Sascha Lobo

S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine Menschenfreund und Ideologe

Selbstverständlich ist es eine große, begrüßenswerte Geste, wenn Mark Zuckerberg 45 Milliarden Dollar verschenkt. Doch ganz ohne Ambivalenz kann man diese Geste nicht betrachten: Der Spender wird mit seiner Spende nicht zuletzt sein eigenes Weltbild fördern.
Mark Zuckerberg: Eigenes Weltbild fördern

Mark Zuckerberg: Eigenes Weltbild fördern

Foto: Str/ dpa

Die nervigste, aber vielleicht auch wichtigste Eigenschaft des digital vernetzten 21. Jahrhunderts ist diese verdammte, klebrige Ambivalenz, ein ständiges Sowohl-als-Auch. Deshalb muss Mark Zuckerberg mit seiner Spendenankündigung  von 45 Milliarden Dollar als echter, unbedingt bewundernswerter Philanthrop gelten. Und zugleich auch als erste Stütze und größter Nutznießer eines Systems, das unbedingt kritikwürdig ist.

Leicht ließe sich herummosern, Facebook hätte lieber Steuern zahlen sollen. Das ist wahr, aber dafür trägt Zuckerberg nur einen Teil der Verantwortung. Unter anderem, weil das System Börse in seiner heutigen Ausprägung jeden abstraft, der nicht erbarmungslos Steuern minimiert. Jahre und Jahrzehnte des radikalen Finanzmarktlobbyismus haben ein falsches Anreizsystem errichtet, das marktradikale Ausnutzung vorschreibt.

Die tatsächlichen Probleme mit Zuckerbergs Spende liegen woanders, nämlich im Fortschrittsbegriff des Silicon Valley, dem auch Zuckerberg anhängt. Sie sind deshalb untrennbar verwoben mit den enormen Chancen, die sich aus der Spende ergeben. Dazu hilft ein Blick auf einen der frühesten und hellsichtigsten Texte zu der philosophischen Grundlage des Silicon Valley. 1995, als Zuckerberg elf Jahre alt war, veröffentlichten Richard Barbrook und Andy Cameron einen Aufsatz , in dem sie die "Kalifornische Ideologie" skizzierten.

Da ist nicht einmal der Hauch eines Selbstzweifels

Die zentrale These: Die Kalifornische Ideologie vermischt die menschenfreundliche Hippiekultur mit dem Ideal eines freien Marktes und dem unbedingten Glauben an die Macht der Technologie. Nicht alles lässt sich auf die heutige Welt übertragen. Aber es bleibt die Erkenntnis, dass die Technologieelite überzeugt ist, Weltverbesserung mit den Mitteln des Marktes und der Allesvernetzung erreichen zu können. Da ist nicht einmal der Hauch eines Selbstzweifels, ob der eingeschlagene Weg nicht der richtige sein könnte. Ob die Bedingungslosigkeit des Fortschrittsglaubens nicht auch problematisch sein könnte.

Ein interessanter Satz von Barbrook und Cameron: "Die kalifornische Ideologie bezieht ihre Popularität von der Mehrdeutigkeit ihrer Grundsätze." Da ist es wieder, das Gefühl der Ambivalenz, und im Fall von Mark Zuckerberg findet es sich in einer durchaus nachvollziehbaren Hoffnung: Man könne mit enormer Energie einen zutiefst plattform-kapitalistischen Netzkonzern in immer neue Machtdimensionen treiben - und zugleich mit denselben Mitteln die Welt besser machen.

Mark Zuckerberg behauptet, dass Facebook die Welt verbessert

Unternehmerspenden sind nichts Neues, auch Stiftungen natürlich nicht, als Ahnherr kann hier Alfred Nobel gelten. Dieses Beispiel zeigt aber sehr gut, wie unternehmerische Weltverbesserung früher aussah: Mit dem leichten Anflug der schamerfüllten Wiedergutmachung wurde das viele verdiente Geld der Gesellschaft zur Verfügung gestellt, als Ausgleich. Aber Alfred Nobel, der Erfinder des Dynamits, wäre kaum auf dem Gedanken gekommen, seiner Stiftung auf den Weg zu geben, künftig die Welt mit Dynamit zu verbessern. Hier liegt der Unterschied zu den Tech-Milliardären: Sie betrachten ihre Spende nicht als Ausgleich des eigenen Handelns, sondern als Erweiterung.

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Mark Zuckerberg: Mutter, Vater, Kind

Foto: Manuel Balce Ceneta/ AP

Mark Zuckerberg behauptet jederzeit, dass Facebook die Welt verbessert. Und jetzt gründet er eine Milliardenstiftung … um die Welt zu verbessern. In dem Brief an seine neugeborene Tochter schreibt er über die Ziele der Chan-Zuckerberg-Organisation: "Zu Beginn fokussieren wir uns auf personalisiertes Lernen, die Heilung von Krankheiten, Leute ins Internet zu bringen und starke Communities aufzubauen." Das ist deshalb ein sehr interessanter Satz, weil keine Unternehmung und keine Institution der Welt die beiden letzten Punkte schon heute intensiver verfolgt als Facebook selbst.

Facebook hat heute mehr gesellschaftliche und soziale Macht als irgendein anderes Unternehmen der Welt. Es hat die allgemeingültige soziale Infrastruktur des Internet aufgebaut. Und so gesehen kann und muss man sehr froh sein, dass eine Person dieses Unternehmen lenkt, deren wichtigstes Ziel heißt: "Wir versuchen, das Potenzial der Menschheit voranzubringen und fördern Gleichheit", wie das Motto der Chan-Zuckerberg-Organisation lautet. Man stelle sich die Katastrophe globalen Ausmaßes vor, wenn Facebook einem so bösartigen wie radikalen Hyper-Ichling wie Rupert Murdoch gehören würde.

Gibt es das börsennotierte Gutmenschentum?

Aber Facebook ist auch das wichtigste Unternehmen des digitalen Plattform-Kapitalismus. Plattformen sind in diesem Kontext digitale Ökosysteme, deren wirtschaftlicher Kern die Kontrolle der Kundenbeziehung ist. Und niemand versteht digitales und durchökonomisiertes Beziehungsmanagement besser als Facebook. Der Konzern Facebook hat ein Preisschild an die Verbindungen zwischen Menschen gehängt, das ist der Grund für den Börsenwert von rund 300 Milliarden Dollar.

Es ergibt sich damit die Frage, ob so etwas wie börsennotiertes Gutmenschentum existiert. Ob ausgerechnet der hypervernetzte Plattform-Kapitalismus diejenige Spielart des Systems ist, die Probleme mit den gleichen Mitteln löst, mit denen sie geschaffen wurden.

Und das bedeutet, dass die Zukunft, die sowohl Facebook als auch die Chan-Zuckerberg-Organisation verfolgen, eine ist, in der die Ökonomisierung von allem nicht als Problem, sondern als Lösung betrachtet wird. Es ist eine Zukunft, in der Mark Zuckerbergs Definition einer lebenswerten Welt mit mehr Geld und mächtigeren Instrumenten vorangetrieben wird als irgendeine andere Definition. Das kann bei aller sichtbar vorhandenen Güte zum Problem werden, wie man bereits an einer Formulierung erkennt.

Eine als Frage getarnte Aufgabe findet sich in Zuckerbergs Brief an seine Tochter: "Können wir die Welt ins Netz holen, sodass du Zugang zu jeder Idee, jeder Person und alle Chancen hast?" Die Frage ist dreifach verräterisch. Zum Ersten ist sie symbolisch zu betrachten, denn die Tochter eines der reichsten Paare der Welt hätte das alles auch ohne irgendwelche Stiftungen gehabt. Zum Zweiten erklärt sie die Vernetzung der Welt bis in den letzten Winkel zu einem unbedingt anstrebenswerten Ziel. Zum Dritten steht da aber auch "Zugang zu jeder Person", was man aus dieser Feder als Ziel lesen muss, die gesamte Menschheit zu Facebook zu holen. Und wenn das gar nicht alle möchten? Verdammte Ambivalenz.

tl;dr

Mark Zuckerbergs Spende macht ihn zugleich zum Philanthropen und zum Apologeten einer radikal technologiegläubigen Zukunft.