Lawrence Lessig "Ohne Netz-Nutzer keine Icann"

Lawrence Lessig ist Professor für Verfassungsrecht an der Stanford University, Mitbegründer des renommierten Berkman Center für Internet & Gesellschaft an der Harvard University - und aussichtsreicher Kandidat für den nordamerikanischen Direktoriumsposten der Icann.

Von Christian Ahlert


Lessig gehört zu den prominentesten Vordenkern in Sachen Internet. Aufsehen erregte er mit seinen Ideen über den Zusammenhang der technischen Struktur des Internet und der Durchsetzung von Recht und Gesetz im Cyberspace. Lessig ist der Meinung, dass "Code" - technische Standards und der Softwarecode - den Cyberspace regieren. Das Berkman Center war der akademische "Think Tank", der die Entstehung der "Internet Corporation for Assigned Names Numbers" (Icann) von Anfang an begleitete.

Sie sind Kandidat für den Direktoriumsposten der nordamerikanischen Icann-Wahlregion - was wollen denn die nordamerikanischen Internetnutzer von Ihnen und Icann?

Larry Lessig: Ich kann nicht genau sagen, was die Nutzer wollen. Ich will aber erreichen, dass die Internet-Nutzer eine Icann wollen, die sich, so weit es eben geht, aus politischen Entscheidungsprozessen heraushält, und eine Icann, die nicht zum Werkzeug von Sonderinteressen wird. Im Besonderen will ich verhindern, dass die Lobbyisten, die "geistiges Eigentum" schützen wollen, zuviel Einfluss auf Icann ausüben.

In Deutschland haben Online- und Printmedien intensiv über die Wahl berichtet. In den USA, der Heimat des Netzes, war das anders. Denken Amerikaner anders über das Netz als Deutsche?

Larry Lessig: Ich bin der Meinung, dass sehr wenige Amerikaner darüber nachdenken, wie das Netz der Netze eigentlich funktioniert. Sie nehmen an, dass sie den Schlüssel zum Internet in der Hand halten, und dass Regierungen im Cyberspace nichts verloren haben. Ich glaube, dass Europäer diese Ansichten nicht teilen.

Sie haben die Gründung der Icann von Anfang verfolgt. Wie kam es eigentlich zu den derzeit stattfindenden weltweiten Online-Wahlen?

Larry Lessig: Während der Startphase der Neuorganisation des Domain-Name-Systems waren viele Beteiligte der Ansicht, dass es absolut notwendig sei, die Macht einer solchen Organisation effektiv von außen zu begrenzen. Ich habe an diesen frühen Verhandlungen teilgenommen. Die Vorstellung aller war: Wir brauchen eine allgemeine Mitgliedschaft der Netz-Nutzer, um die Macht von Icann zu begrenzen. Das ist heute wichtiger denn je: Icann darf nicht erlaubt werden, ohne die Internetnutzer zu arbeiten.

Sie sagen immer wieder, dass "Code" die Möglichkeiten der Gesetzgebung im Cyberspace bestimme. Sie gehen sogar soweit, "Code" selbst als Gesetz zu bezeichnen. Macht Icann dann die Gesetze für den Cyberspace?

Larry Lessig: Ja, aber momentan nicht durch "Code". Die Uniform Domain Name Dispute Resolution Policy (UDRP), die Icann eingeführt hat, um weltweit Domain-Namens-Streitigkeiten zu lösen, ist de facto neues internationales Recht. Jeder der einen Internetnamen registriert, unterliegt den Regeln der UDRP. Die Gesetze für den Cyberspace, die durch "Code" bestimmt werden, werden durch die Organisationen gemacht, die Icann unterstützen. Momentan jedenfalls.

Icann wird auch den "A-Root-Server" überwachen und kontrollieren, das "Herz" des Internet. Trotzdem behält das amerikanische Wirtschaftministerium immer noch die ultimative Kontrolle über diesen Computer. Sollte sich das nicht ändern?

Larry Lessig: In jedem Fall sollte sich das ändern. Der "A-Root-Server" ist eine Machtressource, die Icann in keinem Fall benutzen darf - das wäre ein schrecklicher Fehler. Eine verantwortungsbewusste internationale Autorität sollte in die Verwaltung des Root-Server-Systems einbezogen werden. Ich weiß nur nicht, welche das sein könnte.

Brauchen wir eine Verfassung für den Cyberspace?

Larry Lessig: Die Architektur des Netzes ist seine Verfassung, und diese Architektur gibt es schon. Ich bin der Meinung, dass diese Architektur ziemlich gut ist. Deshalb werde ich mich dafür einsetzen, diese zu verteidigen.



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