"Mai-Offensive" chinesischer Hacker Rache für Wang Wei

Der Konflikt um das in China notgelandete amerikanische Spionageflugzeug mag beigelegt sein, doch im Web haben sich amerikanische und chinesische Hacker den Krieg erklärt. Morgen, heißt es, beginnen letztere ihre "Mai-Offensive".

Von Werner Pluta


Jet-Pilot Wang Wei: Sein Tod wurde zum Anlass eines "Hackerkrieges"
REUTERS

Jet-Pilot Wang Wei: Sein Tod wurde zum Anlass eines "Hackerkrieges"

Das US Pacific Command hat bereits erhöhte Alarmbereitschaft für Informationssysteme (Stufe "Alpha") angeordnet. Die Militärs rechnen sogar damit, die Alarmbereitschaft im Laufe der Woche auf Stufe "Bravo" oder "Charlie" zu erhöhen. Damit wollen sie Denial-of-Service-Attacken auf ihre Systeme abwehren: Bei "Bravo" wird der Zugriff auf militärische Sites beschränkt, bei "Charlie" werden die System offline geschaltet. Bei der höchsten Alarmstufe, "Delta", werden die Systeme ganz heruntergefahren.

Grund für Abwehrmaßnahmen der US-Militärs ist die Ankündigung einer chinesischen Hackertruppe. Die "Honker Union of China" (von "Hong Ke Lianmeng", etwa: Union der Roten Besucher) will diese Woche eine Großoffensive gegen amerikanische Webserver starten. Die chinesische Hackergruppe, die sich auch als "Hacker Union of China" bezeichnet, tritt nach eigenen Angaben für die "Cyberverteidigung des Souveränität des Mutterlandes China" ein.

Die Honker Union of China hat ihre Offensive für den 1. Mai angekündigt; der Tag der Arbeit ist auch in China ein Feiertag. Höhepunkt der Angriffe soll der 4. Mai sein, dem Feiertag zum Gedenken an die Demonstrationen am 4. Mai 1919. Damals demonstrierten Studenten in ganzen China gegen den Versailler Vertrag, in dem die Westalliierten Japan die ehemaligen deutschen Kolonien in China übergaben. Am 7. Mai jährt sich zudem zum zweiten Mal die Bombardierung der chinesischen Botschaft in Belgrad durch die US-Luftwaffe.

Angriffe häufen sich

Koordiniert oder nicht: Die Angriffe chinesischer Hacker auf US-amerikanische Websites häufen sich. In der Nacht von Samstag auf Sonntag erwischte es die Webseiten der amerikanischen Gesundheits- und Sozialbehörden, die massive gestalterische und inhaltliche Veränderungen über sich ergehen lassen mussten. Auf den Seiten fanden sich unter anderem Bilder des chinesischen Piloten Wang Wei, der nach dem Zusammenstoß mit einem amerikanischen Spionageflugzeug ums Leben kam.

Für Stuart Roy, einen der Sprecher der Sozialbehörden, ist das nicht der "Cyberwar", sondern eine Form der Grafitti: "Sie können einen Laden abschließen, so dass die Waren sicher sind" , sagte er in einer ersten Stellungnahme, "aber Sie können nicht verhindern, dass jemand mit einer Spraydose dahergelaufen kommt".

Also alles halb so schlimm?

Die amerikanischen Behörden haben mittlerweile auch Unternehmen vor möglichen Angriffen gewarnt. Sie gehen davon aus, dass die Angreifer nicht nur Websites hacken und Denial-of-Service-Attacken starten. Sie befürchten auch Virenangriffe - der Gründer der Honker Union, Lion, gilt als der Autor des Linux-Wurms "Lion" (1i0n). Der Wurm soll Passwörter von gehackten Sites ausspionieren und an eine E-Mail-Adresse in China verschicken.

Perspektivenwechsel: Begann Amerika den "Hackerkrieg"?

Die Ankündigung ist eine weitere Eskalation eines regelrechten Krieges zwischen Hackern beider Länder. Amerikanische Hacker sind bereits in diverse chinesische Websites eingedrungen und haben diese mit rassistischen oder obszönen Parolen versehen. Auch einzelne amerikanische Sites wurden bereits Ziel von chinesischen Angreifern: Auf einer Site der US-Marine pflanzten Hacker die chinesische Flagge auf und verkündeten, auch China verfüge über die Atombombe.

Die chinesischen Hacker sehen ihre Offensive auch als Antwort auf die Attacken der Hackertruppe PoizonBOx, die seit Anfang April im Zuge ihrer Operation "ChinaKiller" über 250 chinesische Sites gecrackt und verändert haben will.

PoizonBOx bestreitet allerdings einen Zusammenhang von "ChinaKiller" mit der Affäre um das Spionageflugzeug: "Die ChinaKiller Attacke ist der Kodename für einen Angriff gegen alle *.cn Server durch PoizonB0x. Die ChinaKiller-Kampagne hat NICHTS mit der US-China-Affäre zu tun", schrieben die Cracker kürzlich an das SecurityNewsPortal. PoizonBOx hatten auf den gecrackten Seiten die URL von SecurityNewsPortal hinterlassen.

Der Hackerkrieg eskalierte nach der Kollision des amerikanischen Aufklärungsflugzeugs mit einem chinesischen Abfangjäger am 1. April. Auch auf der Website zum Andenken an den getöteten chinesischen Piloten Wang Wei herrscht ein rüder Umgangston. Einer der Trauernden fordert "den Rest der stolzen chinesischen Luftkrieger" auf, Wangs Beispiel zu folgen. Ein Auslandsstudent an einer amerikanischen Universität fühlt sich ermutigt durch Wang: "Wir haben vor nichts Angst, da wir auch vor dem Tod keine Angst haben."

"Ich hoffe, er starb unter Schmerzen", kontert ein Amerikaner. Andere verhöhnen den Toten als Haifischfutter. Ein Amerikaner drohte gar: "Wenn Ihr Euch mit uns anlegt, werden wir Euch mit Thermonuklear-Waffen bombardieren."



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