Ersatz für Windows So freunden Sie sich mit Linux Mint an

Das Support-Ende von Windows 7 naht, Windows 10 nervt bislang mit ständigem Upgrade-Zwang. Wir zeigen, wie Sie die einsteigerfreundliche Linux-Alternative Mint 19.1 gefahrlos testen.

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Von "c't"-Redakteurin Liane M. Dubowy


Keine Lust mehr auf Windows? Mit Linux Mint 19.1 "Tessa" steht eine sichere, stabile Linux-Distribution bereit, die leicht zu bedienen ist. Viele grafische Tools erleichtern administrative Aufgaben, die sich so bequem ohne Kommandozeile erledigen lassen. Das Open-Source-Betriebssystem ist kostenlos, eine große Community hilft bereitwillig bei Fragen und Problemen.

Sie müssen Windows dafür nicht von einem Tag auf den anderen in die Tonne treten. Ohne Risiko können Sie ausprobieren, ob Linux Mint Ihre Anforderungen erfüllt und sich mit Ihrer Hardware verträgt. Wenn Sie dann das System parallel zu Windows installieren, können Sie sich in Ruhe damit anfreunden und nach und nach die verfügbaren Software-Alternativen testen. Wenn es mal brennt, ist Ihre gewohnte Windows-Installation immer noch einsatzbereit.

Gar nicht mal so anders

Linux Mint 19.1 beruht auf dem langzeitunterstützten Ubuntu 18.04, das noch bis 2023 mit Sicherheits-Updates versorgt wird. Zur stabilen Ubuntu-Basis kommt allerdings eine Desktop-Oberfläche, die eher der von Windows 7 ähnelt und damit das Umsteigen erleichtert. Außerdem bietet Mint ein paar zusätzliche Werkzeuge, die die Systemverwaltung vereinfachen. Anleitungen und Anwendungen für Ubuntu funktionieren häufig auch mit Linux Mint.

Wie von Windows gewohnt, liegt am unteren Bildschirmrand eine Art Taskleiste, die rechts einen Systembereich anzeigt. Die Schaltfläche ganz links darauf öffnet das Anwendungsmenü - das Pendant zum Startmenü. Dazwischen liegt eine Liste der geöffneten Fenster. Ein bisschen umgewöhnen müssen Sie sich zwar, doch funktioniert erstaunlich vieles wie von Windows gewohnt. Auch Tastenkombinationen wie Strg+C und Strg+V können Sie wie bisher nutzen.

Bevor Sie die Linux-Installation in Angriff nehmen, können Sie Linux Mint als Live-System von einem USB-Stick starten und in Ruhe ausprobieren. Auf einer SSD installiert läuft das Betriebssystem zwar bedeutend schneller, für einen ersten Rundgang und einen Ausflug in die Linux-Welt reicht ein USB-Stick aber allemal. Eine Programmauswahl für viele Zwecke ist bereits dabei. Auf diese Weise finden Sie außerdem gleich heraus, ob Ihre Hardware mit Mint kompatibel ist.

Kostenlos herunterladen

Bevor Sie loslegen, sollten Sie einige Dinge beachten. Linux Mint 19.1 fordert mindestens 1 GByte RAM, die Entwickler empfehlen 2 GByte Arbeitsspeicher. Beim Booten von einem USB-Stick mit Linux Mint werden Ihre internen Datenträger nicht angefasst. Solange Sie also keine Daten auf die Festplatte oder SSD schreiben, bleibt Ihr Rechner unberührt.

Auf der Website von Linux Mint finden Sie unter linuxmint.com/download.php mehrere Varianten des Linux-Betriebssystems, die Sie kostenlos herunterladen können. Wir haben uns für die Hauptausgabe von Linux Mint mit Cinnamon-Desktop entschieden, der in einem Projekt der Distribution selbst entwickelt wird und auch für andere Linux-Distributionen verfügbar ist. Linux Mint 19.1 steht für 32- und 64-Bit-x86-Systeme bereit. In der Regel entscheiden Sie sich hier besser für das 64-Bit-ISO-Image, außer Ihr Rechner unterstützt nur 32-Bit-Betriebssysteme.

Einmal heruntergeladen, lässt sich das Image zwar auch in einer virtuellen Maschine wie VirtualBox oder Hyper-V installieren, allerdings verrät Ihnen das nichts über die Linux-Kompatibilität Ihrer Hardware. Wir empfehlen daher, das Image auf einen USB-Stick zu verfrachten und den Rechner davon zu booten. Dann sehen Sie schnell, ob irgendwas nicht funktioniert. Auch USB-Geräte wie Drucker oder Scanner können Sie dann probeweise anstecken.

USB-Stick mit Live-System

Wählen Sie für das Livesystem einen Stick, der zuverlässig arbeitet, möglichst schnell ist und mindestens 2 GByte Platz bietet. Das Linux-Mint-Projekt empfiehlt zum Bau des Live-Sticks unter Ubuntu die Electron-App balenaEtcher. Die funktioniert zuverlässig, kontaktiert aber zum Einbinden von Bibliotheken, für die Anzeige von Werbung und für Statistikzwecke diverse Server. Nur letzteres kann man in den Einstellungen unterbinden. Wem das egal ist, der ist mit balenaEtcher gut bedient, das Open-Source-Tool steht für Linux, macOS und Windows unter www.balena.io/etcher zum Download bereit.

Mit wenigen Klicks verfrachtet balenaEtcher das Mint-Image auf einen USB-Stick.
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Mit wenigen Klicks verfrachtet balenaEtcher das Mint-Image auf einen USB-Stick.

Wem balenaEtcher zu mitteilsam ist, der kann stattdessen die Software Win32 Disk Imager verwenden, die es nur für Windows gibt. Nach dem Download kann man das Tool direkt starten. Wählen Sie oben das heruntergeladene Mint-ISO-Image aus, wobei Sie den Dateityp unten rechts im Auswahlfenster auf "*.*" umstellen müssen. Rechts daneben suchen Sie das Laufwerk heraus, das dem angesteckten USB-Stick zugeteilt wurde.

Im Test zeigte Win32 Disk Imager keine Festplattenpartitionen an, externe Datenträger wie USB-Festplatten sollten Sie zur Sicherheit aber besser abziehen. Passt alles, starten Sie den Vorgang mit "Schreiben".

Probelauf: Vom Stick booten

Starten Sie den Rechner dann neu und booten Sie diesmal vom Stick. Wurde das System auf einem modernen PC im UEFI-Modus gebootet, dann klicken Sie dazu ab Windows 8.1 bei laufendem Windows mit gedrückter Umschalttaste auf "Neu starten" und wählen im folgenden Menü erst "Ein Gerät verwenden" und dann "EFI USB Device".

Andernfalls bleibt der Weg über das Boot-Menü des Rechners. Drücken Sie dafür beim Einschalten des PCs je nach Gerät die Taste F2, F8, F10, F11 oder F12, bis das Boot-Menü erscheint. Darin können Sie den Stick auswählen. Weitere Tipps zum Booten von USB-Laufwerken finden Sie in einem ct-FAQ, mehr zum Systemstart mit UEFI lesen Sie hier. Nach kurzem Verweilen auf einem Startbild bootet Linux Mint automatisch und öffnet direkt den Desktop. Sie müssen sich nicht erst anmelden.

Ab ins Netz

Ist Ihr Computer mit einem LAN-Kabel ans Internet angeschlossen und erhält automatisch eine IP zugewiesen, sind Sie nach dem Start des Live-Systems bereits online. Sind drahtlose Netzwerke verfügbar, zeigt Linux Mint nach dem Start einen Hinweis oben rechts auf dem Bildschirm an. Um sich mit einem zu verbinden, klicken Sie unten rechts im Panel auf das Icon mit den zwei Pfeilen und wählen das gewünschte WLAN aus der Liste aus. Fehlt es, können Sie über den Eintrag "More" weitere anzeigen lassen. Über "Network Settings" öffnen Sie die Netzwerkeinstellungen, um ein Netzwerk manuell hinzuzufügen.

Starten Sie das Linux-Mint-Live-System vom USB-Stick, um das System und seine Anwendungen auszuprobieren.
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Starten Sie das Linux-Mint-Live-System vom USB-Stick, um das System und seine Anwendungen auszuprobieren.

Live-Desktop eindeutschen

Der Linux-Mint-Desktop Cinnamon startet in englischer Sprache mit passendem Tastaturlayout, allerdings können Sie auch das Live-System auf Deutsch umstellen. Nutzen Sie das System nur zur Installation, können Sie sich den Schritt sparen: Wenn Sie im Installationsassistenten ein wenig nach oben scrollen und "Deutsch" wählen, schaltet der Dialog sofort auf Deutsch um.

Als Tastaturlayout ist standardmäßig das US-amerikanische ausgewählt. Das können Sie allerdings ändern - ganz ohne Internetverbindung. Suchen Sie im Menü nach "System Settings", um die Systemeinstellungen zu öffnen. Wählen Sie zunächst "Keyboard" und wechseln Sie zu "Layouts". Um das deutsche Tastaturlayout auszuwählen, klicken Sie unten links auf das Pluszeichen, wählen dann in der Liste "German" und klicken auf "Add". Markieren Sie es nun noch in der Liste und befördern Sie es mit den Pfeil-Schaltflächen ganz nach oben. In der Desktop-Leiste taucht nun rechts eine amerikanische Flagge auf. Per Klick darauf können Sie stattdessen die deutsche Tastenbelegung aktivieren.

Möchten Sie erst einmal das Live-System verwenden und das lieber auf Deutsch, laden Sie aus dem Internet die deutschen Sprachpakete nach. Dazu stellen Sie zunächst sicher, dass Ihre Internetverbindung steht. Bedenken Sie allerdings, dass die Änderungen nur temporär sind: Alles, was Sie im Live-System installieren, landet im Arbeitsspeicher, mit dessen Platz Sie gut haushalten sollten. Beim nächsten Neustart sind zudem alle Änderungen verschwunden. Wenn Sie häufiger mit Linux Mint arbeiten wollen, sollten Sie das System also auf der Festplatte installieren.

Schon das Live-System von Linux Mint 19.1 bringt eine Software-Auswahl zum Ausprobieren mit.
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Schon das Live-System von Linux Mint 19.1 bringt eine Software-Auswahl zum Ausprobieren mit.

Um nun die Desktop-Sprache anzupassen, kehren Sie über das Pfeilsymbol oben links in die Übersicht der Systemeinstellungen zurück und öffnen "Languages". Klicken Sie unten auf "Install/Remove Languages", im nächsten Dialog auf "Add" und markieren Sie in der folgenden Liste "German (@euro), Germany ISO-8859-15". Über die Schaltfläche "Install" fügen Sie Ihre Auswahl der Liste hinzu, wo Sie sie markieren und mit "Install language packs" herunterladen und einrichten können.

Die dabei auftauchende Fehlermeldung "Failed to download repository information" können Sie dabei ignorieren und wegklicken. Im nächsten Dialog bestätigen Sie mit "Continue", dann beginnt der Download. Nach Abschluss der Installation schließen Sie den Dialog mit "Close". Nun können Sie über die Schaltfläche "Language Settings" die Option "German(@euro), Germany" auswählen. Wählen Sie am Besten darunter auch gleich die passende "Region" und klicken Sie dann darunter auf "Apply System-wide".

Die Änderungen treten in Kraft, nachdem Sie sich vom Desktop ab- und wieder angemeldet haben. Achtung: Fahren Sie das System nicht herunter, sonst ist alles wieder im Urzustand. Zum Abmelden öffnen Sie das Menü und klicken auf den zweiten Button von unten in der linken Spalte (Logout). Am Anmeldebildschirm tragen Sie den Live-User mint ein und bestätigen mit Return ohne Eingabe eines Passworts. Nun können Sie noch entscheiden, ob alle Ordner im Home-Verzeichnis ihre englischen Namen behalten dürfen oder ebenfalls übersetzt werden.

Der Mint-Desktop

Nun können Sie das Linux-Mint-System nach Belieben testen. Praktischerweise hat es bereits eine umfangreiche Software-Auswahl mit an Bord. Mit dem LibreOffice-Büropaket können Sie Texte schreiben sowie Tabellen und Präsentationen anlegen. Zum Surfen ist der Webbrowser Firefox vorhanden, auch der Mailclient Thunderbird ist im Live-System dabei. Mit Gimp bearbeiten Sie Bilder, mit Rhythmbox spielen Sie Musik ab und der Media Player übernimmt Videos. PDF-Dokumente öffnen Sie mit dem Dokumentenbetrachter. Daneben sind kleine Tools wie ein Taschenrechner, das Tomboy-Notizprogramm und ein einfacher Texteditor dabei.

Das Mint-Menü bietet Favoriten, ein Suchfeld und nach Kategorien sortierte Software.
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Das Mint-Menü bietet Favoriten, ein Suchfeld und nach Kategorien sortierte Software.

Was alles vorinstalliert ist, sehen Sie im Anwendungsmenü, das Sie über das Icon ganz links in der Leiste öffnen. Die Funktionen ähneln dem Startmenü von Windows, sie sind nur anders angeordnet. Links oben in der Seitenleiste des Menüs sind Favoriten untergebracht, standardmäßig sind das von oben nach unten Firefox, die Software-Verwaltung, die Systemeinstellungen, ein Terminalfenster und der Dateimanager. Fügt man weitere Programme als Favoriten hinzu, wird die Leiste der Icons scrollbar und neue Favoriten landen ganz unten. Sie sind dann erst sichtbar, wenn man mit der Maus scrollt.

Direkt darunter liegen Schaltflächen zum Sperren des Desktops, zum Abmelden und Herunterfahren des Computers. Die Software-Rubriken mit den installierten Anwendungen sind rechts daneben untergebracht.

Das Mint-Anwendungsmenü hält oben auch ein Suchfeld bereit, das wie Windows schon nach dem Tippen einiger Buchstaben die darauf passenden Anwendungen anzeigt. Anders als die Windows-Suche präsentiert die Suche aber keine Dokumente.

Legen Sie einfach los: Schreiben Sie Mails, nutzen Sie Linux Mint als Surfstation oder stöbern Sie in den Menü-Kategorien und probieren Sie die angebotenen Programme mal aus. Macht das System auf Ihrer Hardware keine Probleme und gefällt es Ihnen, sollten Sie es auf der Festplatte installieren - dann läuft es noch deutlich schneller.



insgesamt 219 Beiträge
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ralf12012019 18.05.2019
1. Absurd
Warum sollte jemand Windows aufgeben? Solange Linux keine Windows-Programme ausführen kann wird das nix. Dieses Wechselgeschwafel höre ich seit 1995.
ptb29 18.05.2019
2. Jemand, der von Windows Upgradezwang spricht,
sollte keine Artikel über Computer und Software schreiben. Gibt es nur noch oberflächliche Journalisten, die statt zu recherchieren, nur Behauptungen raushauen?
jknaebel 18.05.2019
3.
Warum sollte jemand Windows Software auf einem Linux Rechner laufen lassen? Das würde ja alle Vorteile von Linux ad absurdum führen. Im Übrigen haben Sie keine Ahnung. Als VM können Sie ein komplettes Windows unter Linux installieren (und natürlich auch umgekehrt).
iljur 18.05.2019
4. Kritische Größe
Für die Bedürfnisse der meisten Privat—Anwender gibt es sehr gut funktionierende Software unter Linux. Das Problem beginnt bei Spezial—Software für den professionellen Einsatz, für die es herstellerseitig in der Regel keine Version für Linux gibt. Deshalb kommt dort in de Regel Windows zum Einsatz und weil dort in der Regel Windows zum Einsatz kommt, wird herstellerseitig keine Version für Linux angeboten. Wine etc. ist da auch nur Behelf. Wenn Linux diesen Kreis durchbrechen möchte, muss Windows—Software auf Linux zuverlässig zum laufen gebracht werden. Sonnst bleibt Linux auf dem Desktop leider in der Nische.
MissMorgan 18.05.2019
5. Ich suchte nach einem Linux Notebook
und fand: Nichts. Ich möchte nicht das Risiko eingehen, mir ein neues Notebook zu zerschreddern, weil vielleicht doch nicht dieses Linux mit jenen Komponenten zusammen arbeiten kann. Schade.
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