gewinnt mit jedem neuen Skandal die Idee einer Gesellschaft an Attraktivität, in der ein Datenverlust nicht gleich Ungemach bedeutet. Weil zum Beispiel das Gesundheitssystem solidarisch ist und eine öffentliche Krankenakte völlig egal, wie Seemann schreibt. Wo Spitz mit dem Werkzeug des Grünen Realpolitikers operieren möchte, erweist sich Seeman letztlich als Utopist: Er hofft auf eine bessere Gesellschaft, in der es keine Rolle mehr spielt, dass wir die Kontrolle über unsere Daten verlieren.

Ein Beispiel dafür ist auch Crowdfunding, also die Vorfinanzierung von Produkten und Projekten über Fans. So ist auch Seemanns Buch entstanden. Erste Ideen standen bereits in seinem Blog, dann sammelte er Geld fürs Schreiben. Kopien im Internet können dem Projekt jetzt nichts mehr anhaben. Kontrolle überflüssig.