Kündigungen und Umstrukturierungen Harte Zeiten für "Time"

"Time" macht brutale Einschnitte. Um sich fit für die Zeit des digitalen Publishings zu machen, setzt das Verlagshaus fast 200 Redakteure vor die Tür, 50 allein bei "Time" selbst. Es geht um mehr als nur um Rationalisierungen: Das US-Verlagshaus verändert seine Arbeitsweise von Grund auf.

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Erst am 8. Januar nutzte "Time", die amerikanische Mutter aller Nachrichtenmagazine, die günstige Gelegenheit ihres Webseiten-Relaunches, sich einmal mehr als Trendsetter der Medienbranche in Szene zu setzen. In gewisser Weise gilt das auch für die Umstrukturierungspläne, die Time Inc. am Donnerstag verkündete - auch wenn die weit weniger positiv klingen.

Time-Cover: Das aktuellste steht heute immer Online

Time-Cover: Das aktuellste steht heute immer Online

Auf einen Schlag will sich Time Inc. von 289 seiner Redakteure und redaktionellen Mitarbeiter trennen, angestellt bei den Titeln "Time", "Sports Illustrated" und "People". 172 der entlassenen sind Redakteure, 50 davon arbeiteten bei "Time" selbst. Die "Time"-Büros in Los Los Angeles, Chicago and Atlanta werden geschlossen.

Zum Teil soll das durch freiwillige Abgänge geschehen, motiviert durch befriedigende Abfindungen, zum Teil durch betriebsbedingte Kündigungen. Damit setzt sich der Schrumpfungsprozess der Print-Sparte von Time Inc. fort. Bereits in den letzten zwölf Monaten hatte sich der Verlag von rund 600 Mitarbeitern getrennt. 500 weitere sollen noch folgen, die Time Inc. gleich mitsamt der Titel, für die sie arbeiten, loswerden will.

Doch die aktuelle Streichung von 289 Stellen bei den erfolgreichsten Magazinen des Verlags hat eine andere Qualität als solche in Krisenzeiten immer beliebte Bereinigungen des Portfolios. Einher geht damit nämlich die völlige Umstrukturierung der redaktionellen Arbeitsweisen, um, wie es aus der Verlagsleitung heißt, Time Inc. fit zu machen für neue, digitale Zeiten. In einer von der "Washington Post" verbreiteten E-Mail von Time-Inc.-Chef John Huey an die Belegschaft hieß es Mitte der Woche: "Grund für die Kündigungen ist die Umstrukturierung unserer redaktionellen Stäbe in einer Zeit, in der wir uns schnell auf eine Zukunft der flexiblen Produktion von Inhalten für multiple Plattformen zubewegen."

Das ist allerdings Trend.

Obwohl sich "Time" wohl zu Recht noch immer "erfolgreichstes Nachrichtenmagazin der Welt" nennen kann (aktuelle weltweite Auflage: 5,2 Millionen pro Woche in vier regionalen Ausgaben), schwinden auch bei diesem Urahn aller Nachrichtenmagazine Auflage und Werbe-Umsätze.

Zeitenwechsel: aktuell ist online

Die Gründe dafür hat soeben einmal mehr das renommierte Pew Internet & American Life Project untersucht. Seit 2002, heißt es in einer aktuellen Studie, hat sich in den USA die Nutzung des Internet als primäre Quelle für aktuelle politische Informationen verdoppelt. Schon 2004, fand Pew heraus, bezogen satte 18 Prozent der Amerikaner das Gros ihrer Informationen zum damaligen Präsidentschaftswahlkampf aus dem Netz.

Bei der täglichen Nutzung fallen die Zahlen noch krasser aus: Bereits im März letzten Jahres sollen rund 50 Millionen Amerikaner ihren täglichen Nachrichtenbedarf primär aus dem Netz befriedigt haben - Tendenz weiter steigend. In der Zielgruppe der 14- bis 21-jährigen sind sowohl TV als auch Print nicht mehr gefragt. Dort ist ist das Internet längst Medium Nummer Eins.

Betroffen sind anscheinend vor allem die Leserschichten mit dem größten politischen Interesse. 23 Prozent der primär online Lesenden sind selbst auch online publizierend aktiv. Nicht vergessen sollte man dabei, dass man hier durchaus nicht von Minderheiten redet: Die Mehrheit der Bevölkerung informiert sich längst nur noch sporadisch oder zu bestimmten aktuellen Anlässen über politische Dinge - für das Gros sind Medien nicht Informations-, sondern Entertainment-Quellen. Flöten geht den klassischen Medienhäusern also ausgerechnet die so genannte Informationselite.

Konsequenzen: Verschärfte Konzentration

Fast zwangsläufig mutieren Amerikas Pressekonzerne darum seit ein paar Jahren zu Online-Publishing-Häusern. Noch wird das Gros der Umsätze mit papierbasierten Produkten sowie klassischen AV-Angeboten gemacht, doch der Trend ist klar: Das Internet ist längst die schnellste, schon bald wichtigste Nachrichtenquelle überhaupt. Flächendeckend gilt bei allen großen US-Medienhäusern inzwischen die Devise "Web first". Wenn heiße Nachrichten recherchiert werden, wichtige Dinge geschehen in der Welt, dann hat die Online-Publikation Vorrang vor dem Druck.

Vor diesem Hintergrund erklären sich auch die schmerzhaften Umstrukturierungen bei Time Inc.. Verändert wird da vor allem eine "Time"-typische, mit der Erstausgabe am 3. März 1923 etablierte Arbeitsweise. Über Jahrzehnte arbeitete "Time" mit einem aufwendigen Korrespondenten- und Reporter--Netzwerk, das den in New York stationierten Autoren und Redakteuren Informationen aus aller Welt zutrug. Stildefinierend für "Time" war daher der in Teamarbeit entstandene Artikel, der den Koordinator und Redakteur als Autoren nannte und die Zuträger als Mitarbeiter am Fuß des Artikels.

Eine extrem aufwendige Arbeitsweise, die nicht zuletzt in einem Sprachstil mündete, der die Artikel unabhängig von ihren Autoren stark prägte - im legendären, leicht schwurbeligen "Time"-Stil.

Meinungsfreudige Autoren statt Recherchenetze

Genau davon trennt sich "Time" bereits seit einiger Zeit Stück für Stück. An Stelle der Gruppenartikel treten stärker individuell geprägte Autorenstücke. In Zeiten von Blogs und dem Revival reportierender, stark subjektiv analysierender Artikel folgt das dem Zeitgeist. Ganz nebenbei ist es aber auch preiswerter zu produzieren. Ein großer Teil der 289 gestrichenen Stellen entfällt auf das Zuträger-Netzwerk.

Doch damit nicht genug. Um dem zunehmenden Druck der aktuellen Medien - und hier wiederum nicht zuletzt der Web-Nachrichtenseiten - zumindest etwas auszuweichen, zieht "Time" seinen Publikationstag auf den Freitag vor. Schon im August wurde das verkündet, nun tritt die Änderung in Kraft. Damit wird das einst als aktuelles Nachrichtenmagazin verstandene Blatt zur Wochenendlektüre - sieht aber auch nicht mehr so alt aus: Dass die meisten heißen Nachrichten, die "Time" zum Wochenanfang veröffentlicht, bereits am Wochenende online verbreitet werden, nagt mächtig am Standing des Magazins.

Den anhaltenden Rückgang im Werbevolumen hofft Time Inc. darüber hinaus durch eine Senkung der Werbepreise quer über die Magazine abzubremsen. Auch das ist ein Zeichen der sich rapide beschleunigenden Umschichtung im Pressemarkt: Online-Publikationen erlebten in den letzten Jahren, während die Print-Presse die schlimmste Werbekrise ihrer Geschichte durchlitt, zwei- bis dreistellige Zuwachsraten.

So rundet sich das Bild: Multi-Plattform-Publishing heißt, dass weniger Journalisten mehr Menschen auf mehr Kanälen erreichen - und primär online. Von den Zeiten, in denen man ein Druckprodukt als aktuell verkaufen konnte, hat "Time" jedoch begonnen, sich zu verabschieden. Der Tag gehört der Website, das Wochenende dem Magazin.



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