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Kreml-Blogger Adagamow: "Niemand darf Medwedew müde fotografieren"

Foto: RIA NOVOSTI/ REUTERS

Kreml-Blogger Adagamow "Niemand darf Medwedew müde fotografieren"

Weblogs gelten in Russland als "fünfte Gewalt", als einflussreiche Medien. Der Blogger Rustem Adagamow erreicht täglich Hunderttausende Leser - einige davon sitzen im Kreml. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erklärt er, wie man als Blogger Zugang zu den Zirkeln der Macht bekommt.

Dmitrij Medwedew

SPIEGEL ONLINE: Herr Adagamow, Sie sind kürzlich mit Russlands Präsident zusammengerasselt. Wie ist es dazu gekommen?

Adagamow: Ich hatte meine Brille nicht aufgesetzt und habe ihn leider nicht gesehen. Ich habe ihn auf der Treppe angerempelt, weil ich in Eile war. Natascha musste danach die Leibwächter des Präsidenten beruhigen.

SPIEGEL ONLINE: Sie meinen Natalia Timakowa, die Leiterin des Pressedienstes im Kreml?

Adagamow: Genau. Das war im Juni, auf dem Weg zu Medwedews Treffen mit Apple-Chef Steve Jobs in Kalifornien. Neben den beiden Kreml-Fotografen war ich der einzige, der bei dem Gespräch dabei sein durfte. Für ein Foto, dann musste auch ich den Raum verlassen. Das war ein surreales Gefühl: Nur Medwedew, Jobs und ich - und die Scharfschützen auf den Dächern ringsherum.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben Medwedew nicht zum ersten Mal getroffen. Wie kommt ein Blogger wie Sie in den Kreml-Pool, den Kreis handverlesener Journalisten, die den Staatschef begleiten dürfen?

Adagamow: Ich bin leidenschaftlicher Fotograf. Auf meiner Seite habe ich darüber geschrieben, wie verschieden etwa Obama und Medwedew von den offiziellen Fotografen dargestellt werden.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie damit?

Adagamow: Obama wird als Mensch aus Fleisch und Blut gezeichnet. Auf manchen Fotos kann man die Schweißperlen auf seiner Stirn sehen. Vom Tag seiner Vereidigung gibt es einen Schnappschuss aus dem Lift. Die Leibwächter schauen einen Moment zur Seite, und Obama neigt sich lächelnd zu Michelle. Das ist eine bewegende Aufnahme. Russlands Mächtige dagegen wirken wie sakrale Figuren. Ich habe auch noch nie Bilder von Putins Kindern gesehen. Niemand weiß, ob Putins Familie intakt ist oder nicht. Niemand will natürlich sein Privatleben dem Boulevard preisgeben, doch diese Ungewissheit befeuert doch erst Spekulationen. Auch einen müden Medwedew darf niemand fotografieren. Ich habe dann eine offizielle Anfrage geschrieben, ob ich mir die Arbeit des Kreml-Pools mal ansehen dürfte.

SPIEGEL ONLINE: Sie werden seitdem regelmäßig eingeladen. Woher kommt diese Offenheit?

Adagamow: Mich erstaunt, mit welcher Sympathie die Chefin des Pressedienstes des Kreml, Natalia Timakowa, meine Arbeit verfolgt und unterstützt, obwohl ich das trockene Protokoll kritisiere. Ich habe Medwedew im Kunstzentrum Winsawod sogar einmal kurz interviewen dürfen.

SPIEGEL ONLINE: Liest auch der Kreml ihren Blog?

Adagamow: Timakowa liest meinen Blog, und man hat mir gesagt, auch Medwedew selbst.

SPIEGEL ONLINE: Der Präsident versucht sich ja ebenfalls als Blogger.

Adagamow: Medwedews Videoblog ist enttäuschend. Er liest schlicht den Text ab, wirkt furchtbar steif. Man hat nicht den Eindruck, dass da ein Mensch aus Fleisch und Blut sitzt. Mit dem twittern klappt es besser. Da zeigt er, dass er fehlbar ist: Er hat sich gleich in seiner ersten Nachricht vertippt.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind Russlands beliebtester Blogger, ihre Seite wird jeden Tag 600.000-mal aufgerufen, sie haben mehr Leser als viele Moskauer Tageszeitungen. Was ist das Geheimnis ihres Erfolgs?

Adagamow: Ich versuche, das Weltgeschehen durch Fotoreportagen darzustellen, durch eigene Aufnahmen oder Agenturbilder, etwa von Reuters. Die Leute mögen dieses Format, sie brauchen nicht viel Zeit, um den Kern der Nachricht zu erfassen. Vielen ersetze ich die Tageszeitung, und ich habe auch schon seit langem keine Zeitung mehr gekauft.

SPIEGEL ONLINE: Im Internet nennen Sie sich "drugoi", der "Andere".

Adagamow: Das ist für mich ein Seelenzustand. Ich bin stets ein Fremder, ein Beobachter. Ich habe zehn Jahre in Norwegen gearbeitet, als Creative Director in einer Werbeagentur. Aber Reklame ist eine Art Prostitution, und Norwegen ist wie ein Aquarium: komfortabel, warm, aber doch wie ein Käfig mit vier Wänden. Ich liebe Norwegen, es ist das Land mit dem wohl höchsten Lebensstandard, aber es ist zutiefst langweilig. In Russland aber passiert jeden Tag etwas Neues, nur in Moskau bin ich am Puls der Zeit.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt mehr als 7,5 Millionen Blogs in Russland, in Deutschland liegt die Zahl der Blogs laut Schätzungen nur zwischen ein und zwei Millionen. Woran liegt das?

Adagamow: Wir Russen sind sehr mitteilsam. Unter den Sowjets waren Gespräche in der Küche der einzige unzensierte Freiraum, in dem man offen sprechen konnte. Heute hat das Web eine ähnliche Funktion. In Deutschland gibt es politische Prozesse, Parteien unterschiedlicher Strömungen. Hier gibt es kein politisches Leben, unsere Parteien sind eine Fiktion.

SPIEGEL ONLINE: In kaum einen anderen Land sind Blogger so einflussreich wie in Russland, sie decken Skandale auf, sammeln Spenden für die Opfer der Waldbrände. Selbst Printmedien wie die "Komsomolskaja Prawda" sprechen schon von der "fünften Gewalt".

Adagamow: Mein Freund Alexej Navalnij bloggt regelmäßig über Korruption und Vetternwirtschaft in Staatsunternehmen und Behörden. Er ist mutig, und ich habe Angst um ihn. Bei uns sind Menschen schon aus geringeren Gründen ermordet worden. Ich bin kein Pessimist, sondern realistisch: In manche Dinge möchte ich schlicht meine Nase nicht stecken.

SPIEGEL ONLINE: Die Zahl der Internetnutzer übersteigt 60 Millionen Menschen in Russland, Blogs wie Ihrer werden zu Massenmedien. Fürchten Sie, das Internet könnte bald wie die großen TV-Sender zensiert werden?

Adagamow: Russland wird nicht China nacheifern, doch man wird das Internet an die Kandare legen. Es ist doch das letzte freie Territorium, es wird uns nicht mehr lange bleiben.

SPIEGEL ONLINE: Mit Medwedew sitzt doch ein Internetenthusiast im Kreml.

Adagamow: Solange wir einen Präsidenten haben, der selbst das Internet liebt, kann er diesen Prozess vielleicht bremsen.

Das Interview führte Benjamin Bidder, Moskau
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