Mediendebatte Revolutionen sind unangenehm

Von Mario Sixtus

Ist nur gedruckter Journalismus wahrer Journalismus? Natürlich nicht! Doch genau diese Meinung herrscht in vielen deutschen Redaktionsstuben vor. Das ändert nichts daran, dass immer weniger Menschen immer weniger Tageszeitungen kaufen.

Gedruckte Zeitungen existieren "höchstens noch zehn Jahre". Dieser Überzeugung ist rund ein Drittel aller Zeitungsleser in Norwegen. Das ergab jüngst eine Umfrage. Auf der anderen Seite der norwegischen Druckerpressen sieht man optimistischer in die Zukunft: Von den befragten Zeitungsredakteuren glauben nur etwa zehn Prozent an das Ende ihrer Blätter innerhalb der nächsten zehn Jahre. Das ist eine deutliche Diskrepanz um den Faktor drei, aus der man schließen kann: Zeitungsleser und Zeitungsmacher leben nicht mehr in der gleichen Welt. Das Fatale daran: die erste Gruppe - die Pessimisten - entscheidet mit ihrem Handeln über die Jobs der zweiten Gruppe - der Optimisten.

Die Wir-sind-wichtig-Wahrnehmungsbubble

Diese Dissonanz in den Weltenwahrnehmungen ist kein norwegisches Phänomen. Wahrscheinlich sitzen in dieser Sekunde in etlichen deutschen Redaktionsstuben wieder irgendwelche früh ergrauten Feuilletonnisten über Essays, die ihren Lesern erklären wollen, warum nur gedruckter Journalismus wahrer Journalismus ist. Auch sie werden wieder zum großen Adjektivstreuer greifen und eifrig Wieworte der Gewichtsklasse "Wichtig" über ihre Wörterwürmer streuseln: glaubwürdig, bewährt, welterklärend, unverzichtbar, qualitativ hochwertig, anerkannt, gesellschaftlich relevant, schön, sexy. Und einige dieser Schreiber - die ganz eitlen - werden insgeheim sich selber damit meinen. Aber auch diese wörternen Wichtigkeitsgirlanden werden nichts daran ändern, dass immer weniger Menschen immer weniger Tageszeitungen kaufen. Eine Mechanik, die seit zehn Jahren funktioniert: In diesem Zeitraum sind in Deutschland die Zeitungsauflagen um etwa ein Viertel weggebröckelt, während die Zahl der Gedruckte-Zeitungen-wird-es-immer-geben-weil-die-so-toll-sind-Texte um ein subjektiv gefühlt Vierfaches angestiegen sind. Gibt es eigentlich Erkenntnisse darüber, ob Ertrinkende, je tiefer sie sinken, um so lauter die Existenz den Wassers abstreiten?

Der Selbstbetrug namens Riepl

Für Podiumsdiskussionen und Eröffnungsansprachen auf Medienkongressen habe ich mir mit Freunden inzwischen das "Riepl-Bingo" ausgedacht: Wir wetten untereinander, wie lange es dauert, bis auf der Bühne erstmals das so genannte "Rieplsche Gesetz" erwähnt wird. Sonderlich lange dauert es normalerweise nie, bis ein Redner - meist ein Chefredakteur, Herausgeber oder Verleger - diese angebliche Gesetzmäßigkeit in den Saal wirft, die da lautet, kein Medium habe je ein anderes verdrängt, was man schließlich am fröhlichen Nebeneinander von Radio, Fernsehen und Zeitungen sehen könne.

Dieses "Rieplsche Gesetz", das fahrlässigerweise auch immer noch in Journalistenschulen aufgesagt wird, ist eine Art Mem gewordener Selbstbetrug der Zeitungsbranche, eine per Nachplapperdistribution verbreitete urbane Legende, die sich so hartnäckig hält wie die Mär der Schädlichkeit von Masernimpfungen oder wie der Mythos von der bei Vollmond steigenden Verbrechensrate. Wolfgang Riepl, dereinst Chefredakteur der "Nürnberger Nachrichten", formulierte sein "Gesetz" im Jahr 1913, also vor dem Ersten Weltkrieg, vor der Erfindung von Radio, Fernsehen, Telefon und Datenbrille. Und er schrieb es in eine Doktorarbeit hinein, die da hieß "Das Nachrichtenwesen des Altertums mit besonderer Rücksicht auf die Römer". Riepls Ein-Medium-ersetzt-das-andere-nicht-Regel bezog sich auf vormoderne Kommunikation, und wie falsch er schon damals damit lag, mag jeder selbst beurteilen, indem er sich fragt, wann er sich eigentlich das letzte Mal per Rauchzeichen zum Bier verabredet hat, wann er von seinen Urlaubserlebnissen die letzte Höhlenmalerei angefertigt hat oder auch nur, wann ihn das letzte Mal ein Telegrammbote aus dem Bett geklingelt hat. Und noch viel falscher als Riepl damals lag, liegen heute die, die ihn als vermeintlicher Kronzeuge gegen das Zeitungssterben in digitalen Zeiten anführen.

Print ist vorbei

Gedruckte Tageszeitungen werden schon bald aus unserem Alltag verschwinden. Natürlich wird es in Zukunft noch ein paar davon geben, für Liebhaber, so wie es auch noch Produkte für Vinyl-Schallplatten-Freunde und für Kleinbild-Film-Fotografen gibt. Aber eine Rolle als Massenmedium werden Zeitungen nicht mehr spielen. Vielleicht ist die "FAZ" ja schon bald ein ausschließlich im Abo beziehbarer Newsletter für alternde Konservative?

Es gibt viele gute Gründe dafür, dass Tageszeitungen aus Papier bald den Dinosauriern hinterhergeweht werden. Hier sind einige davon:

  • Ökonomie und Ökologie

Den Wettbewerb "Aufwendigste Methode um Informationen von A nach B zu befördern" würden wohl "von Nobelpreisträgern per Handmeißel beschriftete und von eingespannten Eichhörnchenherden über Einhorntrampelpfade gezogene Marmorplatten" gewinnen. Kurz dahinter dürfte aber schon die Tageszeitung auf einem der vordersten Plätze landen. Es ist einfach purer Irrsinn, tonnenschwere, containergroße Papierrollen einzukaufen, in fußballfeldgroßen Druckmaschinen mit Bildern und Buchstaben zu bestreuen, dann zu zerschneiden, zu falten und schließlich mit Güterwagen und Lkw zu Verkaufsständen und Abonnenten im ganzen Land zu karren, damit sich jeder Leser vielleicht 20, 30 oder 40 Minuten damit beschäftigt, bevor er sich um die Entsorgung des dann nur noch als Info-Müll angesehenen Papierberges kümmern muss. Und vom Rücktransport der nicht verkauften Exemplare haben wir noch ebenso wenig gesprochen wie von der für diesen ganzen Zirkus benötigten Altpapierlogistik. "Das haben wir schon immer so gemacht" ist einer der schlechtesten Gründe ever. Für ungefähr alles.

  • Die Schnappschuss-Problematik

Redaktionsschluss. Andruck. Aus die Maus: Was jetzt nicht in der Geschichte steht, kommt auch nicht mehr 'rein. Auch wenn es ein noch so essentieller Fakt ist, auch wenn es die Bedeutung der Geschichte um 180 Grad drehen würde. Nichts da: "Geht nicht" gibt es eben doch. Der Produktionsprozess der Tageszeitung bedingt, dass wir das Weltgeschehen nicht als fließende, dynamische Dauerbewegung wahrnehmen, sondern als täglichen, eingefrorenen Schnappschuss. "News is a river, not a lake" formulierte schon vor rund zehn Jahren der amerikanische Journalist Doc Searls. Das ganze Leben ist ein dynamischer Prozess und nicht ein starrer Zustand. Diesem Umstand kann eine einmal täglich produzierte Zeitung mit ihrem komplexem Fertigungs- und Transportbedarf unmöglich gerecht werden.

  • Das Gemischtwaren-Paket

Eine Zeitung ist ein Bündel aus verschiedensten Informationen und Dienstleistungen: Auslandsberichte, Leitartikel, Kochrezepte, Promi-Tratsch, Sudokus, Kommentare, Öffnungszeiten des Freibades, Filmkritiken, Todesanzeigen und Angebotsinserate des örtlichen Möbelhauses. Ein typischer Kompromiss, den alte Massenmedien naturgemäß eingehen müssen: Kein Leser interessiert sich für alles im Bündel, einige für vieles, manche für manches, die meisten für ein wenig. Als die Medienwirtschaft noch eine Mangelwirtschaft und noch keine Überflusswirtschaft war, da gab es nun mal nur dieses Bündel zu kaufen, und siehe: Es verkaufte sich prächtig. Die Digitalisierung hat Medienkonsumenten jedoch in wählerische Wesen verwandelt, in Rosinenpicker, die geschnürte Bündel keines Blickes mehr würdigen: im digitalen Download-Laden iTunes interessiert sich im Popmusik-Sektor kaum jemand für Musikalben, stattdessen sind es einzelne Songs, die dort der Verkaufsrenner sind. Die Paketschnür-Strategie der Musikindustrie - zwei gute Songs und zehn "geht so"-Stücke zu einem Album zu verpacken - funktioniert in Digitalien nicht mehr. Genauso fremdartig wirken im 21. Jahrhundert die Text- und Themenbündel einer Tageszeitung.

  • Die Problem-Vererbung

Es ist wie verhext: Was die Zeitungsverlage auch im Digitalen versuchen, ob E-Paper, News-Portal oder Smart-Phone-App, sie schleppen immer eines, mehrere oder alle der oben aufgeführten Probleme mit sich herum - manchmal legen sie sich sogar neue zu: E-Paper beispielsweise besitzt alle Papier-Probleme - abgesehen von Druck und Vertrieb - in der Hauptsache das Schnappschuss-Problem. Apps und News-Websites hingegen wollen Bündel sein und die Leser möglichst lange in ihren Umzäunungen halten. Deswegen verzichten sie konsequent auf Links nach außen und sind sich selbst genug. Der Leser - Bündelverächter und Rosinenpicker, wir erinnern uns - will aber vielleicht nur einen einzigen Text lesen, dann direkt woanders hin, und er fühlt sich gegängelt und bevormundet von dem Versuch, ihn in den eigenen News-Mauern zu halten.

  • Ignoranz und Arroganz

Der österreichische Schriftsteller Peter Glaser hat einmal festgestellt, dass aus der Welt der Massenmedien eine Welt der Medienmassen geworden ist. Alle Gedruckte-Zeitungen-sind-so-toll-Texte die bisher erschienen sind und alle, die noch erscheinen werden, wünschen sich insgeheim die Zeit zurück, in der die Zeitung deswegen unangefochten wichtig war, weil es sonst kaum ein Informationsmedium gab. Mit diesen Abgrenzungstexten (wir sind Qualität, Internet ist bäh) wollen sich die früh ergrauten Feuilletonisten vom bloggenden Mob im Web abgrenzen - und machen sich dadurch ausgesprochen unsympathisch. Wer lässt sich schon gerne von oben herab behandeln?

Sich beim Netzvolk unbeliebt zu machen, gehört sowieso zu den Hobbys vieler Zeitungsmenschen, beispielsweise indem sie dem Netz schmollend eine "Kostenloskultur" unterstellen - und dabei ignorieren, wie viele E-Books, digitale Hörbücher, Musikstücke, Filme und Fernsehserien minütlich über iTunes, Amazon oder sonstwo verkauft werden.

Noch unbeliebter macht man sich natürlich mit dem Versuch, das Web und dessen inhaltlich-funktionale Struktur mal eben komplett lahmlegen zu wollen. Und nichts anderes wollte das ursprüngliche, so genannte "Leistungsschutzrecht für Presseverleger" erreichen - und selbst in der abgeschwächten Variante, in der es jetzt gültiges Recht geworden ist, wird es noch für genug Chaos und juristische Unsicherheiten im Netz sorgen. Dass es Menschen gibt, die für solcherlei rücksichtslose und ignorante Aktionen gleich allen Zeitungen den Untergang wünschen, sollte Zeitungsmacher nicht wundern.

Und nun?

Ich habe keine Ahnung, wie die Zukunft des Journalismus aussieht und wie sie sich finanzieren lässt, aber auf einen Trick der Zeitungsverleger sollten wir alle nicht hereinfallen: Schon seit geraumer Zeit versuchen Lobbyisten der Verlage Politikern und Bürgern einzureden, dass es ohne Verlage keinen Journalismus mehr gäbe, was im Umkehrschluss bedeute, dass die Politik - durch Gesetze, Stiftungen, Steuergelder, wie auch immer - die Verlage zu stützen habe. Diese Gleichsetzung von Journalismus und Verlagen ist natürlich eben so dreist wie unzulässig und sie entspringt der gleichen arroganten Haltung, die schon das Leistungsschutzrecht hervorgebracht hat.

Zeiten der Revolution sind unangenehme Zeiten. Nicht nur für die alten Eliten, die hinweggefegt werden, sondern für auch für alle anderen: für die Revolutionäre und für das Volk. Wie der amerikanische Medienwissenschaftler Clay Shirky feststellt, wird oft das Alte zerstört, bevor das Neue fertig ist, das den Platz des Alten einnehmen kann.

Es ist durchaus möglich, dass die kombinierte Finanzierung von Journalismus durch Leser und Werbekunden, wie sie rund hundert Jahre im Zeitungsgeschäft funktioniert hat, eine historische Ausnahme gewesen sein könnte, dem Umstand geschuldet, dass es in einer nahezu medienlosen Welt relativ einfach war, Aufmerksamkeit zu generieren und zu monetarisieren. Es kann gut sein, dass dieses Modell niemals wieder funktionieren wird. Möglicherweise wird Journalismus zu einem Subventionsobjekt, so wie Büchereien oder Museen. Möglich aber auch, dass neue Player, mutige Ausprobierer, wilde Experimenteure völlig neue Methoden erfinden werden, um Journalismus zu finanzieren.

Momentan deutet nichts darauf hin, dass Verlage zu diesen Innovatoren gehören werden.