Marketing Fremdschämen on demand

Besonders peinliche Videos gehören zu den populärsten im Web. Den Boom des so genannten Fremdschämens, meinen gewitzte Zeitgenossen, muss man kommerziell nutzen - mit Selbstveräppelung als Eigenwerbung.

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Manchmal weiß man nicht so recht: Meint der das jetzt ernst, oder nimmt uns da jemand auf die Schippe? Ist das inszeniert oder echt? Soll ich lachen oder mich peinlich berührt unter dem Tisch verstecken?

Man kann auch beides tun, das sogar genießen und dann noch on demand: Fremdschäm-Videos gehören zu den Highlights der diversen Video-Webseiten. Nehmen wir mal dieses hier:

Ist dieser freundliche, völlig ernste Mann namens Matthias Anthony Granic nun wirklich ein Fan, der von seiner Sache - und seinem Liedermacher-Talent - absolut überzeugt ist? Oder schickt er uns bierernst in den April? Hat er den FC Bayern ins große untalentierte Fan-Herz geschlossen oder nimmt er ihn eher auf den Arm? Und ist er tatsächlich so verrückt, uns in dem Video eine echte private Telefonnummer zu geben?

Echt ja, privat nein.

So herrlich laienhaft und YouTube-ig der gute Herr Granic auch herüber kommt, letztlich gehört er nicht in die gleiche Kategorie wie dieser nette junge Mann:

Dieser Bruce Lee der Saturday Night meint es offensichtlich tödlich ernst. Wer so tanzt, macht keine Witze: Hinter dieser Performance liegen Jahre des intensiven Trainings vor dem Fernseher. Da bewegt sich einer so, weil er gar nicht anders und anders gar nicht kann: Ganz und gar hat er die Rhythmen und Bewegungsmuster verinnerlicht, in tiefster Kontemplation flachster Karate-Opern seinen Körper zu einer intuitiv funktionierenden Verlängerung des Videorekorders gemacht. Das ist Kunst!

Und es ist eine herrliche Fremdschäm-Vorlage, wie es sie bei YouTube und Co zu Tausenden gibt. Sie gehören grundsätzlich zu den populärsten Inhalten überhaupt, und das ruft Menschen wie Matthias Anthony Granic auf den Plan.

Denn natürlich ist der weder so dumm, private Telefonnummern per YouTube zu verbreiten, noch ist er so talentlos, wie er vorgibt: Granic ist zumindest ein pfiffiger Vermarkter. Mit seiner Frau betreibt er die Webseite SingingCoyote.com - insofern ist sein YouTube-Video höchst passend, denn beim singenden Kojoten ist der Name Programm.

Gegründet hat er die Seite, nachdem er vom Aufkauf YouTubes durch Google hörte. Mit Videos von Menschen, die sich öffentlich zum Narren machen, lassen sich also Milliarden verdienen, registrierte Granic - und kam ganz spontan darauf, wie man so etwas aus dem Boden stampfen könnte: mit Karaoke.

Seitdem bietet er mit seinem "weltweit führenden Online-Sanges-Wettbewerb" eine absolute Steigerung YouTube-hafter Fremdschäm-Gefühle. Wer einmal Mercedes Carr "I say a little pray" hat krakeelen hören, der sperrt seine Tochter ein und entzieht ihr den Computer, bis sie 35 ist.

Das würde man als Eltern allerdings auch, wenn man Frau Carrs andere Aktivitäten entdeckte. Denn ihr unerträglicher Sangesbeitrag entpuppt sich als virales Werbevideo: Frau Carr aus Australien ist dort recht bekannt durch Presse (Seite 3, "FHM" und andere) und Web, wo sie sich allerdings seltener talentfrei singend in die Brust wirft, als diese vielmehr textilfrei in die Kamera hält.

Und auch die so herrliche Bayern-Peinlichkeit von Anthony Granic ist natürlich ein geschickt produziertes und platziertes virales Werbe-Video. Ganz schön windig, aber macht nichts. Dafür haben wir jetzt den singenden Kojoten kennen gelernt, denn trotz Granic' hoch gehängter Hoffnungen hat den bisher noch niemand für 1,2 Milliarden Dollar kaufen wollen. 50.000 Dollar, erzählte er der lokalen Presse Ende Mai, habe man ihm aber schon geboten. Er habe abgelehnt und warte auf Angebote, die sich wirklich lohnen. Und wenn es Jahre dauert.



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