Cybermobbing-Clique Das Doppelleben der Macho-Trolle von "Ligue du LOL"

In der Facebook-Gruppe "Ligue du LOL" haben französische Journalisten, Werber und Internetpioniere digitale Hetzkampagnen gegen Frauen koordiniert. Die Hintergründe und Folgen des Cybermobbing-Skandals.

Seite der Facebook-Gruppe "Ligue du LOL"
picture alliance / PHOTOPQR/LE P

Seite der Facebook-Gruppe "Ligue du LOL"

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In Frankreich ist ein Skandal um die Mobbing-Truppe "Ligue du LOL" ("LOL-Liga") entbrannt. In der 2009 gegründeten Facebook-Gruppe sammelten sich Frankreichs Digitalpioniere - sie schickten sich Links und Fotos von Leuten, die sie peinlich, dumm oder zu dick fanden, koordinierten aber auch gezielte Attacken vor allem gegen Frauen.

Am Freitag hatte die französische Zeitung "Libération" die Existenz des Netzwerks bestätigt - seitdem machen weitere Betroffene ihre Erfahrungen in sozialen Netzwerken öffentlich und Frankreich diskutiert über digitales Mobbing und Frauenhass.

Wer gehört zu dem Netzwerk? Wie ging die Gruppe vor? Und welche Folgen hat der Cybermobbing-Skandal?

1. Das Netzwerk: Die "LOL-Liga" ist in Frankreich schon seit längerem bekannt - als digitale Superclique

Mindestens 35 Mitglieder waren - zumindest für einen gewissen Zeitraum - Teil des digitalen Boys Clubs "Ligue du LOL". Unter den Mitgliedern finden sich zahlreiche Journalisten, die bei den großen französischen Zeitungen und bei Kulturmagazinen Karriere gemacht haben, Werber, bekannte Podcaster und Digitalberater, darunter auch der ehemalige Community Manager des französischen Präsidenten Emmanuel Macron.

Die Männer, die Frauen und Minderheiten attackierten, sind keine abgehängten Trolle, sondern junge, gebildete, eher linksgerichtete Intellektuelle, die bis heute Frankreichs Digital- und Medienlandschaft prägen. Der Gruppengründer Vincent Glad, ein links und progressiv wirkender Journalist, der zuletzt etwa die Digitalstrategie der Gelbwesten analysiert hat, hat 140.000 Follower auf Twitter. Auch den anderen Protagonisten der "LOL-Liga" folgen mehrere Tausende, meist Zehntausende Twitternutzer. Bereits in der Anfangszeit von Twitter waren die damals 20- bis 35-Jährigen anerkannte Influencer, die allerdings auch Hetze und Hass verbreiteten.

"Das Twitter von 2008 bis 2010 war eine kleine Welt der 'wenigen Auserwählten' von Journalisten, Kommunikationsexperten, Entwicklern und anderen Angestellten der Digitalbranche, die oft überzeugt davon waren, dass sie die Welt und den Journalismus verändern können", beschreibt "Le Monde"-Journalist Samuel Laurent die Aufbruchzeit, in der die Facebook-Gruppe gegründet wurde. Es sei eine "kleine Gemeinschaft gewesen, die nicht erkennt, wie homogen sie ist: jung, männlich, weiß, gebildet, Pariser."

In der Twitter-Hierarchie standen die "cool Kids" der "LOL-Liga" Laurent zufolge ganz oben: "Sie waren in einer Position, Leute bekannt zu machen oder ihren Ruf zu schädigen, oder sogar frühe Karrieren. Und es war besser, sie nicht gegen dich zu haben." Er habe sie für ihre Meinungsfreiheit, ihren scharfen Humor bewundert - ohne zu ahnen, was noch im Hintergrund passiert.

2. Die Hasskampagnen: Wie die "LOL-Liga" Frauen und Minderheiten angegriffen hat

Vincent Glad, der bis zum Bekanntwerden des Skandals auch für die Zeitung "Libération" gearbeitet hat, hatte die Facebook-Gruppe eröffnet, um "einfach Spaß zu haben", sich über andere lustig zu machen. Die Männer hätten die sozialen Netzwerke als "Spielplatz" betrachtet. "Ich habe ein Monster erschaffen, das mir völlig entglitten ist", rechtfertigt sich Glad jetzt auf Twitter.

Feministische Autorinnen, Journalistinnen und YouTuberinnen berichten davon, wie sie sexistische und teils rassistische Beleidigungen erhielten, aber auch Fotomontagen oder pornografische GIFs, auf die Bilder ihrer Köpfe montiert worden seien. "Mehrere Jahre lang waren ich und andere feministische Freundinnen das Ziel dieser kleinen Pariser Typen, die sich über uns lustig machten", sagte die Aktivistin Daria Marx der Zeitung "Libération".

Mit ihren hohen Followerzahlen gelang es der "LOL-Liga", die Aufmerksamkeit auf bestimmte Accounts oder Debatten zu lenken, sodass die Konten der Zielpersonen schnell mit Hassbotschaften geflutet wurden. "Ich fühlte mich, als würde ich vor einem Scharfschützen davonlaufen", beschreibt eine Feministin die Hassattacken in einem Tweet.

Auch mit Telefonanrufen terrorisierte die Gruppe ihre Opfer. Sie riefen etwa eine Moderatorin an, boten ihr einen Job an - und veröffentlichten den Mitschnitt des Gesprächs online. Im Namen einer YouTuberin veröffentlichten sie auch eine Craigslist-Anzeige mit ihrer Telefonnummer - unterschrieben mit "'Madame fat", als Anspielung auf ihr Gewicht. Mehrere Frauen haben aufgrund der Hassattacken Twitter damals verlassen.

Viele der Gruppenmitglieder betonen in ihren öffentlichen Entschuldigungen, dass ihnen die Folgen ihrer Angriffe erst jetzt bewusst geworden sind - oder dass sie von organisierten Hasskampagnen nichts gemerkt hätten. Die "LOL-Liga" wirkt wie eine eingeschworene Clique, die gemeinsam Bier trinken geht und über andere ablästert - und am Ende will keiner mitbekommen haben, dass dabei Frauen belästigt worden sind. Zwischen 2009 und 2012 war die Gruppe am aktivsten - danach machten einzelne weiter.

Obwohl manche Mitglieder Frauen etwa auch von ihren privaten Accounts aus attackierten, hatten viele der Betroffenen zu viel Angst, die Angreifer anzuprangern - andere kritisierten das Netzwerk zwar, wurden aber nicht wahrgenommen. Erst als die Zeitung "Libération" Online-Hinweisen nachging, wurde die "Ligue du LOL" zum Skandal - fast zehn Jahre nach Gründung der Facebook-Gruppe. Manche Mitglieder der Gruppe versuchten offenbar schnell noch, Spuren zu vertuschen -einer löschte etwa am Sonntag offenbar 393 Tweets.

3. Die Folgen: Einige Arbeitgeber ziehen Konsequenzen aus dem Skandal - doch die "LOL Liga" ist nicht Frankreichs einziges Problem

"Libération" hat interne Ermittlungen eingeleitet und die Mitarbeit mit dem Freelance-Journalisten und Gruppengründer Vincent Glad beendet, auch der Online-Chefredakteur der Zeitung, Alexandre Hervaud, wurde für die Dauer der Untersuchung freigestellt. Das Musik- und Kulturmagazin "Les Inrockuptibles" hat seinen Online-Chefredakteur David Doucet freigestellt, das Magazin "Usbek & Rica" den Journalist Guillaume Ledit entlassen. Die Podcast-Firma Nouvelles Écouteshat die Zusammenarbeit mit dem Podcaster Guilhem Malissen beendet.

Die PR-Firma Publicis Consultants hat Renaud Loubert-Aledo entlassen. Die Initiative "SOS Racisme" hat auch eine offizielle Ermittlung der Cybermobbing-Angriffe beantragt.

Auch in anderen Redaktionen sind Fälle von Sexismus und Rassismus publik geworden: "Le Monde" hatte im vergangenen Herbst drei Journalisten der "Huffington Post France" entlassen, die in einer Slack-Gruppe mit 20 anderen Journalisten sexistische, rassistische und homophobe Nachrichten ausgetauscht hatten. Auch bei "Vice France" gab es eine ähnliche Gruppe.

"Mich fasziniert, wie Frankreich plötzlich nach #MeToo und zahlreichen innenpolitischen Affären aufwacht", sagt die PR-Expertin Léa Briand dem SPIEGEL. "Die LOL-Liga ist ein Produkt eines bestimmten Elitemilieus aus Macht, Privilegien und Pariser Coolness", sagt Briand. "Dieses Milieu begrenzt sich nicht auf die Medien und Journalisten, diese Boys Clubs existieren in Frankreich in sehr vielen Strukturen wie Elitehochschulen, die sich dann in Unternehmen, Ministerien und anderen Machtstrukturen wiederfinden."



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