Medienzukunft Zeitung als Shareware?

Immer weniger zahlende Kunden, immer weniger Anzeigen: Wie sieht die Zukunft des Journalismus aus? Der SPIEGEL-ONLINE-Artikel "Panik ist kein Geschäftsmodell" hat diese Diskussion kräftig angeheizt. Diskutieren Sie mit: Sie entscheiden mit über die Zukunft der Medienlandschaft.

Seit Anfang der Neunziger gilt der Alt-Hippie und Ex-Songtexter John Perry Barlow als Vordenker des digitalen Zeitalters. Sein großes Thema: Die Veränderungen, die Netzwerke und digitale Vervielfältigungstechnik für die Branchen bringen, die ihr Geschäft bisher mit der Vermarktung geistiger Güter gemacht haben.

Seine Analyse lautete schon 1992: Geschützt war bisher die Flasche und nicht der Wein. Verkaufen könne man einen Behälter, nicht aber den Inhalt, der frei fließt. Was, wenn keine Flasche mehr nötig ist? Keine CD für Musik, keine DVD für den Film, keine Zeitung für die Nachricht?

Dann, prognostizierte Barlow in zahlreichen Talkrunden und Artikeln, werde der Urheber eben sein Geld machen, weil es ihm jemand gibt, der sich dazu bewusst entscheidet. Barlow übertrug damit das seit Ende der Siebziger erprobte und seit 1982 sogenannte Prinzip der (sehr selten profitablen) Shareware auf alle digital kopierbaren und übertragbaren Waren. Mitte der Neunziger klang das wie ein Rückfall ins Mittelalter - Mäzentum sollte da anscheinend sauer und wohl verdienten Lohn ersetzen.

Ein Missverständnis, denn eigentlich meinte Barlow etwas anderes: Zahlen würden die Nutzer digitaler Waren irgendwann ganz von sich aus und freiwillig für das, was sie als nützlich und erhaltenswert empfinden würden (so wie bei als Shareware vertriebenen Anwendungen). Sie sollten die Brieftasche aus eigenem Interesse zücken, weil es das Richtige wäre: Der Kern einer neuen Ethik in digitalen Zeiten, in der die Masse den Schöpfer von Dingen für seine Dienste belohnt.

Kann Zeitung Shareware sein?

Jetzt, mitten in der vielleicht schlimmsten Krise, die die klassischen Medien bisher erlebt haben, kommen solche Modelle wieder in die Diskussion. Und diskutiert wird vor allem die Zukunftsfähigkeit des ältesten Massenmediums, der Tageszeitung und ihrer Verlage.

Die Tageszeitung, da sind sich alle Experten einig, befindet sich an einem Übergang. Mittelfristig wird sie kein Druckerzeugnis mehr sein, sondern elektronisch verbreitet werden. Schon jetzt wäre es billiger für Verlage, die Leser ihrer Zeitungen mit elektronischen Lesegeräten auszustatten und den Druck komplett einzustellen, wenn sich zugleich der Anzeigenumsatz halten ließe. Das aber funktioniert nicht: Noch immer ist die werbende Wirtschaft nicht bereit, für Werbung in elektronisch verbreiteten Produkten vergleichbare Summen zu zahlen wie für Druckwerke.

Das liegt auch daran, dass die Werbewirtschaft die bloße Zahl von Käufern als höherwertig einschätzt als die dokumentierte Nutzung eines Produktes. Im Klartext: Sie bezahlt mehr für eine Anzeige in einem Produkt, dessen Nutzung nur durch aufwendige Studien näherungsweise zu ermitteln ist, als für Werbeplätze in medialen Angeboten, die ihre tatsächliche Nutzung sekundengenau dokumentieren können.

Folgt man dieser Logik, wäre ein bezahlpflichtiges Online-Angebot für Werbekunden wertvoller. Das Problem: Die Zahl der Nutzer würde dramatisch abnehmen.

Überlebenschancen scheinen professionelle Medien nur zu haben, wenn sie

  • sich ausschließlich aus Werbeschaltungen refinanzieren können - was derzeit kaum noch jemandem gelingt
  • durch Steuern oder ähnliche Zahlungen wie GEZ-Gebühren, oder eine Kultur-Flatrate subventioniert werden
  • weiter im klassischen Mix aus Werbung und Vertriebserlösen (Verkauf und Abos) Geld verdienen.

Doch alle Modelle sind problematisch: Die GEZ kommt nur einem quasi-Staatsfernsehen zugute, eine Flatrate wird niemand bezahlen, der schon GEZ entrichtet, bei der Werbefinanzierung macht die Wirtschaft nicht mit - und die Leser beschweren sich über Werbung, selbst wenn sie aufwendig produzierte Online-Angebote umsonst erhalten.

Das gedruckte Produkt wiederum wollen immer weniger Menschen kaufen, insbesondere der Nachwuchs bevorzugt Online-Medien (siehe Bilderstrecke oben), will für die aber am liebsten nicht bezahlen.

Für Investoren gibt es bequemere und effektivere Methoden, Geld zu verdienen als in den Medien. Auch deshalb werden derzeit weltweit fast tägliche Magazine und Zeitungen eingestellt.

Jammern ist billig, guter Rat teuer

Es gibt zahlreiche Verlage und andere Anbieter, die versucht haben, im Web Bezahlmodelle einzuführen. Es gibt weltweit höchstens eine Handvoll Medien, die dies immer noch tun - alle anderen sind gescheitert.

Jetzt sterben in den USA die Tageszeitungen und auch ihre virtuellen Pendants schreiben rote Zahlen. Prompt kommen wieder Micropayments - kleinste Gebühren für das Lesen einzelner Artikel - sowie Abo-Modelle in die Diskussion.

Am Montag heizte der US-Journalist Walter Isaacson im "Time Magazine" die Diskussion aufs neue an, regte Micropayments und Abos fürs Netz an. Zugleich wärmte das Startup Kachingle (siehe: "Panik ist kein Geschäftsmodell") einen Vorschlag auf, der 2000 schon einmal von John Perry Barlow angeregt wurde - damals als Lösung für das wachsende P2P-Dilemma der Musikindustrie. Es ist letztlich ein Patronage-Modell, bei dem der ehemals für Waren zahlende Kunde die Urheber auf freiwilliger Basis wie beim Trinkgeld im Restaurant im Nachhinein entlohnt - einmal mehr also das Modell Shareware.

Aus der Forendiskussion

Nur will Kachingle das nun in geregelte Bahnen lenken, so wie Barlows Electronic Frontier Foundation dereinst P2P-Börsen zu Verteilern von Pauschalzahlungen machen wollte. Die Zahler würden sich dabei auf eine Art regelmäßiges Trinkgeld-Abo einlassen, bei dem die Einnahmen entweder nach Präferenzen des Zahlers (Prinzip "Lieblingskellner") oder nach Nutzung (es kassiert der, der die Arbeit leistet) verteilt würden. Ein Leser im SPIEGEL-ONLINE-Forum variierte das zu der Anregung, man könne das beispielsweise über eine Medien-Umlage auf DSL-Gebühren regeln.

Diskutieren Sie mit!

Viele Diskutanten im SPIEGEL-ONLINE-Forum finden das Modell Kachingle interessant. Kein Wunder: Es passt zur Nutzung des Netzes. Woher und von welcher Marke eine Nachricht kommt ist dem Internet-Leser oft egal: Sie muss nur gut und verlässlich sein und vielleicht sogar exklusiv. Leser "iMer" erkennt in der Forendiskussion bei SPIEGEL ONLINE die Stärke des Modells genau darin: "Die News-Anbieter", schreibt er in seinem Beitrag, "würden viel mehr als heute dazu übergehen, den Nutzern gute Infos zu bieten, für die die Nutzer auch zahlen wollen."

So kann man das sehen. Das Modell Kachingle könnte den Qualitätsdruck erhöhen, würde die Inhalte-Anbieter aber auf jeden Fall zwingen, origineller zu sein. Denn Einheitsbrei bietet keine Nutzungsanreize - der Anbieter würde im Kachingle-Pool weniger verdienen.

Alles entscheidet sich aber auch hier an zwei Fragen: Wären Verleger überhaupt bereit zu einer solchen Form der Kooperation? Und wären Leser wirklich bereit, bei Zufriedenheit ein "Lesegeld" zu geben?

Im Forum von SPIEGEL ONLINE wird auch darüber gestritten. Eine lebendige, spannende Diskussion ist das, die auch auf Ihren Beitrag wartet. Steigen Sie ein in die Diskussion, denn zumindest eines scheint mittlerweile völlig klar: Wir reden hier über die Zukunft unserer Medienlandschaft - und mittelfristig darüber, ob und in welcher Form die Zeitung überhaupt überleben kann. Und Sie entscheiden das mit.

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