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13. März 2012, 16:36 Uhr

Marketing-Gag

Obdachlose als wandelnde Hot Spots

Würdelose Degradierung oder innovatives Projekt? Am Rande einer Web-Konferenz in den USA bieten Obdachlose gegen eine kleine Gebühr drahtlosen Internetzugang an. Die Idee einer Marketing-Agentur stößt auf gemischte Reaktionen.

Sie heißen "Hinz und Kunzt", "Straßenfeger" oder "Bodo": In diversen deutschen Städten verkaufen Obdachlose spezielle Zeitungen, um sich ihren Lebensunterhalt aufzubessern. Nun gilt es als ausgemacht, dass bedrucktes Papier allmählich durch Dateien und elektronische Lesegeräte ersetzt wird. Was aber sollen die Obdachlosen dann verkaufen?

Zum Beispiel drahtlosen Zugang zum Internet. Das ist zumindest die Idee einer US-Marketingfirma, die den W-Lan-Zugang über Obdachlose derzeit im texanischen Austin testet, am Rande des Web-Festivals "South by Southwest". Die wandelnden W-Lan-Verkäufer, die einen LTE-Hot-Spot mit sich herumtragen, haben T-Shirts mit ihrem Namen, einer Telefonnummer sowie der Aufschrift "Ich bin ein Hot Spot" an. Schickt man eine SMS, gibt es für zwei Dollar eine Viertelstunde Internet. Der Surfer kann aber auch einen höheren Beitrag via PayPal zahlen. Die Einnahmen sollen später komplett an die Obdachlosen gehen.

Das Projekt "Homeless Hot Spots" macht Menschen zu Hardware - die Reaktionen fallen unterschiedlich aus. Hier würden Menschen für ein Programm eingespannt, das sich wenig um ihr Schicksal schere, kritisiert das Magazin "Wired". Hauptsache, die Initiatoren und Nutzer könnten sich an der Spitze des Fortschritts fühlen, indem sie an der digitalen Auflösung alter Medienmuster teilnähmen.

Die Obdachlosen aber hätten am Ende von der ganzen Aktion nichts, sie würden stumm bleiben, auf den Status von "optimierten Plattformen" reduziert, die demnächst von einer anderen Firma als Gelegenheit zur preiswerten Reklame genutzt würden. In Obdachlosenzeitungen hingegen kommen die Betroffenen selbst zu Wort.

Die "New York Times" findet die Idee eigentlich praktisch, weil eine vernünftige Internetverbindung auf dem "South by Southwest"-Festival kaum zu bekommen ist. Dass man aber Menschen zur Infrastruktur mache, wenn diese den Dienst versage, sei dann vielleicht aber doch kein wünschenswertes Zukunftsmodell.

Doch was sagen die Betroffenen selbst? Mark, einer der Obdachlosen Hot Spots, findet die Idee gut. Es gebe ihm die Möglichkeit, Geld zu verdienen und mit Menschen ins Gespräch zu kommen, sagte er dem Internetportal ReadWriteWeb. Jeder Obdachlose habe eine ganz eigene Geschichte, er habe ein Interesse daran, Vorurteilen zu begegnen.

In den USA waren Schätzungen der "National Coalition for the Homeless" zufolge innerhalb des Jahres 2009 ein Prozent der Bevölkerung von Obdachlosigkeit betroffen. Das war vor dem Platzen der Immobilienblase - seitdem dürfte diese Zahl zugenommen haben. Gegenwärtig stehen Hunderttausende Hausbesitzer vor der Räumung. Einige der überschuldeten und geräumten Familien finden Zuflucht in Zeltstädten am Stadtrand.

Die heftige Reaktion hätte die Marketing-Agentur vermeiden können, schreibt "The Verge". Sie hätte nur "Ich habe einen Hot Spot" auf die T-Shirts drucken müssen, nicht "Ich bin ein Hot Spot". Ein kleines Detail, dass gegenüber den Obdachlosen würdevoller wäre. Abgesehen davon habe die Aktion aber dazu geführt, das sich Menschen mit dem unbequemen Thema Obdachlosigkeit auseinandergesetzt hätten.

ore/meu

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