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Patrick Beuth

Künstliche Intelligenz im Arbeitsalltag Gefeuert vom Algorithmus

Patrick Beuth
Ein Netzwelt-Newsletter von Patrick Beuth

Liebe Leserin, lieber Leser,

mein Job als Journalist ist es nicht, Dinge besonders gut zu finden – auch wenn ich als Netzwelt-Redakteur eine gewisse Begeisterung und Offenheit für technologische Entwicklungen mitbringe. In den vergangenen Wochen sind mir allerdings drei Beispiele für sogenannte künstliche Intelligenz untergekommen, die mich wirklich wütend gemacht haben.

Zunächst veröffentliche »Vice«  einen Artikel über Gesichtserkennungssoftware der Firma ID.me. Mit der sollen sich Arbeitslose in den USA online verifizieren, um ihr Arbeitslosengeld zu erhalten. Wenn das nicht klappt, weil die Software sie nicht korrekt erkennt, gibt es kein Geld, tage-, wochen- oder gar monatelang. In mehreren Bundesstaaten ist das passiert.

Dann erschien bei »Bloomberg« der ausführliche, in seiner Schrecklichkeit sehr lesenswerte Bericht »Fired by Bot«  über den Algorithmus von Amazon, der Fahrer des Lieferdienstes Flex automatisch feuert, sobald sie ihre Touren nicht mehr schnell genug schaffen. Schlechte Straßenverhältnisse, Wartezeiten beim Beladen und andere Umstände, die Flex-Fahrer nicht zu verantworten haben, werden ignoriert. Widerspruch gegen die Bot-Kündigung kostet 200 Dollar und führt zu nichts. Amazon teilte dem Reporter mit, das seien doch nur Anekdoten – als ob das irgendwas besser machen würde.

»Das ist die langweiligste Fortsetzung der ›Terminator‹-Filme«, kommentierte der »Guardian« . »Die Roboter kommen nicht, um dich zu töten oder zu versklaven, sondern um dir höhnisch zu schreiben, dass du morgen nicht mehr zur Arbeit kommen musst – oder jemals wieder.«

Amazon-Flex-Fahrer in Kalifornien

Amazon-Flex-Fahrer in Kalifornien

Foto: SHANNON STAPLETON/ REUTERS

Zuletzt erschien in der »taz « dann noch ein Artikel über die Volkswagen-Tochter Moia. Hier schreibt ein Algorithmus unrealistische Dienstpläne für die Fahrerinnen und Fahrer des Fahrgemeinschaftsdienstes. Großzügigerweise können die für zwangsläufig zu viel gearbeitete Minuten »später einen Antrag auf Erstattung stellen. Das gelte auch für unvermeidliche Toilettenpausen«, heißt es im Artikel.

Derartige Programme und Systeme werden ernsthaft »künstliche Intelligenz« genannt. Als ob die gnadenlose Ausbeutung und die Entmenschlichung von Angestellten, die auf solche Jobs angewiesen sind, ein Beleg für Intelligenz wären. »Computer says no«  war jedenfalls schon mal lustiger.

Die Organisation AlgorithmWatch  sammelt und dokumentiert solche Beispiele für Automated Decision Making, kurz ADM. In ihrem Bericht vom vergangenen Herbst hieß es: Die »große Mehrheit« solcher Systeme »setzt Menschen eher einem Risiko aus, als ihnen zu helfen«. Das war eigentlich als Warnung gedacht, nicht als Anleitung.

Fremdlinks: Drei Tipps aus anderen Medien

  • »Jeff Moss: DEF CON«  (Podcast, 37 Minuten)
    Im Podcast »Malicious Life« der IT-Sicherheitsfirma Cybereason gibt DEF-CON-Gründer Jeff Moss schräge Anekdoten aus den Anfangsjahren der Hackerkonferenz in Las Vegas zum Besten. Unter anderem verrät er, wer Hotelbetreibern noch viel mehr Angst einflößt als feiernde Hacker: feiernde Kardiologen.

  • »Digital Violence: How the NSO Group Enables State Terror«  (Englische Website, viele Leseminuten)
    Eindrucksvoll: Zusammen mit Amnesty International, dem Citizen Lab und Oscargewinnerin Laura Poitras haben die Recherchespezialisten von Forensic Architecture dokumentiert, wie Dissidenten, Journalisten und andere mithilfe der Staatstrojaner der israelischen Firma NSO ausspioniert wurden.

  • »Influencers In Norway Will Legally Have To Disclose Their Photoshopped Images«  (Englisch, zwei Leseminuten)
    Dickere Lippen oder dickere Muskeln per Filter? Ein Gesetz in Norwegen wird Influencerinnen und Influencern auf Instagram, Snapchat oder TikTok vorschreiben, dass sie kenntlich machen müssen, welche Fotos sie manipuliert haben.

Ich wünsche Ihnen eine angenehme Woche!

Patrick Beuth

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