Tränen-Selfie auf LinkedIn Firmenchef beklagt, wie schmerzhaft Entlassungen sind – für ihn

Der Chef einer US-Marketingfirma hat sich mit einem einzigen LinkedIn-Beitrag einen neuen Spitznamen erarbeitet: »The crying CEO«. In den sozialen Medien wird er nun bewundert, vor allem aber verspottet.
Firmenchef Wallake: Jetzt als »The crying CEO« bekannt

Firmenchef Wallake: Jetzt als »The crying CEO« bekannt

Ein Netzstar war Braden Wallake bislang nicht. Auf Plattformen wie LinkedIn und Instagram kam er zwar auf fünfstellige Follower-Zahlen. Doch viele Postings des Geschäftsführers der amerikanischen Online-Marketingagentur HyperSocial stießen nur auf geringes Interesse. Selbst ein Instagram-Posting, das ihn beim Kuscheln mit seinem Hund Roscoe zeigte, bekam nur zwölf Herzchen .

Das hat sich spätestens im Laufe des Mittwochs geändert – durch ein einziges Social-Media-Posting vom Dienstagabend deutscher Zeit.  Seitdem ist Wallake als »The crying CEO« bekannt – und plötzlich sprechen Menschen aus aller Welt über ihn. Er wird im Netz verlacht und kritisiert, aber auch für seinen Mut und seine Offenheit gelobt. Den mehr als 30.000 positiven Emojis unter seinem Posting stehen unzählige negative Kommentare gegenüber, auf Plattformen von Twitter bis Reddit.

Wer selbst sehen will, was die Aufregung ausgelöst hat, muss das Business-Netzwerk LinkedIn ansteuern , auf das sich Wallakes Firma HyperSocial spezialisiert hat. Dort, wo Millionen Menschen neue Jobs und Kontakte suchen und gern mit ihren Arbeitserfolgen prahlen, findet sich Wallakes bislang meistbeachteter Beitrag. Er beschreibt darin, wie schlimm es sich für ihn anfühlt, dass seine Firma Mitarbeiter entlassen muss – im Zuge einer Fehlentscheidung, für die er sich verantwortlich sieht. Am Ende hat Wallake ein Selfie eingefügt, das ihn beim Weinen zeigt.

»Habe hin- und herüberlegt, ob ich das posten soll oder nicht«

»Dies wird das Verletzlichste sein, was ich je teilen werde«, leitet Wallake seinen Beitrag ein. »Ich habe hin- und herüberlegt, ob ich das posten soll oder nicht.« Dann berichtet er von »ein paar« Entlassungen und sagt: »An Tagen wie dem heutigen wünschte ich, ich wäre ein Geschäftsinhaber, der nur auf Geld aus ist und dem es egal ist, wen er dabei verletzt.« So aber sei er nicht. Es gehe ihm darum, »dass die Leute sehen, dass nicht jeder CEO kaltherzig ist und sich nicht darum schert, wenn er oder sie Leute entlassen muss«.

»Ich weiß, es ist unprofessionell, meinen Mitarbeitern zu sagen, dass ich sie liebe«, schreibt Wallake schließlich noch. »Aber ich hoffe aus tiefstem Herzen, dass sie wissen, wie sehr ich sie liebe.«

Im Netz, natürlich auch auf LinkedIn selbst, wird seit der Veröffentlichung dieses Beitrags nun heftig darüber diskutiert, ob Wallakes Umgang mit dem Thema Entlassungen nun vorbildlich, verständlich, peinlich oder gar verachtenswert ist. Auf Reddit etwa  bekommt dieser Kommentar  viel Zustimmung: »Das Dümmste auf der Welt sind Leute, die während des Weinens kurz pausieren, um noch ein Foto machen.« Ein anderer Reddit-Nutzer kommentiert: »Als ich das sah, konnte ich zunächst nicht glauben, wie sehr zum Fremdschämen diese Person ist, aber LinkedIn ist jeden Tag voll von diesem Müll.«

Auf LinkedIn schreibt eine Frau , die kürzlich angeblich selbst ihren Job verloren hat, sie würde wahrscheinlich den Verstand verlieren, wenn das Posting von ihrem Chef stammen würde. »Du weinst? Ich weine. Wir weinen. Du hast deinen Job noch. Stell dir vor, wir würden alle Bilder posten, wie wir weinen?«

Wieder andere Internetnutzer veröffentlichten bitterböse Parodien auf Wallakes Tränen-Selfie  oder klickten sich auf der Suche nach anderen Angriffspunkten durch dessen Instagram-Feed. Dann machten sie sich zum Beispiel darüber lustig, dass Wallake – rein symbolisch, indem er Geld spendete – kürzlich einen Seeotter adoptiert hat .

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Einer der Entlassenen reagierte

Dem Magazin »Vice« sagte Braden Wallake  in einem Telefoninterview, sein Posting sei eine Reaktion auf andere aktuelle LinkedIn-Beiträge gewesen, in denen es darum ging, »wie schrecklich Unternehmer und CEOs sind, die ihre Mitarbeiter entlassen, während sie sich ihr drittes Haus auf den Bahamas oder sonst wo kaufen«. Er habe darauf hinweisen wollen, »dass nicht nur profitgierige, reiche Unternehmen Mitarbeitern kündigen, sondern dass hinter vielen Entlassungen auch normale Menschen stehen«.

Wallake betonte zudem, er zahle sich selbst derzeit kein Gehalt. Insgesamt habe es am Dienstag in seiner Firma zwei Entlassungen gegeben, bei einer davon habe er die schlechte Nachricht selbst überbracht.

Eine dieser beiden Personen – offenbar die, die nicht von Wallake persönlich entlassen wurde –, meldete sich am Mittwochabend auch auf LinkedIn zu Wort . »Nachdem ich den Beitrag gelesen hatte, war mein erster Gedanke ›Ja, da ist Braden, der auf LinkedIn wieder viel zu ehrlich ist‹«, schrieb Noah Smith. »Jetzt sind meine Gefühle ein Mix aus Traurigkeit und Aufregung.«

Traurig mache es ihn, dass man, »wenn man sich online verletzlich zeigt, zur Zielscheibe von Leuten wird, die jemanden angreifen wollen«, schrieb Smith mit Bezug auf all die Social-Media-Beiträge, die sich über Wallakes Posting lustig machen. »Habt ihr nichts Besseres mit eurem Tag anzufangen, als auf LinkedIn nach Leuten zu suchen, die ihr zu Fall bringen könnt?«

Zugleich berichtete Smith davon, dass die Aufregung um das Posting für ihn auch positive Folgen gehabt habe: Viele Menschen hätten sich bei ihm gemeldet, um ihm Hilfe anzubieten. »Ich freue mich auf das, was als Nächstes kommt.«

mbö
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