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Last.fm-Transformationen: Let's get physical

Last.fm Das letzte Radio

Last.fm trat einst mit dem Anspruch an, den Nutzer zum Programmdirektor zu machen - und der letzte Radiosender zu werden, den man noch braucht. Zwei Jahre nach dem Kauf durch CBS ist es in manchen Fällen schon so weit. Schade!

Bei Last.fm  ist der Name quasi Programm: Man könnte ihn mit "Letztes UKW" übersetzen, wenn man wollte. Genau das war der Anspruch, mit dem die Seite 2002 veröffentlicht wurde: Wer Last.fm nutzt, sollte der Name signalisieren, braucht keinen anderen UKW-Sender mehr. Last.fm sollte cooler sein als das schnarchige UKW, das für immer mehr Musikfans synonym steht für den Dudelfunk mit seiner engen, ewig eintönigen Charts-Playlist-Rotation halb totgenudelter 08/15-"achtziger, neunziger und das Beste von heute"-Titel.

Last.fm setzt dagegen darauf, den Nutzer selbst zum Programmdirektor oder DJ zu machen, wenn er das will. Das geht so: Entweder, der Nutzer wählt sich ganz direkt die Titel aus, die er hören will. Oder aber - und das ist die attraktivere Seite von Last.fm - er gibt mit einem Musikwunsch eine Musikrichtung vor und das System beliefert ihn in der Folge mit einer Playlist von Songs, die an diesen ersten Wunsch anschließen. Das funktioniert ähnlich wie bei den Amazon-Bewertungen: Das System schlägt dem Hörer Titel vor, die andere Last.fm-Nutzer, die den gleichen Song gehört hatten, im Anschluss als cool oder passend empfunden hatten. Was nicht gefällt, wird übersprungen - und das System lernt dazu.

Binnen kürzester Zeit erfreute sich Last.fm einiger Beliebtheit, weil das wirklich überraschend gut funktioniert.

Radioersatz für den Radiokonzern

Zudem blieb Last.fm in Europa lange Zeit das einzige legal operierende Angebot seiner Art. Die Firma ging aus der Fusion eines britischen mit einem deutsch-österreichischen Projekt hervor, das sich nach und nach der Lizenzen der großen Labels versicherte. In den USA konkurrierten gleich eine ganze Reihe vergleichbarer Dienste (u.a. Pandora und Deezer, dazu Datenbank-Anbieter wie Napster und Rhapsody), in Europa wurde Last.fm zum Platzhirschen - und legte entsprechend an Marktgewicht zu. 2007 hatte Last.fm genug Popularität gewonnen, um einen großen Investor auf den Plan zu rufen: Die amerikanische Senderkette CBS kaufte die Firma für stolze 280 Millionen Dollar.

Seitdem arbeitet Last.fm unter den Fittichen eines Konzerns, der auch rund 140 Radiosender betreibt, die Last.fm, wenn man den Namen ernst nimmt, irgendwann alle beerben könnte. Am Donnerstag gab CBS bekannt, dass dies ab dem 5. Oktober für vier CBS-Sender schon einmal wahr wird: Radiokanäle in New York, Chicago, Los Angeles und San Francisco werden durch eine Art Best-of-Last.fm-Programm vollständig ersetzt.

An Stelle der vier Formatradios tritt ein Einheitsangebot, das über die Hörercharts von Last.fm  gespeist wird. Natürlich ist das ein Etikettenschwindel. Was da aus den Radios klingen wird, hat mit Last.fm nur den Namen gemein.

Ist Kostensenkung innovativ?

Musikredakteure und Moderatoren bei den Sendern werden weitgehend überflüssig, unter dem Strich ist die Aktion vor allem Rationalisierung: Alle vier betroffenen Stationen sind HD-Radio-Angebote von CBS. Sie senden in einer Simulcast genannten Technik parallel UKW- und Digitalsignale. Das macht sie teuer: Sie sind Investitionen in eine digitale Radiozukunft, Übergangsphänomene, wenn man so will. Ihre Hörerschaft ist, weil man zumindest für den Empfang der Digitalsignale spezielle Empfänger braucht, kleiner als die der Mutterstationen, denen sie zugeordnet und die vom Last.fm-Deal nicht betroffen sind. Es geht also um Kostenminimierung.

Inhaltlich ist der Schritt bedrohlich für Radiomacher im Dudelfunk, vor allem aber ein Fehlschritt. Last.fm-Charts im Radio sind so etwas wie "Best of YouTube/Clipfish etc"-Sendungen im Fernsehen - es funktioniert nicht. Last.fm hat im Web weit mehr zu bieten als nur Charts, die doch immer nur die Mitte, den Mainstream repräsentieren können. Die Extreme rechts und links mögen interessant und spannend sein, in der Mitte aber findet sich wieder ein kleinster gemeinsamer Nenner - das Äquivalent zur Playlist des Dudelfunks.

Schwarmintelligenz? Masse bleibt Masse

Bei Last.fm sind diese Hörercharts sogar ganz besonders konservativ, wenn man so will: Seit Jahren gilt, dass die Red Hot Chili Peppers immer in den Top Ten vertreten sind. Aktuell stehen sie auf Platz neun der Künstlercharts, auf Platz eins stehen natürlich Radiohead, für die das Gleiche gilt wie für die Peppers. Das derzeit populärste Radiohead-Lied bei Last.fm ist Karma Police aus dem Jahre 1997 - am Freitag übrigens auf Platz vier der "meistgeliebten" Lieder bei Last.fm.

Bei den Top-Titeln steht das Jahr 2009 im deutschen Angebot weitgehend im Zeichen der Kings of Leon, die seit Ende des Winters fast ohne Unterbrechung die Top-Positionen belegen können. Die Musikfarbe mag etwas schräger sein, aber unter dem Strich sind Schwarmintelligenz-Charts also keinen Deut weniger träge als der öffentlich-rechtliche Rundfunk für die Generation 40 plus. "Sex on Fire" (herausgekommen am 8.9.2008), ein im Dudelfunk längst totgespieltes Lied, wurde bisher rund 4,2 Millionen Mal abgerufen. Das gewährleistet, dass es eine Weile brauchen wird, bis es zu einem Wechsel an der Spitze kommt: Die Charts eines Geschmacksradios reagieren zwangsläufig träger als ein fitter Radio-DJ, der seine Nase im Wind und musikalisch etwas Mut hat.

Manchmal ist das "Dampfradio" besser

So wie bei Wnew, einer CBS-Station aus New York , die bald durch Last.fm ersetzt werden soll. Der Witz daran: Wnew klingt so, als hätte ein Last.fm-Nutzer mit Rock- und Indie-Vorlieben seine All-Time-Favorits eingespeist. Da schrömmelt die Originalversion des Psycho Killer von den Talking Heads, wechselt zu Weezer, zu Franz Ferdinands. Hockey spielt auf, Imogen Heap und Of Montreal. Alt und Neu im abenteuerlichen Wechsel - Regina Spector säuselt, Wolfgang Amadeus Perkins setzt Trend-Akzente, nur um von Nostalgie-Tönen der Eagles, von R.E.M. und - man ducke sich - einer frühen Aufnahme der Rolling Stones Konkurrenz zu bekommen. Wenn Dudelfunk immer so wäre, hätte ein Angebot wie Last.fm keine Chance.

Das aber lebt von der Grundidee, den Musikgenuss einerseits zu individualisieren, zugleich aber fremdes Musik-Know-how von Menschen, die einen ähnlichen Geschmack haben, einzubringen. Wenn man Last.fm geschickt nutzt, wird die Seite zu einem personalisierten Formatradio. Und genau das ist es, was man sich eigentlich auf dem Radiogerät wünscht.

Und es ist technisch möglich. Denn längst gehören Last.fm und - in den USA - seine Konkurrenten zur Grundkonfiguration der meisten Internetradio-Geräte. Normalerweise beschränkt sich das auf das, was CBS-Radiohörer in New York, Chicago, L.A. und San Francisco bald unter dem Label Last.fm zu hören bekommen werden - Charts respektive Radiofunktionen nämlich. Im Idealfall aber schafft es ein Hersteller, die Interaktivität des Web-Angebotes auf das Gerät zu übertragen - so wie beispielsweise der Hersteller Sonos mit seinen hochpreisigeren Streaming-Lösungen (siehe Bildergalerie oben).

Interaktives Musikangebot minus Interaktivität = Dudelfunk

Dann schließt sich der Kreis, und erst dann wird auch die Prophezeiung des Namens plausibel: Wenn losgelöst vom Rechner der Hörer zum Programmdirektor und DJ der Station wird, die er über das Radio hört, dann braucht man wirklich nur noch eine. Ein echtes Interesse daran wird in der Radiolandschaft wohl kaum jemand haben, denn es reduziert den Radiosender zum reinen Dienstleister, dessen Qualität davon abhängt, wie gut er seine Datenbanken dem Nutzer zugänglich macht. Es ist unwahrscheinlich, dass Radio diesen Wettbewerb gewinnen kann.

Doch auf der Verliererseite stehen dann nicht nur die Radiomacher, wie das Beispiel der vier CBS-Sender zeigt, sondern auch die Hörer: Wer nur geschmacksgebunden hört, wird nicht mehr überrascht, entwickelt sich musikalisch nicht weiter. Last.fm ist attraktiv, weil Radio meist keine Alternative bietet, die mithalten könnte. Die Radiolandschaft braucht deshalb nicht weniger Sender, sondern mutigere. Nichts zeigt das besser, als eine Stunde Wnew.com, der New Yorker Sender, der am 5. Oktober durch die Last.fm-Charts ersetzt wird. Ganz gegen das gängige Vorurteil wird dann wohl erst der Mainstream aus dem Web ein bisher durchaus spannendes Programm zum Dudelfunk machen. Bis zum 5. Oktober kann man sich das noch anhören: Einfach oben rechts auf den Button "Listen Live - Play" klicken. 

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