Kürzungspläne BBC Online unter Druck

Bietet BBC Online zu viel des Guten? Der privaten Konkurrenz ist das britische öffentlich-rechtliche Angebot seit langem ein Dorn im Auge: Mit Europas größtem Onlineangebot hält kein Konkurrent mit. Jetzt drängt eine von der Regierung beauftragte Kommission zur Schließung von Teilen des Angebotes.

Wie sagt man "Nein, lass mich bloß in Ruhe!", nickt dabei gleichzeitig freundlich und macht einen verständigen Eindruck, als sei man mit allem einverstanden? Vor einer sehr ähnlichen Frage stand am Montag Ashley Highfield, Chef von BBC New Media.

Denn Montag, der 5. Juli, dürfte als schwarzer Tag in die Geschichte von BBC Online, Europas größtem Online-Publishing-Angebot eingehen. Das hat eine Unmenge zu bieten, das größte Online-Budget des Kontinents, eine der größten Redaktionen weltweit und nur einen Schönheitsfehler, klagt die britische Medienkonkurrenz: BBC Online mache alles platt.

Der Streit darüber, was ein öffentlich-rechtliches Angebot im Internet darf und tun muss, schwelt seit Jahren. In Großbritannien wird er härter geführt als irgendwo sonst, denn dort hat sich die BBC zur quasi konkurrenzlosen Killer-Adresse entwickelt: Kein Thema, zu dem die BBC nicht etwas Informierendes, Vertiefendes oder Unterhaltendes beizusteuern hätte.

Der Vorwurf: Wettbewerbsverzerrung

Das macht der privaten Konkurrenz, die ihre Angebote irgendwie refinanzieren muss, das Leben ziemlich schwer. Online Profite zu erwirtschaften, gilt weltweit nach wie vor als Science Fiction, doch auch nur eine Kostendeckung zu erreichen, ist im Lande der "alten Tante" besonders mühselig. Die verfügt - nur für ihren Online-Bereich - über das monströse Budget von rund 100 Millionen Pfund im Jahr (ca. 150 Millionen Euro).

Selbst dieser Etat ist schon das Resultat einer Kürzungswelle, die die BBC im letzten Jahr erwischte, als die quasi steuerfinanzierte "alte Tante" mit einiger Verspätung ins Kielwasser der weltweiten Medienkrise geriet. Bei "BBCi" wurden 100 Jobs gestrichen, das Kernteam besteht heute aus noch rund 300 Mitarbeitern, denen aber auch die Redakteure aus den Sendern zuarbeiten. Doch auch diese ersten Kürzungen konnten die Kritiker nicht besänftigen, war BBC Online doch aufgefordert worden, 2003 nicht mehr als 21 Millionen Pfund auszugeben. Am Ende waren es wieder fast 100 Millionen.

Nach jahrelangen Protesten der in der "British Internet Publisher's Association"  (BIPA) zusammengefassten Web-Verleger beauftragte im Frühjahr 2003 das Ministerium für Kultur, Medien und Sport eine unabhängige Kommission mit der Prüfung der Frage, ob und inwieweit die BBC mit ihren Onlineaktivitäten ihrem öffentlichen Auftrag nachkommt - und inwiefern sie mit privaten Unternehmen konkurriert.

Knallharte Forderungen

Die so genannte Graf-Kommission legte ihren Bericht im Mai vor, am Montag wurde er veröffentlicht. Was der Kommissionsvorsitzende Philip Graf darin zu den Engagements der BBC zu sagen hat, kommentiert die BIPA so: "Das ist ein Triumph für die BIPA und lang überfällig, wenn man bedenkt, dass wir nun seit sechs Jahren kontinuierlich und beherrscht an der Tür der Regierung gekratzt haben." Denn die Graf-Kommission kritisiert die Online-Praxis der BBC offen - und empfiehlt die Schließung von Teilen des Angebotes.

Der Bericht der Kommission  stellt konkrete Forderungen an die BBC, die weit reichende Einschnitte bedeuten würden:

  • Der Auftrag des Angebotes solle sich klar an Zielen orientieren, die im öffentlichen Interesse liegen.
  • Die weitere Finanzierung von BBC Online solle mit einem bewusst "vorsichtigen Ansatz" vonstatten gehen. Wenn die erwarteten Nutzeffekte eines Onlineprojektes die erwarteten Kosten nicht deutlich überschreiten, solle man von solchen Projekten absehen.
  • Dem Onlineangebot sollte eine verstärkte Aufsicht unter der Leitung zweier Direktoren überstellt werden. Einer davon sollte ein ausgewiesener New-Media-Experte sein, der andere ein Experte für Wettbewerbsrecht.
  • Die Direktoren sollten zum Beispiel in Bezug auf Fragen der Marktbeeinflussung Zugang zu unabhängigen Marktanalysen erhalten.
  • Mindestens 25 Prozent aller Inhalte mit Ausnahme der Nachrichtenproduktion sollten von unabhängigen Partnern zugekauft werden. Diese Quote soll erreicht werden, bevor die aktuelle "Royal Charter" (vergleichbar den deutschen Medienstaatsverträgen) Ende 2006 ausläuft.
  • BBC Online soll darauf festgelegt werden, Nachrichten und Bildungsangebote zu produzieren, die "von Wert für den Bürger" seien. Innerhalb dieses Rahmens soll die BBC sich auf die Produktion innovativer, reichhaltiger und interaktiver Inhaltsangebote konzentrieren.

Noch hat sich Kulturministerin Tessa Jowell diesen Forderungen nicht offiziell angeschlossen, konfrontierte die BBC jedoch am Montag mit einem Ultimatum: Vier Monate hat die BBC nun Zeit, ihre Webseiten mit ihrem öffentlichem Auftrag in Einklang zu bringen.

Danach werde sie entscheiden, sagte Jowell, "welche weiteren Maßnahmen ergriffen werden müssen". Die 2006 auslaufende Royal Charter gibt ihr die Druckmittel an die Hand, der Drohung auch schmerzhafte Konsequenzen folgen zu lassen - und sie macht keinen Hehl daraus, dass der BBC da einiger Ärger ins Haus stehen könnte.

Der Graf-Bericht ist nur die Spitze des Eisbergs. In Frage gestellt ist die ganze BBC - eine Nachwirkung der Kelly-Affäre. Weiter...

Friedensangebote

BBC-Online-Chef Ashley Highfield brauchte da nicht lang, das Kunststück zu meistern, gleichzeitig zu Nicken und Nein zu sagen: Bereits am Montag gab er die anstehende Schließung von fünf Websites bekannt, die zugegebenermaßen reinen Entertainment-Charakter hätten. "Wir schließen diese Websites", so Highfield in einem offiziellen Statement, "weil ihr Einfluss auf den Markt wohl größer ist als ihr Wert für die Öffentlichkeit."

Fallen sollen Soap-Seiten und ein Online-Spiel für Sportfans - ein Bauernopfer in Anbetracht der rund 20.000 inhaltlichen Angebote der BBC.

Das, versicherte Highfield, werde die BBC ohne Jobverluste hinbekommen. Den Graf-Bericht begrüßte Highfield "als eine Art TÜV", um das eigene Angebot zu prüfen. Highfield: "Wir erkennen an, dass der Bericht einige wichtige Ratschläge, Kommentare und Kritiken enthält, die wir in den nächsten Monaten sorgfältig prüfen werden."

Die BBC-Krise: Nachwirkungen der Kelly-Affäre

Die Seitenschließungen jedoch seien kein Resultat des Graf-Berichtes, sondern eine Reaktion auf eine BBC-interne Überprüfung des "öffentlichen Wertes" von BBC-Angeboten, die der neue Senderchef Mark Thompson in der letzten Woche angekündigt hatte. Da, gab Highfield zu, könne durchaus noch mehr kommen und mittelfristig auch Stellenstreichungen nach sich ziehen.

Zunächst jedoch ist Goodwill angesagt: Direkt nach Veröffentlichung des Graf-Berichtes kündigte Highfield an, die eingeforderte 25-Prozent-Klausel schnellstmöglichst erreichen zu wollen. Bereits in den nächsten Wochen wolle die BBC Gespräche bis hin zu regionalen Zeitungen aufnehmen, um künftige Kooperationsmöglichkeiten zu prüfen: "Wir sind offen für alles."

Am Dienstagmorgen schließlich wurde die ganze Sache zum Aufmacherthema bei BBC Online. "Future of BBC"  heißt das Artikelpaket, mit dem die BBC-Mächtigen ihre Positionen klarmachen wollen. Der Inhalt: ein Konzeptpapier für Reformen des öffentlich-rechtlichen Senders, das die Verhandlungsposition der BBC beim erwarteten Hickhack um die neue Royal Charter beschreibt. Denn der Dämpfer für BBC Online in Gestalt des Graf-Berichtes ist nur die Spitze des Eisbergs: In Frage gestellt werden Struktur, Marktposition und Geschäftsgebaren der BBC an sich.

Kürzungen des teuren, aus einer steuerähnlichen Umlage finanzierten Angebotes liegen seit Jahren im Trend. So wurden viele der weltweit hoch geschätzten Auslandsradio-Engagements gestrichen und die entsprechenden Angebote ins kostengünstigere Internet verlegt. Spätestens jedoch seit der Affäre um den Waffenexperten David Kelly, der Selbstmord beging, nachdem er öffentlich als Quelle eines kritischen BBC-Berichtes geoutet wurde, steht die Leitungsstruktur der BBC in Frage.

Die öffentliche Meinung schätzt die BBC weiterhin als verlässliche, unverzichtbare Quelle - sieht sie aber zugleich als gieriges Geldgrab, dem ein wenig mehr Aufsicht sehr wohl zu gönnen wäre. So zeigt auch der so schnell zusammen geschusterte Reformplan der BBC eine Menge freundliches Entgegenkommen - und ein wenig "mea culpa" mit dem Subtext "wir wollen uns ja bessern".

Ob das genügen wird, bleibt abzuwarten. Nur eines scheint zurzeit klar: Montag, der 5. Juli markiert zumindest für BBC Online den Anfang vom Ende der fetten Jahre.

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