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19. Dezember 2006, 12:34 Uhr

Korruptes Web 2.0

Verraten und verkauft

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Nachrichten-Communities gehören zu den heißesten Trends im Netz. Selbst die großen US-Tageszeitungen buhlen bei Surfen um Aufmerksamkeit. Inzwischen werden die Empfehlungs-Seiten zu Marketingplattformen - Korruption hält Einzug im Web 2.0.

Nachrichten-Communities sind im Moment so hip wie "Tempo" in den späten Achtzigern war. Alle wollen dabeisein: Die großen Online-IT-Portale wie "Cnet News.com" sowieso, inzwischen aber auch die Netz-Angebote der großen US-Tageszeitungen. Die "Washington Post" hat schon eine ganze Weile ein kleines Kästchen mit ominösen Wörtchen wie "digg" und "del.icio.us" in jedem einzelnen Online-Artikel, die "New York Times" hat gerade nachgezogen. In den Angeboten mit den seltsamen Namen verraten die Nutzer einander Geheimtipps - inzwischen aber werden diese Hinweise auch für bares Geld verkauft.

Digg-Pausenseite mit Schaufel: Buddeln im Netz nach interessanten Storys

Digg-Pausenseite mit Schaufel: Buddeln im Netz nach interessanten Storys

Das Prinzip von digg - übersetzt bedeutet der Begriff gleichzeitig "ausbuddeln" und "gut finden" - ist Web 2.0 in Reinkultur: Netz-Nutzer empfehlen einander Nachrichten-Fundstücke – von der Meldung über eine Razzia bei einer schwedischen Film-Tauschbörse bis hin zur Gebrauchsanleitung für ein Zeichenprogramm.

Andere bewerten diese Fundsachen per Mausklick - und was viele Punkte bekommt, wandert im Web-Angebot nach oben. Dort bekommt es viele Augäpfel ab, wie die Vermarkter das nennen. Das ist toll für eine interessante Nachrichtengeschichte – digg ist inzwischen so mächtig, dass große Mengen an Netz-Verkehr auf eine dort prominent platzierte Geschichte umgeleitet werden.

Auch "Post" und "Times" wollen gerne von diesen neuen Besucherströmen profitieren. Denn im Netz sind Augäpfel bares Geld wert: Werbung verkaufen kann nur, wer auch Traffic garantieren kann.

Vermarkter bekommen weiche Knie

Für die Großen also sind digg, newsvine, reddit und andere ähnliche Seiten vor allem Mittel zur Vergrößerung ihrer Leserschaft. Für kleine – etwa neue High-Tech-Unternehmen, die ein einzigartiges Produkt im Angebot haben – kann eine gute Platzierung dort den Durchbruch am Markt bedeuten. Die Leserschaft der News-Communities ist nach wie vor eine echte Elitegruppe, eine Ansammlung von technikbegeisterten Super-Geeks, die Speerspitze des Web 2.0 gewissermaßen. Diese Menschen interessieren sich für Technologie, sie sind gut ausgebildet, sie haben Geld, sie sind Multiplikatoren. Vermarktern wird's da warm ums Herz – genau solche Menschen möchte man erreichen.

Friendly Vote: "Bessere Marketing-Ergebnisse!"

Friendly Vote: "Bessere Marketing-Ergebnisse!"

Da ist es nicht verwunderlich, dass die Korruption bereits Einzug gehalten hat in der demokratischen neuen Nachrichtenwelt. Es gibt Unternehmen, die sich darauf spezialisiert haben, Nachrichten oder schlichte Verweise auf neue Webseiten bei digg und Co. unterzubringen – gegen Geld. Eine inzwischen aus dem Netz verschwundene Seite namens "UserSubmitter" bot 50 US-Cent dafür, drei vorgegebene Links bei digg einzustellen. Die Seite " Friendly Vote" preist sich selbst an als "online-Ressource für Webmaster, in der eine Gruppe von Freunden für ein gemeinsames Ziel zusammenarbeitet!" Das gemeinsame Ziel wird dann erklärt: "Bessere Marketing-Ergebnisse für Ihre Produkte und Service-Angebote!" Gleich eine ganze Batterie von News-Communities steht auf der Startseite – mitmachen darf aber nur, wer eingeladen wurde.

Digg hat ein gewaltiges Problem

Eine relativ kleine Gruppe von Nutzern ist für einen Großteil der bei digg eingestellten Geschichten verantwortlich – und die sind natürlich besonders interessant für die Vermarkter. Ein 19-Jähriger namens Karim Yergaliyev, der zu dieser Elitegruppe gehört, sagte "Cnet": "Ich bekomme zwei oder drei Angebote in der Woche, für irgendein Produkt oder eine Dienstleistung zu werben." Einmal ließ er sich erweichen – und das kam heraus. Nun steht digg vor einem gewaltigen Problem.

Es war nur eine Frage der Zeit, bis solche Angebote entstehen würden – zu einfach lassen sich die relativ simplen Abstimm-Algorithmen solcher Seiten mit gezielter Ansprache der Top-User oder schierer Nutzermasse manipulieren. Web-2.0-Guru Tim O'Reilly sagte schon im November zu SPIEGEL ONLINE, Community-Angebote bräuchten gewissermaßen Verdienst-Hierarchien – nur wer nachweislich Sinnvolles beigetragen hat, darf auch direkt zum Zug kommen. Nur mit solchen Ausschluss-Systemen ließen sich Manipulationen ausschließen: "Sie ermöglichen es, mit dem umzugehen, was von draußen eingereicht wird. Angebote wie digg werden sich mit diesem Problem auseinandersetzen müssen."

"Ich war wirklich glücklich, ich wollte einfach jedem helfen"

Yergaliyev allerdings war genau so ein verdienter User: Unter dem Netz-Namen "Supernova17" hatte er bereits Hunderte Geschichten bei digg eingereicht, von denen viele es auch auf die Titelseite schafften. Dennoch ließ er sich schließlich überreden, Reklame für eine Firma zu machen, die virtuelle lokale Telefonnummern in verschiedenen Ländern anbietet. Er wurde dabei erwischt – wie, ist unklar. Sein Account wurde gelöscht.

Ganz so hart wollte die digg-Chefetage dann aber offenbar doch nicht mit dem 19-Jährigen umgehen, der ja schließlich unentgeltlich mitgearbeitet hatte am Erfolg des Angebotes. Nachdem Yergaliyev Abbitte geleistet und Besserung gelobt hatte, wurde sein Account wieder eröffnet. "Ich habe sowas nie gemacht", sagte er "Cnet", "aber in der Woche, in der mich (das Unternehmen) darum bat, hatte ich gerade dieses Mädchen getroffen und war wirklich glücklich – ich wollte einfach jedem helfen."

Ein Konkurrenzangebot, man könnte auch sagen eine dreiste Kopie von digg, bezahlt seine Top-Nutzer übrigens selbst: Netscape.com, seit einiger Zeit im Besitz von AOL, hat den gleichen Mechanismus auf seinen Seiten installiert, der Gründer Jason Calacanis bot den Top-Usern von digg und anderen Nachrichtencommunities vor einiger Zeit offen Geld an, um künftig für ihn zu arbeiten.

Calacanis wurde für sein unmoralisches Angebot damals aus der Blogger-Community wüst beschimpft, ließ sich aber nicht beirren: "Geld bedeutet für mich Zeit, Zeit bedeutet Qualität, und Qualität bedeutet Erfolg", begründete er seinen Schritt. Der Erfolg für Netscape.com blieb bislang allerdings weitgehend aus: "Wenn Sie sich die Ergebnisse ansehen, werden sie feststellen, dass das nicht so gut funktioniert", sagte Tim O'Reilly SPIEGEL ONLINE. In den Empfehlungs-Kästen der "New York Times" und der "Washington Post" jedenfalls steht digg weiterhin – Netscape aber nicht.

Nachtrag: Im Moment ist digg.com nicht zu erreichen - die Seite bekommt gerade ein neues Design.

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