Mein digitaler Alltag Bitte ein Bit

Zeitung? Wozu? Was drin steht, ist eh von gestern. Boris ist doch der Vater! Haben wir schon gewusst. Ein Prosit auf Boris, auf das Internet und alles, was digital ist!

Von Wolfgang Trips


DPA

Lang ist es her. Fast 20 Jahre. Der erste Kontakt mit einem Computer, 1982, noch an der Uni. Ein riesiges Ungetüm, in einem eigenen Raum installiert. Nur der Professor höchstpersönlich durfte ihn einschalten, damit ich mit dem Rechner arbeiten konnte. Die daraus resultierende Doktorarbeit entstand zu Hause auf einer alten Triumph-Schreibmaschine; allein die TippEx-Streifen kosteten mich ein kleines Vermögen, bis ich fertig war...

Sechs Jahre später. Der Beruf zwang mich mehr oder weniger, die Abrechnung auf EDV umzustellen. Viele hatten noch keinen Computer, aber ich wollte den Zug nicht verpassen. So stand dann eines Tages ein 286er von Schneider in der Praxis. Vom Feinsten, sowohl das Teil wie auch sein Preis. 20 Megabyte Festplatte. Doch die Freude währte nicht lange. Der Fortschritt galoppierte vorwärts. Klar, dass das Prunkstück schon bald zuhause ins häusliche Arbeitszimmer umziehen durfte - die Praxis brauchte einen 386er.

Daheim wurde nun mit dem PC geschrieben, mit einem 24-Nadel-Drucker das Resultat greifbar gemacht, und die letzte noch aktive Schreibmaschine verschwand in der Abstellkammer. Aus dieser Zeit stammen auch die ersten "Online"-Erfahrungen. BTX nannte man das damals. Alle Bankgeschäfte liefen ab diesem Zeitpunkt ganz bequem von daheim aus, und das bis heute. Das gute alte Bildschirmtextprogramm ist inzwischen tot, nur die Banking-Funktionen wurden am Leben erhalten. Gut so.

Dann kam ein paar Jahre später das Internet. Ganz zaghaft. Mal eben ausprobiert. Die erste E-Mail. E-Mail? Was soll denn das? Diese Frage beantwortete sich von selbst, und das "WWW", dieses unheimliche, rätselhafte Spinnennetz, hat seine Fäden längst auch um mein Reich gewoben, in dem ich früher einmal der unumschränkte Alleinherrscher war. Allein, das hieß einsam und verlassen, ab und zu Kontakte nach außen per Fax oder Telefon, aber doch allein.

Und heute? Wir alle leben "digital", werden digitalisiert und digitalisieren selbst, wo es nur geht. Einkaufen, Radio hören, Autofahren - die einfachsten Dinge sind allesamt bereits digital gefärbt. Immer mehr bestimmt die Reduktion auf den Zustand "0 oder 1" die täglichen Abläufe, die uns umgeben. Preise verstecken sich in Barcodes, bezahlt wird mit EC-Karte; alles hat eine Nummer, alles wird in Bits und Bytes umgewandelt und weiterverarbeitet.

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Inzwischen mache ich andere Sachen als früher. Tätigkeiten, die ohne Internet und E-Mail nur schwer vorstellbar sind. Übersetzungen aus aller Welt. Artikel schreiben. Die tägliche Arbeit kommt und geht per E-Mail - weltweit und atemberaubend schnell. Und sie wird auch ausschließlich am PC gemacht. Wer schreibt heute noch "von Hand", lässt das Geschriebene dann von der Briefpost befördern und wartet, bis es angekommen ist?

Überhaupt: Was kann der Postbote noch bringen? Ich erlebe es Tag für Tag. Den Inhalt des Briefkastens kann ich in der Regel fast ausnahmslos sofort in die Altpapierkiste werfen. Ungeöffnet. Ist sowieso nur Reklame oder anderer Schwachsinn. In letzter Zeit füllt sich allerdings auch das E-Mailfach über Nacht mit allem möglichen Schrott - die ganze Welt hat plötzlich die guten, alten Kettenbriefe wiederentdeckt, von deren Versprechungen riesiger Gewinne wir schon als Kinder nächtelang geträumt haben.

Ich fühle mich trotzdem wohl in meiner digitalen Welt. Die Tageszeitung hat ihren Stellenwert längst zugunsten der allmorgendlichen Abfrage des E-Mailfachs eingebüßt. Wer hat gemailt? Wie waren die gestrigen Börsenschlusskurse? Was steht im neuen Newsletter? Schnell mal ein paar Mails beantworten. Wozu anrufen? Wozu meine Zeit und die meines Ansprechpartners stehlen oder in der Warteschleife verhungern?

Klar, dass die Zeitung jetzt erst später gelesen wird. Was drinsteht, ist ja doch alles von gestern. Die neuesten Schlagzeilen liefert das Internet, rund um die Uhr: Boris ist doch der Vater! Haben wir eh schon gewusst. Ein Prosit auf Boris, auf das Internet und alles, was digital ist! Bitte ein Bit!



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