Sascha Lobo

"Trump hat mit Big Data gewonnen" Wie unser Technik-Aberglaube allen schadet

Big Data zerstört die Gesellschaft und entscheidet Wahlen? Virtual Reality verändert alles? Unser übertriebener Glaube an die Macht der Technik führt uns in eine Zeit der Voraufklärung zurück.
Mitarbeiter vom Institut für Informatik, Virtuelle Realität und Multimedia an der Bergakademie Freiberg vor Projektion

Mitarbeiter vom Institut für Informatik, Virtuelle Realität und Multimedia an der Bergakademie Freiberg vor Projektion

Foto: Peter Endig/ dpa

Donald Trump hat wegen seiner ausgefeilten Big-Data-Kampagne gewonnen, bei der auf Facebook mit neuen Methoden der Psychometrie gearbeitet wurde! Das behauptet ein vielbeachteter Artikel  vom 3. Dezember, der zum Glück  von Fachleuten sogleich relativiert wurde . Sogar schon lange bevor er erschien . Es ist wichtig, hier nachvollziehbar zu widersprechen. Denn dahinter verbirgt sich ein Muster, das zur Belastung für die durchdigitalisierte Gesellschaft geworden ist:

Magischer Digitalismus.

Magischer Digitalismus bedeutet, der Maschine, dem Algorithmus magische Fähigkeiten zuzuschreiben. Also eine Art Technoesoterik, die sowohl aus Unwissen wie auch aus dem Wissen samt Überschätzung des eigenen Sachverstands entstehen kann. Niemand ist ab Werk dagegen immun, die Politik nicht, die Wirtschaft nicht, ich natürlich ebenso wenig, aber auch und gerade diejenigen nicht, die bestimmte Bereiche der Technologie bis ins Detail beherrschen. Oder das glauben.

Joseph Weizenbaum beschrieb in seinem Buch "Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft" 1978 seine Erlebnisse mit ELIZA, einer Art Chatbot. Das ist ein Programm, das per Chat kommunizieren kann. Oder besser: diese Fähigkeit vorgaukeln soll. Die zugrunde liegenden Experimente führte Weizenbaum 1966 durch, mit Papierbögen, auf denen eine elektrische Schreibmaschine Sätze ausdruckte. "Ich konnte bestürzt feststellen, wie schnell und wie intensiv Personen, die sich mit [dem Chatbot] unterhielten, eine emotionale Beziehung zum Computer herstellten und wie sie ihm eindeutig menschliche Eigenschaften zuschrieben."

Manipulation via Maschine als Klick-Klack-Kinderspiel?

Heute lachen wir vielleicht, wenn wir lesen, dass sogar Weizenbaums Sekretärin - die wusste, dass sie nur mit einem Algorithmus chattete - intime Momente mit der Maschine verbrachte. Es ist aber ein falsches Lachen, denn wir verhalten uns sehr ähnlich. Eigentlich noch schlimmer. Weil Fähigkeiten und Macht der Maschinen größer geworden sind, schreiben wir ihnen nicht mehr "menschliche Eigenschaften" zu, sondern übermenschliche: Magie.

Künstliche Intelligenz macht alle arbeitslos oder bringt alle um. Big Data zerstört die Gesellschaft oder erlaubt flächendeckende Manipulationen. Virtual Reality verändert alles. Das sind Pauschalisierungen, die so groß erscheinen, dass die Frage "Wie genau soll das geschehen?" in den Hintergrund rückt.

Unabhängig von der tatsächlich vorhandenen Macht (die es zweifellos gibt). Eine wesentliche Funktion des magischen Digitalismus ist nämlich, dass anstelle präziser Erklärung, wie genau etwas funktioniert - die Behauptung plus Beschreibung rückt. Als würde man die Frage "Warum regnet es?" beantworten mit "Weil Gott weint". Samt einer so langatmigen wie präzisen Ausführung, was bei Regen alles nass wird, die sachlich korrekt ist oder scheint, aber eben nichts erklärt.

Der eingangs erwähnte Artikel über Donald Trumps Datensieg ist gar nicht grundsätzlich falsch und skizziert in der Tat eine problematische Entwicklung. Er setzt bloß auf die Wirkung des magischen Digitalismus beim Leser. Er unterstellt nämlich, dass man den datenseitig herausgefundenen Personen nur eine datenseitig individualisierte Botschaft auf Facebook zeigen müsse, und schon handelten sie in Scharen, wie es sich der Absender wünscht. Als sei Manipulation via Maschine heute ein Klick-Klack-Kinderspiel, weil die Maschine, also Magie.

Das klingt wie Werbung für Werbung, deshalb lässt sich die Geschichte auch als (wahrscheinlich vom Journalisten unbeabsichtigtes) Content Marketing für vorgeblich supermächtige neue Werbeinstrumente verstehen. Auch, weil sie schlicht weglässt, wo die Supersoftware versagt hat. Jede Wette, dass die erwähnten Experten sich kaum vor neuen Anfragen retten können. Es ist kein Zufall, dass die Seite, auf der sich jeder selbst von der magischen Datenmacht des Zauberalgorithmus überzeugen kann (und damit zugleich die Datenbanken füttert) - "Apply Magic Sauce"  heißt: Hier magische Soße anwenden!

Argumentation mit Aberglauben

Der magische Digitalismus aber wird zum doppelten Problem der Gesellschaft. Einerseits, wenn dieser Digitalaberglaube aus Unwissen entsteht, und andererseits, wenn er aus der Hybris, der Selbstüberschätzung der Wissenden entsteht.

In dem Moment, da der magische Digitalismus aus Unwissen entsteht, neigt man dazu, alles Unverständliche, alles Unerklärliche, alles Rätselhafte in die Maschine, mithilfe des unverstandenen Algorithmus zu erklären. Eigentlich ein simpler, psychologischer Mechanismus: Ich hätte nie gedacht, dass Trump gewinnt - das kann doch nicht daran liegen, dass ich die Situation falsch eingeschätzt habe, sondern muss an einer neuen ungeheuerlichen digitalen Macht liegen! Wer keinen Hammer hat, sieht in jedem unlösbaren Problem einen Nagel.

Die Folgen in der Politik sind schon erkennbar. Seit der Aufklärung, der Anti-Aberglauben-Bewegung des 18. Jahrhunderts, setzt man auf wissenschaftliche Grundsätze bei der Betrachtung der Welt. Gesellschaftlichen Herausforderungen soll politisch begegnet werden, indem Ursache und Wirkung erforscht werden.

Der magische Digitalismus dagegen bietet tolle gefühlte Digitalerklärungen und versperrt so den Blick auf Kausalzusammenhänge. Das Leistungsschutzrecht für Presseverleger von 2013, nach dem Verlagshäusern durch ihr Auftauchen bei Google Geld zustehen soll, ist ein Beispiel. Herbeilobbyiert von mächtigen Verlagen, die davon überzeugt waren, ihre wirtschaftlichen Probleme enstünden irgendwie daraus, dass sie kostenlos in den Google-Suchergebnissen auftauchen. Hä? Ja.

Diese Argumentation lässt sich nur mit viel Aberglauben aufrecht halten. Oder mit Lügen. Wenn der magische Digitalismus aus Unwissen entsteht, führt das bei Unternehmen oft dazu, das Problem zu lösen, das man gern hätte - und nicht das tatsächliche. In der Politik führt magischer Digitalismus dazu, Scheinprobleme zu regulieren, was nicht nur gefährlich, sondern auch ein Einfallstor für Beeinflussungen aller Art ist.

Geht alles, wenn man bloß genügend Daten hat?

Und die kommen oft genug von denjenigen, die gewissermaßen auf der anderen Seite stehen, von denjenigen, die dem magischen Digitalismus durch ihre eigene Hybris erliegen. Weil sie glauben, einen Teilbereich der Technologie perfekt zu verstehen.

Auch kein Zufall, dass fast alle erfolgreichen Digitalkonzernlenker sich der Weltverbesserung zugewandt haben. Sie glauben häufig, dass sie die Welt verbessern können mit den digitalen Instrumenten , die sie selbst reich und mächtig gemacht haben. Das ist oft richtig, ebenso oft eine Frage der Perspektive - und manchmal katastrophal falsch.

PayPal- und Tesla-Macher Elon Musk war vor einiger Zeit der Auffassung, die Schule seiner Kinder würde alles falsch machen. Als Milliardär gründete er seine eigene Schule, deren Fokus er so beschreibt:"Lernen muss sich um Problemlösung drehen."  Das ist die Denkweise eines Mannes, der sämtliche Belange der Welt in digitaler Manier als "Probleme" versteht, die man doch nur "Lösen" müsse. Natürlich mit digitalen Mitteln. "Solutionism" nennt Digitalkritiker Evgeny Morozov diesen Glauben . Auch dahinter steckt magischer Digitalismus in Form des Aberglaubens, die Welt ließe sich als Gesamtheit von irgendwie digital lösbaren Problemen begreifen. Die gesamte Welt ließe sich verstehen , erklären und prognostizieren, wenn man bloß genügend Daten hätte. Vielleicht mit einem Schuss künstliche Intelligenz dazu!

Wir erleben in gewisser Weise eine Zeit der Voraufklärung, wenn man von der Notwendigkeit einer neuen, digitalen Aufklärung ausgeht. Wo die Allesversteher gemeinsam mit den Wenigverstehern am Mythos arbeiten, dass alles eine Frage der digitalen Sphäre ist.

Die einen profitieren davon, meist wirtschaftlich oder in Form einer Deutungshoheit über die gesamte Welt: Wir fragen Datenspezialisten nach Erklärungen, die eigentlich Soziologen oder Ökonomen geben müssten. Die anderen profitieren auch davon, meist, weil sie nicht nach eigenen Unzulänglichkeiten oder Verantwortungen für den Zustand und den Wandel der Gesellschaft fragen müssen - sondern als Generalerklärung den magischen Digitalismus anführen können. An dem sie unschuldig sind.

Nur die Welt selbst profitiert nicht, weil Aberglaube, wohlmeinender wie angsterfüllter, immer der schlechteste Wegweiser ist.