Leipzig vor 20 Jahren Als man SMS noch auf Papier notierte

In den achtziger Jahren blühte in Deutschlands Osten die Spontaneität: Mangels Telefon fuhr man aufs Geratewohl Freunde besuchen, ohne zu wissen, ob sie tatsächlich zu Hause waren. Das Klopfen an der Tür war poetischer als alle polyphonen Klingeltöne zusammen.

Von Katrin Dorn


Altbauten in Leipzig: "Wir sitzen auf Möbeln vom Sperrmüll und zahlen keine Miete"
DPA

Altbauten in Leipzig: "Wir sitzen auf Möbeln vom Sperrmüll und zahlen keine Miete"

Eins meiner liebsten Geräusche ist das Vibrieren meines Handys. Wenn mir jemand eine Nachricht schickt, fängt es zuerst zu brummen an. Jedesmal denke ich dann, dass das Handy so etwas wie ein Tamagochi für Erwachsene ist. Sein Zittern imitiert die präakkustische Aufregung eines Babys vor dem Weinen. Anstatt zu weinen lässt mein Handy eine sanfte Jazz-Melodie erklingen und zeigt mir auf seinem Display einen kleinen Briefumschlag. Zärtlich drücke ich auf den Befehl "Lesen" Die Nachricht lautet: "Komme fünf Minuten später."

Mein bester Freund ist extra vom Fahrrad gestiegen, um mir das zu schreiben. Vermutlich hat er eine Minute zum Schreiben der Nachricht gebraucht. Hätte er sie nicht geschrieben, würde er vier und nicht fünf Minuten nach acht bei mir ankommen. Aber er ist ein echter Gourmet und befürchtet zu Recht, der Lachs könnte zerfallen, wenn ich ihn vom Herd nehmen und ein zweites Mal erhitzen müsste. Dass es Lachs gibt, haben wir per sms bereits ausgemacht.

Dank Handy lass ich den Fisch also liegen und bereite mich mental auf einen Akt von kulinarischer Perfektion vor. Das heißt, ich denke an gar nichts. Die frei gewordenen vier Minuten verstreichen. Ein ungeplantes Zeitloch in meinem durchterminierten Tag. Plötzlich ist mir, als ginge dieses Loch immer weiter auf, als öffne sich ein Erinnerungskrater und ein längst vergessenes Bild steigt aus dem Dunkel empor: Ich sitze in meiner Leipziger Wohnung, es ist neunzehnhundertirgendwasundachtzig, die Berliner Mauer ist ein unumstößlicher Fakt, Handys gab es nicht einmal im Westen und Telefon ist ein Luxus, den nur Leute "in der Platte" haben.

Aber für meine Generation ist jeder Bewohner eines Neubaublocks ein tumber, seines Empfindungsvermögens beraubter, sozialistischer Spießer. Wir dagegen leben sinnlich und streichen die Nischen unserer persönlichen Freiheit mit bunten Farben an. Wir sitzen auf Biedermeiermöbeln vom Sperrmüll und zahlen keine Miete. Die Angestellten der zentralen Wohnungsverwaltung wissen entweder nicht, dass es uns gibt, oder sie haben keine Vorschriften, wie sie die Miete in Abrisshäusern berechnen sollen.

Logisch, dass kein Telefonkabel zu uns verlegt wird. Trotzdem esse ich fast jeden Tag zusammen mit Freunden. Wie haben wir das bloß angestellt? In meinem Haus gab es nicht einmal funktionierende Klingeln. Ich muss mich ziemlich anstrengen, bis mir ein Geräusch einfällt, das ich seit Jahren nicht mehr gehört habe. Jemand klopft an die Tür. Mein Besucher ist durch die halbe Stadt gefahren. Wäre ich nicht zu Hause gewesen, wäre er zu jemand anderen gegangen oder einfach wieder zurückgefahren. Ganze Stunden wären dabei vergangen, ohne dass er auf die Idee gekommen wäre, sich darüber zu ärgern. Wahrscheinlich hätte der Besucher etwas auf einen der Zettel geschrieben, die damals an unseren Türen hingen - als papierne Vorstufe der SMS.

Kaufhaus "Blechbüchse" in Leipzig: "Wie haben wir das bloß angestellt?"
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Natürlich habe ich kein Lachs-Steak in der Pfanne. Meine Gedächtnis verweigert jede Angabe, ob ich so was damals überhaupt schon kannte. Wer mich besuchte, bekam eine Schüssel auf die Knie und schälte Kartoffeln, während ich das Apfelmus für "Himmel und Erde" angerührt habe. Beim Anblick von Kartoffelbrei und Apfelmus bleibt meine Erinnerung stehen. Ich ertappe mich dabei, wie ich auf mein Handy starre. Mein bester Freund könnte ein zweites Mal vom Fahrrad steigen, um mir zu schreiben, dass er in einer roten Ampelphase steckt und sich um noch mal zwei Minuten verspätet.

Ich frage mich, was ich vor zwanzig Jahren in einer ähnlichen Situation gemacht habe. Aber dann merke ich, dass der Gedanke falsch ist. Es gab keine ähnliche Situation. Ich wusste ja niemals, wer sich auf dem Weg zu mir befand. Manchmal ging ich auch selbst los, und machte mich zu jemandem auf den Weg. Allmählich dämmert mir, dass wir eine völlig andere Art von Verbindung hatten. Wir haben in Gedanken miteinander gelebt. Und unsere Besuche waren die einzigen Möglichkeiten, miteinander in Kontakt zu kommen. Möglichkeiten, die permanent bestanden und jederzeit Wirklichkeit werden konnten.

Mein Handy zittert aufgeregt. "Bin gleich da", kündigt mein bester Freund sich an. Ich schreibe ihm zurück. "Kannst du bitte an meine Tür klopfen?" "Kann ich machen", antwortet er. Sonderwünsche sind für ihn Zeichen einer gereiften Persönlichkeit, und er erfüllt sie, ohne nachzufragen.

Plattenbauten: Lebensraum sozialistischer Spießer
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Eine Minute später klopft es. Ich mache auf. Wir nehmen uns in die Arme. Dank seines Klopfens erlebe ich noch einmal die Atmosphäre einer Zeit, in der Zufall und Zuverlässigkeit auf wundersame Weise zusammen gehörten. Da vibriert mein Handy. Meine beste Freundin schreibt: "Würde dich gern treffen, hab aber leider keine Zeit."

Mir ist endgültig klar, dass dieses Handy eine Prothese für etwas ist, das ich mal hatte und das allmählich ins Unbeschreibliche verschwindet.

"Schön, mal wieder bei dir zu sein", sagt mein bester Freund und lässt sich auf einen Stuhl fallen. Ich lege die beiden Lachs-Steaks in die Pfanne. Hinter mir höre ich das Klacken von Handytasten. Ich drehe mich um, nehme ihm so sanft wie möglich sein Handy aus der Hand und sage: "Dann musst du jetzt aber auch hier bleiben."

Wir sind ja auch nicht gleich wieder aus der Wohnung gerannt, wenn uns jemand gerade hereingelassen hat. Mein Freund guckt mich verständnislos an, aber zum Glück hält er meine Bitte für einen Sonderwunsch. Widerspruchslos sieht er zu, wie ich sein Handy ausschalte.



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