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21. November 2008, 13:04 Uhr

Live-Webcast

Selbstmord im Internet

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In den USA hat ein 19-Jähriger vor einem Netzpublikum Selbstmord begangen. Die Zuschauer in dem Live-Webcast sollen den Jugendlichen US-Medien zufolge sogar angestachelt haben. Das ist eine Verkürzung der Tatsachen - und zeigt doch die Risiken.

In den USA hat sich am Mittwoch ein 19 Jahre junger Mann vor einem Web-Publikum live das Leben genommen. Laut amerikanischen Medienberichten sei er von den Zuschauern noch angestachelt worden, als er damit begann, Pillen einzunehmen. Der Betreiber der Web-Seite justin.tv, die ihren Nutzern erlaubt, Webcasts live über das Internet zu versenden, hat alle Aufzeichnungen der Tragödie von den Servern gelöscht.

Offene Streaming-Plattform justin.tv: Freiheit mit Risiken

Offene Streaming-Plattform justin.tv: Freiheit mit Risiken

Der tragische Fall ist bei weitem nicht der erste seiner Art. Suizidverabredungen und Quasi-live-Dokumentationen echter Suizide gab es, seit Onlineforen Ende der achtziger Jahre erstmals populär wurden. Bereits 2003 gab es in den USA einen ersten Live-Selbstmord in einem multimedialen Chat-Forum, auch hier wurden Webcam-Bilder verbreitet. Im März 2007 erhängte sich ein 42 Jahre alter Brite vor laufender Webcam. In allen Fällen soll es Ermutigungen, Provokationen, aber auch Versuche der Zeugen gegeben haben, die Selbstmörder von ihrem Vorhaben abzubringen.

Erschütternd an solchen Meldungen ist stets der Verweis auf die "Ermutigungen" aus dem Publikum: Sie sorgen in den Folgetagen regelmäßig für Diskussionen über Zensur einerseits und Verrohung und Exhibitionismus im Web andererseits, die diese junge Menschen erst zu ihren fatalen Taten treiben könnten.

In Einzelfällen mag das so sein. Über die diversen Selbstmordforen im Web ist viel geschrieben worden. Manche davon sind finstere Zonen, in denen sich Pubertierende gegenseitig in die Depression reden, in denen Anleitungen für Suizide veröffentlicht oder Verabredungen getroffen werden. In anderen Foren hingegen stützen sich die Mitglieder gegenseitig, geben sich emotionalen Halt und Tipps, wo und wie Hilfe zu bekommen ist.

So sehr das Thema dazu verführt, sich plakativ und boulevardesk auf den vermeintlichen Skandal, die schaurige Sensation zu stürzen: Ganz so einfach liegen die Dinge meistens nicht. Das Internet und seine exhibitionistischen und kommunikativen Kanäle wirken nicht per se als Anreiz für tödliche Taten - so wenig, wie Dächer an sich ein Anreiz sind, sich da einmal herabzustürzen, weil es eben viele Leute sehen.

Der Preis der Kommunikationsfreiheit

Aber beides geschieht, denn es gibt Selbstmordkandidaten, die mit ihrer Tat Öffentlichkeit und Aufmerksamkeit suchen. Die nicht alleine sein wollen. Das war schon immer so, und immer schon hat es beim öffentlich ausgeführten Suizid diese Irritationen gegeben: "Spring doch!" dürfte eine der meistzitierten Aufforderungen in Berichten über Dachstürze sein.

Solche Äußerungen können ein Anzeichen für Verrohung sein, meist aber sind sie ein Missverständnis. Denn so mancher versteht die Drohung des Selbstmordwilligen als Aufforderung an das Publikum: Sieh mich an, kümmere dich um mich, engagiere dich emotional.

Mancher verweigert sich da, weil er die ihm aufgedrängte Zeugenschaft als unfair empfindet, sich vom Suizidalen missbraucht fühlt. Oder weil er glaubt, damit dem Akt die Befriedigung zu nehmen: Das Signal "Ist mir egal, was du tust" soll dem Suizidalen den Wind aus den Segeln nehmen, den Akt als sinnlos entlarven. Menschen sind komplex. Es gibt eine ganze Menge denkbarer Motive, "Spring doch!" zu rufen, auch wenn das immer falsch ist.

So ist in anderen Fällen das "Spring doch! Tu's doch!" schlicht ein Zeichen dafür, dass der Zeuge den Suizidalen nicht ernst nimmt. So auch im aktuellen Fall: Offenbar hatte der 19-Jährige seinen Selbstmord bereits mehrere Male in verschiedenen Foren und bei justin.tv angekündigt. Was anfangs noch Anteilnahme einbrachte, provozierte am Ende Spott.

Wie im Fall des 42-jährigen Briten schlug die Stimmung im Laufe der Übertragung aber um: Auf anfängliches "Tu's doch!" folgten einzelne Versuche, den Akt zu unterbrechen und dann Anrufe bei Notrufnummern. In beiden Fällen kamen die Retter allerdings zu spät.

Spielwiesen brauchen Aufsicht

Was bleibt, ist ein schaler Beigeschmack in Bezug auf die Rolle, die das Web hier spielt. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass es mit Risiken verbunden ist, Jedermann im Web live alles machen zu lassen. Klar ist aber auch, dass sich solche traurigen Schreckmomente niemals unterbinden lassen können. Wenn man sich auf das Prinzip Jedermann-Live einlässt, muss man mit diesem Risiko leben.

Die Betreiber des Live-Streaming-Angebots justin.tv sowie eines Bodybuilding-Forums, wo der Mann seinen Selbstmord ebenfalls ankündigte, müssen sich nun allerdings peinliche Fragen gefallen lassen. Denn nicht nur die Zuschauer des Selbstmörders nahmen diesen nicht ernst, sondern angeblich auch die Moderatoren. Sie ignorierten die erneute Selbstmordankündigung und ließen den Jugendlichen auf Sendung, auch als dieser erst die Pillen nahm und sich bald danach auf seinem Bett liegend nicht mehr bewegte. Begründet hatte er die Tat mit Liebeskummer und selbst konstatierten charakterlichen Defiziten.

Schon an diesem Punkt hätten die Moderatoren eingreifen müssen - mit einer Unterbrechung der Sendung und einer Alarmierung der Polizei. Vorgetäuscht oder nicht, es kann keine Entschuldigung dafür geben, die Verbreitung solcher Inhalte einfach zu ignorieren. Das ist ein krasses Versagen des Betreibers: Er definiert die Hausordnung, er kann und sollte einschreiten, wenn die Kommunikationswut die Grenzen von gutem Geschmack, Gesundheit oder Recht verletzt. Das wäre nicht Zensur, sondern normal und verantwortlich.

Geschehen ist das nun nur im Nachhinein. Michael Seibel, Chef von justin.tv, hat mittlerweile auf die Vorwürfe reagiert. In einem offenen Brief des CEO heißt es: "Wir bedauern, dass dies passiert ist und respektieren die Privatsphäre des Mannes und seiner Familie. Wir haben Regeln, die die Verbreitung bedenklicher Inhalte verbieten und unsere Community überwacht das Angebot in dieser Hinsicht. Auch diese Inhalte wurden von der Community bemängelt, überprüft und gemäß unseren Geschäftsbedingungen entfernt." Bis dahin hatten sie sich allerdings längst über das Web verbreitet.

Das Beispiel zeigt schlicht, dass solche offenen Plattformen ohne eine funktionierende, professionelle Moderation nicht auskommen. Eigentlich ist das eine Binsenweisheit, wie jeder Betreiber eines ganz profanen Forums weiß.

Daraus eine Verteufelung des Mediums an sich abzuleiten, wäre dagegen dumm: Man verteufelt ja auch keine Dächer. Dach wie Internet-Plattform bieten im übrigen zumindest noch die Chance, einen Suizidalen im Einzelfall von seiner Tat abzuhalten - anders, als wenn er im stillen Kämmerlein nur einen Brief verfasste. Das Problem daran ist nur, dass solche positiven Wirkungen niemals berichtet würden: Nicht stattfindende Ereignisse sind keine Nachrichten. Und "Lebensmüder im Web-Chat entscheidet sich nach Zureden anders" ist keine Schlagzeile.

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