Kunst-Projekt "Painstation" Wenn der Computer den Spieler auspeitscht

Dieses Computerduell ist wirklich Geschmackssache: Wer mit der leicht makabren "Painstation" daddelt, dem drohen Peitschenhiebe und Elektroschocks. Und nicht nur beim Verlierer fließt manchmal Blut.


Rotierende Peitsche: Striemen auf dem Handrücken
Morawe

Rotierende Peitsche: Striemen auf dem Handrücken

Das Prinzip der "Painstation" ist eigentlich ganz einfach: An einem Metallblock stehen sich zwei Spieler gegenüber, den Blick auf den in die Platte eingelassenen Monitor zwischen ihnen gerichtet. So messen sie sich in einem Klassiker, vielleicht der Mutter aller Computerspiele, mit minimalistischer Grafik und klingendem Namen: "Pong". Zwei kleine Balken lassen sich als Schläger am Rand des Bildschirms auf und ab schieben, mit ihnen muss der Spielball im Feld gehalten werden.

Wer dabei nicht aufpasst, wird schmerzhaft bestraft: Die jeweils linke Hand der Opponenten liegt auf einem Pad, der freundlich "PEU" abgekürzten "Pain Execution Unit". Wer den eckigen Pixelball nicht trifft, dem bekommt etwas auf die Finger: Unachtsamen Zockern drohen leichte Stromstöße, Hitzeschübe oder Hiebe mit einer rotierenden Minipeitsche.

"Painstation": Attraktiv wie illegale Boxkämpfe

Auch Volker Morawe hat sich beim Spiel mit der "Painstation" schon häufiger blutige Striemen auf dem Handrücken geholt. Mitleid hat er trotzdem nicht verdient: Schließlich hat der 31-Jährige das schmerzhafte Duell gemeinsam mit einem Kommilitonen an der Kölner Hochschule für Medien erfunden und zusammengebastelt.

Minimalistischer Klassiker: "Pong"
Morawe

Minimalistischer Klassiker: "Pong"

Und Morawe will auch gar nicht bedauert werden. Für ihn bedeutet die "Painstation" vor allem Spiel, Spaß und Spannung: "Denn erstens wird der Gegner für seine Fehler mit Schmerzen bestraft. Und zweitens ist das Spiel auch eine kleine Mutprobe."

Mittlerweile habe die "Painstation" eine eigene Dynamik entwickelt, die Maschine wirke auch auf seinen Bekanntenkreis wie ein "unglaublicher Magnet", die Mitspieler seien begeistert. Wie bei illegalen Boxkämpfen sei er mit Freunden auf Partys in Köln zu Duellen vor Zuschauern angetreten. Einige mutige Studenten hätten sich dabei selbst an Platte und "PEU" gewagt. Oder sie schauten den Zweikämpfen zu, die Bierflasche in der Hand.

Und auch Sony ist angeblich schon auf das Spiel aufmerksam geworden - allerdings nicht zur Freude der Kölner Tüftler: Weil die beiden Spielebauer zeitweise ein ähnliches Logo wie das der Playstation benutzten, drohte der Elektronikkonzern mit einer Klage.

Kein Kinderspiel, aber der Schmerz tötet nicht

Dabei hatten die beiden Studenten mit der "Painstation" angeblich gar keine kommerziellen Ziele im Sinn: "Eigentlich wollten weg vom reinen Bildschirmduell, wir wollten den Menschen ins Spiel hineinziehen. Stattdessen haben wir eben das Spiel real werden lassen", erklärt Morawe. Nach Monaten schmerzhaften Ausprobierens sei er mit der "Painstation" mehr als zufrieden: "Sie trifft die Grenze zwischen Spiel und medialem Kunstwerk. Und sie hat einen Nerv getroffen."

Und das im doppelten Sinne: Die Meinungen über die "Painstation" sind weit geteilt, Morawe bekommt für das Spiel angeblich Bewunderungen wie Verdammungen zu hören. In manchen E-Mails an ihn sei das Computerspiel als "unheimlich" bezeichnet worden, für andere Absender sei diese Art Spieltrieb ganz einfach "total krank".

Kleine Wunde nach dem Duell: "Kein Kinderspiel"
Morawe

Kleine Wunde nach dem Duell: "Kein Kinderspiel"

In eine sadistische oder masochistische Ecke will sich der Student aber nicht drängen lassen. Sicher, die Peitsche führe zu Schwellungen und kleinen Wunden an den Händen, beschreibt Morawe. Spielerei bleibe aber Spielerei: "Die Schmerzmöglichkeiten sind ausbalanciert: Sie bringen einen einerseits nicht um, andererseits ist die Sache auch kein Kinderspiel." Jeder der Zweikämpfe dauere nur so lange, bis einer der Gegner aufgibt.

Besonders Hartgesottene würden es trotz des schmerzhaften Ärgers über verpasste Bälle sogar 20 Minuten oder länger an dem Block aushalten, beschreibt Morawe. Von der "Painstation" kann auch er selbst nur schwer lassen: "Ich bekomme immer noch feuchte Hände, wenn es an die Platte geht. Dann halte ich es aber schon 20 bis 30 Minuten aus."

Von Steffen Heinzelmann



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