Fotostrecke

Kino-Mörder Holmes: Unsichtbar im World Wide Web

Foto: HANDOUT/ REUTERS

Aurora-Mörder Holmes im Netz Suche nach einem Unsichtbaren

Die Web-Community ist fassungslos: Nicht nur über den Zwölffach-Mord von James Holmes in einem Kino bei Denver, sondern auch darüber, dass ein 24-jähriger im Web offenbar kaum Spuren hinterlassen hat. Die wenigen, die zu finden sind, führen allerdings in finstere Ecken.

"Niemand hat ihn auf dem Radarschirm, da ist nichts."
"Dieser Kerl ist ein Rätsel. Niemand weiß was über ihn."

So zitierte die "New York Times" zwei Fahnder, die Web und Social Networks nach Spuren von James Holmes durchsuchen, dem Mörder von Aurora. Nach dem Schock über das Attentat vom 20. Juli beginnt nun die Person Holmes in den Mittelpunkt des Interesses zu rücken.

Oder die Unperson, wenigstens im Netz. Denn da ist so gut wie nichts: Da gibt es zwei gelöschte YouTube-Accounts, zu denen dann wohl auch jeweils Google-Identitäten gehörten. Da gibt es ein Pseudonym, das in Rollenspielerkreisen kursiert und in verschiedenen Waffenforen genutzt wird. Bei Monster.com gab es eine inzwischen als echt bestätigte Jobsuche-Seite von Holmes. Auf dem Portal Adultfriendfinder soll er hingegen völlig andere Dinge gesucht haben, mit Frauen oder Pärchen.

Aber Facebook, Twitter, irgendein Social Network herkömmlicher Strickart? Fehlanzeige.

Bei den Fahndern wirft das Fragen auf, während es bei jüngeren Internetnutzern für Fassungslosigkeit sorgt. Ihnen erscheint Holmes wie ein Geist. Wie kann das sein, dass ein 24 Jahre junger amerikanischer Akademiker nicht vernetzt ist? Mit niemandem kommuniziert, Bilder tauscht, Status-Aktualisierungen veröffentlicht, sich selbst öffentlich macht?

Nur Stunden, nachdem Holmes' Name bekannt wurde, begann die Suche der Community nach einem, der offenbar nicht zu ihr gehörte. Nutzte er vielleicht Pseudonyme?

Bei Reddit fließen Nachrichten und Verschwörungstheorien, Gerüchte und Funde in ein Rechercheprotokoll von fast beispielloser Fülle zusammen . Vieles davon ist völlig aberwitzig. Immerhin: Ein paar Erkenntnisse holten sich nicht nur die Fahnder, sondern auch die Klatschwebseite TMZ dort ab. Es gilt inzwischen als bestätigt, dass James Holmes im Seitensprungservice Adultfriendfinder unter dem Namen classicjimbo nach Sexualkontakten suchte.

Es gibt einen seltsamen Riss in den Aussagen über Holmes. Als freundlich und aufgeweckt schildern ihn die einen. Als abweisend und unfreundlich die anderen. Geht es um dieselbe Person? Oder um eine, die sich verändert hat? So verschieden, wie die zwei inzwischen bekanntesten Bilder seiner Person?

Ein sexuell gehemmter Waffennarr?

Das eine zeigt ihn als dunkelhaarigen Studenten: keck, seine Augen glänzen scheinbar humorig und selbstbewusst, er wirkt intelligent. Das andere ist aus dem Adult-Profil und ähnelt ihm nur wenig: Rothaarig ist er da, hat sich offenbar per Webcam selbst fotografiert.

Vielleicht könnte Holmes auch der LDmaster sein, noch so ein Pseudonym. Es wird seit ein paar Jahren von einem Jim oder James aus Aurora, Colorado, in Waffenforen benutzt.

Sein Waffeninventar entspricht dem, was Holmes ins Kino brachte, um seine Morde zu begehen. Postings mit einer E-Mail-Adresse, die LDmaster als Bestandteil hat, finden sich fast nur in Gamer- und Waffenforen. Die Ausnahme: Sie ist auch in den Listen der E-Mail-Adressen der Abonnenten von Stratfor zu finden, die die Anonymous-Gruppe gehackt und via WikiLeaks öffentlich gemacht hat. Stratfor ist eine Art privater Think-Tank, der gegen Zahlung Informationen geheimdienstlicher Natur in einem Newsletter liefert. International tätige Konzerne lassen sich sowas schicken, aber es wäre auch Spitzen-Stoff für einen Spinner.

Alles Zufall? So wie der Wohnort, die Namensgleichheit?

Ein Zufall auch, dass die folgende Äußerung in einem Waffenforum vom Mai 2011 nun in Rückschau so gut zu passen scheint? Da ließ sich LDmaster zum Thema Internet und Identität aus:

"Ich denke wir sollten alle mal darüber nachdenken, was Google alles über uns sammelt (...). Ich würde definitiv nicht in eine Schießerei involviert werden wollen und dann sehen, wie die ein Forenposting ausgraben, in dem ich scherzhaft sowas sage wie 'ich hab nur 52mal auf ihn geschossen, weil ich nachladen musste'. Ich hab mir Nachrichten angesehen (...) und man stolpert dabei unvermeidlich über Zitate, (...) wo sie die Online-Spuren googeln und irgendwas finden (...). Und Du kannst glauben, dass die Polizei ebenfalls gründlich sucht. Google und andere führende Firmen haben spezielle Software, die sie Fahndungsbehörden zur Verfügung stellen."

Klingt unheimlich. Das Problem ist nur, dass das Web voll ist von solchem Gerede. Wer gründlich genug sucht, findet es auch. So wie Foren voller Spinner, die man sich nur mit Grauen bewaffnet vorstellt. Es kann alles oder nichts bedeuten. Gerücht, Verschwörungstheorie und Nachricht sind sich selten näher als in solchen Kontexten.

Vielleicht ist Holmes unter seinem Namen wirklich darum nicht zu finden, weil er seine Identität bewusst verschleiert hat. So wie Anders Breivik das getan hat, der Massenmörder von Utøya, der seine Untat fast genau ein Jahr zuvor beging. Auch er ein fast Unsichtbarer im Web, der sich nur in wenigen Foren öffentlich äußerte. Ein Einzelgänger im wirklichen Leben, wie Holmes. Zwei sozial isolierte, geistig verwandte Unmenschen?

Das britische Boulevardblatt "Sun" zog die Parallele schon, verwies darauf, dass Holmes bei seiner Killer-Ausrüstung Anregungen aus Breiviks wirrem Revolutions-Brevier befolgte. Holmes sitzt in Haft, und irgendwann wird er reden, Auskunft geben, Dinge klar machen. Das Problem ist nur, dass darauf niemand warten will. Wenn etwas so Unfassbares geschieht wie im Kino von Aurora, dann will man wissen, warum.

Schlicht ein Niemand?

Man darf davon ausgehen, dass auch die Fahnder im Web nach Antworten suchen, nach Spuren und einem "digitalen Fingerabdruck", der sich als Erklärung oder sogar Ankündigung der Tat deuten lässt. Dass Holmes im Web nicht präsent ist, macht ihn heute genauso verdächtig, wie er es als exzessiver Nutzer wäre. Im Januar 2011 veröffentlichte ein Team um den Jugendpsychologen Richard E. Bélanger eine Studie, die exzessive Internetnutzung genau wie Internet- und Vernetzungs-Abstinenz bei jungen Leuten zu einem Warnsignal für mentale Erkrankungen erklärte .

Man muss sich einmal vorstellen, was es für uns alle bedeuten würde, wenn das Konsens würde: Dann wäre nur noch der unverdächtig, der ein "normales" Online-Verhalten zeigt, Selbstveröffentlichung per Social Network inklusive.

Doch vielleicht braucht man aus Holmes' fehlender Online-Präsenz kein Mysterium zu machen. Vielleicht ist Holmes einfach nur ein ehemaliger Überflieger, der mit seinem eigenen Scheitern nicht zurechtkam. Ein Niemand, der jemand werden wollte, und sei es mit Gewalt auf Kosten unschuldiger Menschen.

Denn fast noch auffälliger als die Tatsache, dass Holmes selbst im Web so abwesend ist, ist etwas anderes: Man findet auch keine Freunde von ihm. Niemanden, mit dem er kommuniziert hätte.

Mehr lesen über

Verwandte Artikel

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.